Nachrichten 08.11.2019

Auch in China: PPG-Screening auf Vorhofflimmern funktioniert. Doch was ist die ideale Zielgruppe?

Zumindest was die schriftliche Veröffentlichung angeht, kommt die Huawei Heart Study der Apple Heart Study zuvor. Sie zeigt dasselbe: Mit Photoplethysmographie (PPG)-basiertem Screening lässt sich unerkanntes Vorhofflimmern detektieren. Konsequenzen? Unklar.

PPG-basierte Screening-Modelle für Vorhofflimmern nutzen so genannte Smart Devices, die in der Regel mit Mobiltelefonen verknüpft sind und die über einen Lichtsensor verfügen, der direkt auf der Haut aufliegt. Am bekanntesten ist die Apple Watch, entsprechende Uhren gibt es aber auch von Samsung und Huawei. Letztgenanntes Unternehmen bietet außerdem PPG-fähige Armbänder an, und es gibt auch noch andere Hersteller, die diese Technologie anbieten.

Bei der ACC-Tagung im Frühjahr wurden die Ergebnisse der Apple Heart Studie vorgestellt, die bei einer sechsstelligen Zahl von Freiwilligen per Smartwatch nach Vorhofflimmern gesucht und dieses dann per EKG-Pflaster verifiziert hatte. Das Ergebnis war, kurz gesagt, dass ein PPG-basiertes Screening technisch funktioniert.

Bei der ESC-Tagung im Sommer in Paris legten dann die Chinesen mit einer ähnlich konzipierten Studie nach, der Huawei Heart Study, auch Pre-MAFA Study genannt. Deren Ergebnisse liegen jetzt auch schriftlich vor. Die Apple Heart Studie ist noch nicht publiziert.

Bei jedem 500. Menschen gab es Vorhofflimmern-Alarm

Die Screening-Studie Huawei Heart Study oder Pre-MAFA ist Teil des größer angelegten MAFA-Studienprogramms, das in einer weiteren Studie, der MAFA-II-Studie, auch noch den Einsatz von Mobiltechnologie beim integrierten Management von Patienten mit bereits bekanntem Vorhofflimmern untersucht hat. Für die Pre-MAFA-Screening-Studie hatten sich insgesamt knapp 250.000 Interessenten gemeldet, von denen knapp 190.000 dann auch ein PPG-Monitoring des Herzschlags nutzten. Gab es Alarme, wurden dies kardiologisch per EKG verifiziert.

Ähnlich wie bei der Apple Heart Studie gab es auch bei der Pre-MAFA-Studie relevante, dem virtuellen Studiendesign geschuldete Dropout-Raten, aber an dem prinzipiell positiven Ergebnis änderte das genauso wenig wie bei der Apple Heart Studie. Letztlich sprach der PPG-Algorithmus bei 0,2% der Teilnehmer den Verdacht auf Vorhofflimmern aus. In der Apple Heart Studie lag die Quote bei 0,5%. Den Unterschied erklären die Autoren mit einem etwas „strengeren“ Algorithmus in der Huawei-Studie und mit der etwas geringeren Vorhofflimmerprävalenz bei Asiaten.

Von den 0,2% per PPG identifizierten Patienten blieben gut 60% bei der Stange und ließen den Befund verifizieren. In diesem Kollektiv konnte Vorhofflimmern bei 87,0% per EKG bestätigt werden. Fast alle – 95% – der auf diesem Weg diagnostizierten Vorhofflimmer-Patienten erklärten sich bereit, an dem nachgelagerten integrierten Versorgungsprogramm teilzunehmen. Dort wird risikoadjustiert behandelt und der Puls weiterhin überwacht. Letztlich war jeder vierte Patient mit EKG-verifiziertem Vorhofflimmern – insgesamt 54 Patienten – ein Hochrisikopatient. Davon wurden 80% antikoaguliert.

Droht Überversorgung mit oraler Antikoagulation?

Unbeantwortet bleibt nach der Huawei Heart/Pre-MAFA-Studie wie auch der Apple Heart Studie die Frage der klinischen Konsequenzen, die auch von zwei US-amerikanischen Kardiologen in einem begleitenden Editorial thematisiert wird. Zumindest in den USA scheint es mittlerweile so zu sein, dass kardiologische Praxen von Patienten überrannt werden, die ihren Herzschlag selbst auswerten, teils auch übermitteln, und die sich Sorgen machen.

