Nachrichten 22.06.2021

Bei Krebserkrankungen auch an Vorhofflimmern denken!

Patienten mit Krebserkrankungen haben ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Vorhofflimmern. Allerdings variiert dieses Risiko in Abhängigkeit von der Art der malignen Erkrankung, zeigt eine große Studie aus Südkorea.

Verbindungen zwischen Vorhofflimmern und Krebserkrankungen sind in Studien wiederholt beobachtet worden. Der Bezug scheint bidirektional zu sein: Zum einen trat Vorhofflimmern bei Patienten mit Krebserkrankungen häufiger auf, zum anderen bestand bei Patienten mit Vorhofflimmern eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine Krebserkrankung.

Das mit Krebserkrankungen einhergehende Risiko für Vorhofflimmern scheint aber sehr von der Art der malignen Erkrankung abhängig zu sein. Forscher aus Südkorea fanden jetzt heraus, dass speziell maligne hämatologische Erkrankungen mit einem erhöhten Risiko assoziiert waren.

Risiko bei Multiplem Myelom am höchsten

Als maligne Erkrankung mit dem höchsten Risiko erwies sich in ihrer Studie das Multiple Myelom (adjustierte Hazard Ratio [aHR]: 3,34; 95% Konfidenzintervall [KI]: 2,98 – 3,75). Auch bei an Lymphomen (aHR: 2,64) oder Leukämien (aHR: 2,29) erkrankten Patienten war die Wahrscheinlichkeit, dass in den nächsten Jahren Vorhofflimmern neu diagnostiziert wurde, im Vergleich zu Kontrollpersonen ohne Malignome jeweils um mehr als den Faktor 2 erhöht.

Unter den soliden Tumoren waren vor allem intrathorakale Karzinome mit einem erhöhten Arrhythmie-Risiko assoziiert. So entwickelten etwa Patienten mit Lungenkarzinomen (aHR: 2,39) oder mit Ösophaguskarzinomen (aHR: 2,69) mehr als doppelt so häufig Vorhofflimmern als gesunde Kontrollpersonen.

Das vergleichsweise niedrigste Risiko stellten die Untersucher bei Patienten mit Magenkarzinomen fest (aHR: 1,27; 95% KI: 1,23 – 1,32).

Unterschieden wurde zwischen 19 Krebserkrankungstypen

Für die Studie hat eine Gruppe südkoreanischer Forscher um Dr. Eue-Keun Choi von der Abteilung für Innere Medizin am Seoul National University Hospital in einer nationalen Datenbank (Korean National Health Insurance Service) insgesamt 816.811 Patienten identifiziert, bei denen zwischen 2009 und 2016 eine Krebserkrankung diagnostiziert worden war. Dieser Patientengruppe wurde eine doppelt so große Kontrollgruppe mit 1.633.663 nach Alter und Geschlecht „gematchten“ Personen ohne Krebserkrankung gegenübergestellt.

Bei den Krebserkrankungen wurde zwischen 19 unterschiedlichen Krebstypen differenziert. In Abhängigkeit vom spezifischen Krankheitstyp wurde dann jeweils die Inzidenz von neu diagnostiziertem Vorhofflimmern ermittelt. Die mediane Follow-up-Dauer betrug 4,5 Jahre.

In der Gruppe mit Krebserkrankung entwickelten 25.356 Patienten (3,1%) in dieser Zeit ein Vorhofflimmern. In der Kontrollgruppe war der entsprechende Anteil mit 31,801 von Vorhofflimmern betroffenen Personen (1,9%) deutlich niedriger. Die Zeitspanne zwischen Krebs-Diagnose und neu aufgetretenem Vorhofflimmern betrug im Median 1,7 Jahre in der Gruppe mit malignen Erkrankungen und 3,2 Jahre in der Kontrollgruppe.

Unabhängig vom Krebs-Typ waren maligne Erkrankungen als unabhängiger Risikofaktor insgesamt mit einem um den Faktor 1,6 höheren Risiko für Vorhofflimmern assoziiert (aHR: 1,63; 95% KI: 1,61 – 1,66).

Wie ist die Assoziation zu erklären?

Wie ist die die Assoziation von Krebserkrankungen und Vorhofflimmern zu erklären? Eine Erklärung könnte sein, dass Risikofaktoren wie höheres Alter, Rauchen, Alkoholkonsum und Adipositas in beiden Fällen von Bedeutung sind. Da aber Patienten mit Krebserkrankung auch nach Adjustierung für entsprechende Risikofaktoren weiterhin ein erhöhtes Arrhythmie-Risiko aufwiesen, müssen andere Pathomechanismen von Bedeutung sein, so die Studienautoren.

Eine weitere Erklärung könnte nach ihrer Ansicht darin bestehen, dass bei Krebserkrankung genutzte chirurgische oder systemische Therapien die Entstehung von Vorhofflimmern begünstigen. Auch könnten chronische Entzündungsprozesse möglicherweise sowohl für die Karzinogenese als auch die Entwicklung von Vorhofflimmern von Bedeutung sein.

AHA-Statement zu Arrhythmien in der Kardio-Onkologie

Kardiologische Komplikationen bei Patienten mit onkologischen Erkrankungen sind in den letzten Jahren immer stärker in den Fokus gerückt. Die noch junge Disziplin der Kardio-Onkologie ist damit heute zunehmend befasst.

Erst vor wenigen Tagen hat die kardiologische US-Fachgesellschaft American Heart Association (AHA) erstmals ein „Scientific Statement“ zum Thema Arrhythmien in der Kardio-Onkologie publiziert. Ziel dieser Stellungnahme ist, den gegenwärtigen Kenntnisstand bezüglich Erkennung und Behandlung von Herz-Rhythmus-Störungen bei Patienten mit Krebserkrankungen zusammenzufassen.

Die Autoren verhehlen nicht, dass es an aussagekräftigen prospektiven Studien zur Inzidenz sowie zur Prävention und Behandlung von Arrhythmie bei Patienten mit Krebserkrankung noch mangelt. Von dem neuen AHA-Statement erhoffen sie sich, die Fachgruppen der Elektrophysiologen und Onkologen künftig noch stärker für eine klinische und wissenschaftliche Kooperation auf dem Gebiet der Kardio-Onkologie mobilisieren zu können.

Literatur

Jun Pil Yun et al.: Risk of Atrial Fibrillation According to Cancer Type - A Nationwide Population-Based Study. JACC: CardioOncology 2021; 3: 221–232

Recognition, Prevention, and Management of Arrhythmias and Autonomic Disorders in Cardio-Oncology - A Scientific Statement From the American Heart Association. Circulation 2021, online publiziert am 17. Juni 2021

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