Skip to main content
main-content

19.06.2017 | Vorhofflimmern | Nachrichten

Primärprävention

Antikoagulation bei Vorhofflimmern: Bester Schutz auch vor Herzinfarkten

Autor:
Peter Overbeck

Eine orale Antikoagulation scheint bei Patienten mit Vorhofflimmern, aber ohne Koronarerkrankung, nicht nur Schlaganfällen, sondern auch Herzinfarkten besser vorzubeugen als eine alleinige Prophylaxe mit ASS. Die Kombination aus Antikoagulation und ASS war in einer neuen Studie nicht stärker wirksam, sie erhöhte aber das Risiko für Blutungen.

Bei Patienten mit Vorhofflimmern ist das Risiko für einen Schlaganfall in der Regel höher als das Risiko für einen Myokardinfarkt. Gleichwohl ist die Gefahr eines Herzinfarkts in dieser Situation nicht zu vernachlässigen.

In der Schlaganfallprophylaxe bei Vorhofflimmern hat sich die Antikoagulation einer alleinigen Thrombozytenhemmung mit Acetylsalicylsäure (ASS) in puncto Wirksamkeit als eindeutig überlegen erwiesen. Weniger klar ist, ob dies auch für die Verhinderung von Herzinfarkten gilt – vor allem dann, wenn es um die Primärprävention bei Patienten geht, die zwar Vorhofflimmern, aber (noch) keine koronare Herzerkrankung aufweisen.

Daten von fast 72.000 Patienten analysiert

Eine Beitrag zur Klärung dieser Frage liefert nun eine Gruppe dänischer Untersucher um Dr. Christina Ji-Young Lee von der Universität Aalborg. Lee und ihr Team haben in ihrer Studie zwischen 1997 und 2012 landesweit erfasste Daten von insgesamt knapp 72.000 Patienten mit diagnostiziertem Vorhofflimmern aus dänischen Gesundheitsregistern analysiert. Berücksichtigt wurden nur Patienten, die augenscheinlich noch keine Koronarerkrankung entwickelt hatten.

Ziel der retrospektiven Analyse war, Aufschluss über die Inzidenz von Herzinfarkten in Abhängigkeit von der Art der – in diesem Fall primärpräventiven - antithrombotischen Therapie zu erhalten. Diese Therapie bestand bei 52% der analysierten Patienten aus einer oralen Antikoagulation mit einem Vitamin-K-Antagonisten (Warfarin oder Phenprocoumon), bei 35% aus einer ASS-Monotherapie und bei 13% aus einer Kombination von Antikoagulation plus ASS.

Alleinige orale Antikoagulation schnitt am besten ab

Im untersuchten Follow-up-Zeitraum (im Schnitt vier Jahre) erlitten 2275 Patienten (3%)  einen Herzinfarkt.  Die jährliche Inzidenzrate betrug  0,8 Ereignisse pro 1000 Patienten. Den relativ besten Schutz vor Herzinfarkten bot die alleinige Antikoagulation: In dieser Subgruppe war die Inzidenzrate mit 5,8 pro 1000 Patientenjahre am niedrigsten.

Im Vergleich dazu war das Herzinfarktrisiko in der Subgruppe mit alleiniger ASS-Prophylaxe relativ um 54% und in der Subgruppe mit einer Antikoagulation/ASS-Kombination relativ um 22% höher. Die intensivere antithrombotische Therapie aus Gerinnungs- plus Plättchenhemmung  war demnach mit keinem Vorteil bezüglich Wirksamkeit assoziiert -  dafür aber mit einem signifikant höheren Blutungsrisiko, das im Vergleich nahezu doppelt so hoch war.

Mit Blick auf Schlaganfälle, von denen 6069 Patienten (8%) betroffen waren, bot sich – was nicht überrascht - ein ähnliches Bild. Erneut war die alleinige orale Antikoagulation mit der relativ niedrigsten  Inzidenzrate assoziiert, während sowohl die ASS-Monotherapie als auch die kombinierte Therapie jeweils mit einem höheren Schlaganfallrisiko einhergingen. Das Blutungsrisiko war in der Gruppe mit kombinierte Therapie relativ am höchsten.

Relevante Informationen für die Praxis

Die Studie der dänischen Untersucher ist kein auf randomisierter Basis vorgenommener Vergleich von unterschiedlichen antithrombotischen Strategien. Auch für sie gelten somit die bekannten Limitierungen von retrospektiven Analyse.

Gleichwohl liefere die Studie wichtige und praktisch relevante Informationen, konstatiert Dr. Jonathan Halperin aus New York in einem Begleitkommentar. Er erhofft sich davon etwa den Effekt, dass von der Praxis, Vorhofflimmern-Patienten ohne manifeste Koronarerkrankung zusätzlich zur Antikoagulation auch noch ASS zu  verordnen, künftig abgegangen wird.