Bei Vorhofflimmern sei das deswegen besonders problematisch, weil immer klarer werde, dass es sich um eine ziemlich universelle Rhythmusstörung handele, sofern nur genau genug gesucht werde. In bestimmten Risikogruppen könne die Wahrscheinlichkeit, Vorhofflimmern irgendwann zu finden, problemlos 35 Prozent übersteigen.

Die meisten Kliniker neigten dazu, solche Patienten dann auch zu antikoagulieren. Doch die Studienevidenz für eine orale Antikoagulation bei Screening-detektiertem Vorhofflimmern sei weiterhin mager, zumal Ärzte dazu neigten, in Screening-Konstellation auch bei niedrigem Risiko aus übertriebener Vorsicht früh zu antikoagulieren.

Zielgruppe Diabetiker und Hypertoniker?

Vor diesem Hintergrund sehen die die Kommentatoren das Risiko einer Überversorgung mit oralen Antikoagulanzien, wenn PPG-basierte Screening-Lösungen auf unselektierte, nicht risikodefinierte Populationen angewandt werden, wie das sowohl die Huawei- als auch die Apple-Studie getan haben. Unabhängig davon seien die Erkennungsquoten beim unselektierten Screening ohnehin viel zu niedrig, um die Kosten dafür zu rechtfertigen.

Demgegenüber könne der selektive Einsatz des PPG-Monitorings bei Menschen mit hoher Prätestwahrscheinlichkeit für Vorhofflimmern, beispielsweise Diabetespatienten oder Hypertoniepatienten, nutzenbringender sein. Das ist bis auf Weiteres aber nur eine Hypothese. Weder Apple- noch Huawei-Studie lassen diese Schlussfolgerung ungeprüft zu.

Literatur

Guo Yutao et al. Mobile Photoplethysmographic Technology to Detect Atrial Fibrillation. J Am Coll Cardiol 2019; 74: 2365-75

Kowey PR, Robinson VM. The Evolution of the One-Armed Bandit. J Am Coll Cardiol 2019; 74: 2376-8

Highlights

Kardiothek

Alle Videos der Kongressberichte, Interviews und Expertenvorträge zu kardiologischen Themen. 

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Schlaganfall: Spezielle Strategie verbessert neurologische Prognose

Das Prinzip der „ischämischen Fernkonditionierung“ kommt ursprünglich aus der Herzmedizin, und hat hier in den letzten Jahren eher enttäuscht. Nun liefert eine randomisierte Studie Hinweise, dass das Konzept bei Schlaganfallpatienten funktionieren könnte.

Ticagrelor plus ASS: Mehr offene Venengrafts nach Bypass-OP

Eine duale Plättchenhemmung mit Ticagrelor plus ASS beugt Venengraftverschlüssen nach aortokoronarer Bypass-Operation besser vor als ASS allein, ergab jetzt eine Metaanalyse. Die höhere Effektivität hat aber ihren Preis.

Wie gefährlich ist (Wettkampf-)Sport bei Long-QT?

Menschen mit einem Long-QT-Syndrom wird von intensiverem Sport üblicherweise abgeraten. Eine französische Kohortenstudie deutet nun an, dass ein solch restriktiver Umfang nicht unbedingt vonnöten ist – doch die Sicherheit scheint an bestimmte Voraussetzungen geknüpft zu sein.

Aus der Kardiothek

Herzinsuffizienz: Optimal-Medikamentöse-Therapie (OMT), und ... was noch?

Medikamente sind die Eckpfeiler einer adäquaten Herzinsuffizienztherapie. Darüber hinaus gibt es zusätzliche Optionen, die für manche Patienten eine Lösung darstellen können. Anhand von Fallbeispielen erläutert Dr. med. Andreas Rieth welche das sind.

Digitale Kardiologie anno 2022 – von Zukunftsvisionen bis sinnvollem Einsatz im Alltag

Die digitale Kardiologie ist nicht nur ein Trend, sie eröffnet eine realistische Chance, die Versorgung von Patientinnen und Patienten zu verbessern. Dr. med. Philipp Breitbart gibt Tipps für den Einsatz solcher Devices im Alltag.

Muss eine moderne Herzinsuffizienztherapie geschlechtsspezifisch sein?

Medikamente wirken bei Frauen oft anders als bei Männern. Dr. med. Jana Boer erläutert, wie sich diese Unterschiede auf die pharmakologische Herzinsuffizienztherapie auswirken, und was Sie dabei beachten sollten.

Kardiothek/© kardiologie.org
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org