Nachrichten 05.03.2020

Nachweis von Vorhofflimmern: Steht ein Paradigmenwechsel an?

Die Apple Watch zeigt erstaunlich gute Ergebnisse beim Erkennen von Vorhofflimmern (VF) und auch Künstliche Intelligenz analysiert EKGs immer besser. Der Kardiologe Prof. Thorsten Lewalter sprach beim Cardio Update in Mainz über die Zukunft des VF-Screenings.

Neben klassischen EKG-Techniken stehen seit Kurzem auch Smartphone- und Smartwatchbasierte Möglichkeiten zur VF-Detektion zur Verfügung. Zwei davon erscheinen Prof. Thorsten Lewalter vom Peter Osypka Herzzentrum in München am vielversprechendsten.

Zum einen lassen sich über den Foto- oder Lichtschacht eines Smartphones oder einer Smartwatch via Photoplethysmografie Rückschlüsse auf die Regelmäßigkeit einer Pulskurve ziehen. Zum anderen kann über ein mit einer Apple-Watch verbundenes Elektrodenarmband ein EKG abgeleitet werden – neueste Versionen der Geräte haben sogar bereits integrierte Elektroden.

Smartwatch erkennt VF-Episoden fast so gut wie Loop-Recoder

In einer aktuellen Studie analysierten Forscher um Dr. Jeremiah Wasserlauf von der Feinberg School of Medicine in Chicago fast 31.350 Stunden gleichzeitige EKG-Aufzeichnungen mit implantierten Loop-Recordern und Apple-Watch-Geräten mit Elektrodenarmband. Bei den 24 Patienten mit paroxysmalem Vorhofflimmern dokumentierte der EKG-Rekorder 82 Vorhofflimmerepisoden von über einer Stunde. Die Uhr erkannte 80 der 82 via Loop-Recorder identifizierten Episoden mit einer Sensitivität von 97,5%. Sie meldete jedoch auch einige falsch positive Episoden, quasi ein Fehlalarm.

„Sensitivität überraschend hoch“

„Die Sensitivität der Apple Watch ist überraschend hoch“, berichtete Lewalter. Jedoch könne sie natürlich nur aufzeichnen, solange sie getragen werde, was nachteilig sei, wenn ein Patient sie beispielsweise zum Duschen ablege. Bezüglich der falsch positiven Episoden ist er zuversichtlich: „Die Rate wird in weiteren Versionen sicher noch deutlich reduziert werden, besonders wenn man eine Vorhoferkennung mit in den VF-Detektionsalgorithmus integriert.“ Zudem sollten Fachgesellschaften klare Konzepte für den Umgang mit positiven Smart-Watch-Befunden vorgeben und dies nicht den IT-Konzernen überlassen, ergänzte Lewalter.

Künstliche Intelligenz holt auf

Auch künstliche Intelligenz sei inzwischen nicht nur dazu fähig, Ärzte zu unterstützen, sondern bereits in der Lage, das menschliche Gehirn zu übertreffen: So gelang es Algorithmen in verschiedenen Studien, anhand von EKGs mit Sinusrhythmus treffsicher Geschlecht und Alter der Patienten zu bestimmen sowie ihre linksventrikuläre Pumpfunktion und das Vorliegen von Vorhofflimmern. Wie genau die Künstliche Intelligenz das erkennt, ist für Menschen nicht mehr nachvollziehbar.

„Ich glaube es ist nicht zu hoch gegriffen, hier von einem Paradigmenwechsel zu sprechen! Bereits die ersten Einsätze von künstlicher Intelligenz führen zu verblüffenden Erkenntnissen“, resümierte Lewalter. Natürlich sei das noch nicht perfekt, aber es handle sich um erste Versionen. „Ich möchte an die Anfänge des Schachcomputers erinnern. Die heutigen Versionen sind von keinem Großmeister mehr zu schlagen“, sagte er. Durch diese Entwicklungen könne das EKG möglicherweise zu einem echten Screening-Tool werden.

Literatur

Lewalter T. Supraventrikuläre Rhythmusstörungen. 15. DGK-Kardiologie-Update-Seminar Mainz, 28.02.2020.

Wasserlauf et al. Smartwatch Performance for the Detection and Quantification of Atrial Fibrillation. Circ Arrhythm Electrophysiol. 2019 Jun;12(6):e006834. doi: 10.1161/CIRCEP.118.006834.

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