Die neueren nicht Vitamin-K-abhängigen Antikoagulanzien (NOAKs) waren nicht Teil der aktuellen Analyse. Halperin erinnert daran, dass aus den  fünf großen Studien  zum Vergleich von NOAKs mit dem Vitamin-K-Antagonisten Warfarin kein signifikanter Unterschied bezüglich der Inzidenz von Herzinfarkten resultiert ist. Nach seiner Ansicht besteht deshalb Grund zur Annahme, dass die Infarktraten im Fall einer Antikoagulation mit einem NOAK vergleichbar denen unter Vitamin-K-Antagonisten sind, während die Blutungsraten – speziell die für intrazerebrale Blutungen – unter NOAK-Antikoagulation niedriger sein dürften.

Literatur

Zurzeit meistgelesene Artikel

Highlights

18.04.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Expertenvorträge | Video

Was gibt's Neues bei der Herzinsuffizienz?

Kürzere Krankenhaus-Verweildauern hält Prof. Michael Böhm bei Herzinsuffizienz-Patienten für gefährlich. Die Gründe für seine Bedenken und was es sonst noch Neues in der Therapie der Herzschwäche gibt, erfahren Sie in diesem Video. 

29.06.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Highlights | Video

Update Endokarditis – was die Leitlinien sagen

Alles Wichtige zur Endokarditis – von Beschwerden, Komplikationen bis hin zur Therapie und den neuesten Leitlinien-Empfehlungen – erfahren Sie von Prof. Stefan Frantz.

Aus der Kardiothek

12.07.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Expertenvorträge | Video

Neue medikamentöse Therapien für die Herzinsuffizienz

Wie Sie ARNI bei Patienten mit systolischer Herzinsuffizienz korrekt einsetzen, erfahren Sie in diesem Video. Prof. Michael Böhm gibt einen Überblick über alle neue medikamentösen Therapiemöglichkeiten der Herzinsuffizienz mit reduzierter Auswurffraktion.

12.07.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Expertenvorträge | Video

Interventionelle Therapie der Herzinsuffizienz: Was gibt's Neues?

Für die Herzinsuffizienz werden immer mehr interventionelle Therapieansätze entwickelt. Was heute bereits auf dem Markt ist und was in Zukunft möglich sein wird, darüber berichtet PD Dr. Philipp Raake. 

09.07.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Expertenvorträge | Video

Neuer Therapieansatz für die diastolische Herzinsuffizienz (HFpEF)

Bisher gibt es keine Therapie, mit der sich eine Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion (HFpEF) spezifisch behandeln lässt. Doch es gibt Hoffnung. Prof. Gerd Hasenfuß stellt ein neues interatriales Shunt-Device (IASD) vor. 

Interventioneller Verschluss eines Atriumseptumdefekts

Vortrag Prof. Dr. Horst Sievert Jahrestagung DGK 2018

Bei einem 56-jährigen Patienten wird zufällig ein Atriumseptumdefekt festgestellt.  Prof. Horst Sievert und sein Team vom St. Katharinen-Krankenhaus in Frankfurt entscheiden sich für einen interventionellen Verschluss. Sie finden dabei ein weiteres Loch. Was ist zu tun? Für welches Device sich das Team entscheidet und wie sie genau vorgehen, erfahren Sie in diesem Video. 

29-jähriger Patient mit wiederkehrender Rhythmusstörung

Anspruchsvolle Katheterablation einer links gelegenen Leitungsbahn

Live Case 2017 Stents und mehr - AGIK trifft EACPI

Ein 29-jähriger Patient mit Wolff-Parkinson-White-Syndrom leidet an erneuten supraventrikulären Tachykardien. Die erste Katheterablation war schon anspruchsvoll. Prof. Helmut Pürerfellner,  Dr. Livio Bertagnolli und Dr. Philipp Sommer aus Leipzig machen sich auf die  Suche nach der Leitungsbahn.

Suche nach dem Ursprungsort

Mit 3D-Mapping-Systemen zur erfolgreichen VES-Ablation – 4 Fälle aus der Praxis

DGK 2017 LIVE-in-the-box_VES-Ablation mit 3D-Mapping

Mithilfe von 3D-Mapping-Systemen kann der Ursprungsort ventrikulärer Extrasystolen (VES) lokalisiert werden. PD Dr. Rudolfo Ventura aus Bremen stellt 4 spannende Fälle aus der Praxis vor, und zeigt, wie das 3D-Mapping selbst bei anfänglichen Schwierigkeiten zur erfolgreichen Ablation verhelfen kann.

Bildnachweise