Nachrichten 14.07.2020

Vorhofflimmern: Ablation und ab nach Hause?

Könnte die Ablation von Vorhofflimmern auf breiter Front zu einer „ambulanten“ Maßnahme werden, bei der die Patienten am selben Tag entlassen werden? Ein kanadisches Register deutet in diese Richtung, ruft aber auch Kritik hervor.

Zwei kanadische Zentren in Vancouver und Victoria, British Columbia, die von der raschen Entlassung nach Ablation sehr umfangreich Gebrauch machen, haben die Effektivität und Sicherheit dieses Vorgehens retrospektiv ausgewertet.

Insgesamt wurden in den beteiligten Zentren zwischen 2010 und 2014 etwas über 3.000 Patienten mit einer Ablation bei Vorhofflimmern behandelt. Von diesen wurden knapp 80% am selben Tag, nach drei Stunden Bettruhe und einer Abschlussvisite, wieder entlassen. Nach sieben bis zehn Tagen gab es einen Follow-up-Anruf. 

Die Patienten waren im Mittel 60 Jahre alt. 62% der Patienten hatten paroxysmales Vorhofflimmern, und genutzt wurde praktisch ausschließlich die Radiofrequenzablation in Allgemeinanästhesie.

Hier macht die frühe Entlassung keinen Unterschied

Hinsichtlich der Effektivität dieses Vorgehens haben sich die Kardiologen in erster Linie die Rate der Patienten angesehen, die innerhalb von 30 Tagen aus egal welchem Grund erneut ins Krankenhaus aufgenommen wurden. Sie betrug bei den am selben Tag entlassenen Patienten 7,7% und bei den Patienten, die über Nacht blieben, 10,2%. Dabei wurden Patienten mit periprozeduralen Komplikationen nicht gezählt, um eine bessere Vergleichbarkeit zu erreichen. Denn für eine frühe Entlassung kommen natürlich in erster Linie nur die komplikationslosen Patienten in Frage. 

Der Unterschied zwischen früher Entlassung und „Entlassung nach Übernachtung“ war nicht signifikant. Patienten mit Komplikationen, das betraf 7,7%, hatten eine Rehospitalisierungsrate von 19,5%.

Auch bei den Komplikationen nach Entlassung gab es keinen Unterschied. In der Gruppe mit Entlassung am selben Tag betrug die poststationäre Komplikationsrate bis zum Tag 30 nur 0,37%. Das war praktisch genauso viel oder wenig wie in der Gruppe, die nach einer Übernachtung komplikationsfrei entlassen wurde. 

Auch hier schnitten die Patienten, die schon periprozedural Komplikationen hatten, erwartungsgemäß etwas schlechter ab. Ihre Komplikationsrate nach Entlassung betrug 2,5%. Insgesamt halten die Autoren die Entlassung nach Vorhofflimmerablation am selben Tag daher für effektiv, sicher und bei der Mehrheit der Patienten anwendbar.

Nur für ausgewählte Patienten?

Prof. Sanjay Dixit von der Universität Pennsylvania ist da in einem begleitenden Editorial etwas kritischer. Auf breiter Front propagiert werden sollte ein übernachtungsfreies Vorgehen aus seiner Sicht nicht. Zum einen handele es sich um eine retrospektive Analyse, die anfällig für Selektionsbias sei und die an zwei High-Volume-Zentren durchgeführt wurde, die über sehr viel Erfahrung mit der Vorhofflimmerablation verfügten.

Zum anderen sei das Vorgehen in den beiden beteiligten Zentren nicht ausreichend standardisiert gewesen, um wirklich Aussagen dazu zu erlauben, wie optimalerweise vorgegangen werden sollte, wenn rasch entlassen wird. Auch sei unklar, ob die Ergebnisse auf andere Patientenkollektive – ältere Patienten, Patienten mit permanentem Vorhofflimmern, Patienten unter NOAK-Antikoagulation statt Vitamin-K-Antagonisten und Patienten mit Kryoballon-Ablation – pauschal übertragen werden könnten. Dixit plädiert daher für eine breiter aufsetzende, prospektive Multicenterstudie

Literatur

Deyell MW et al. Efficacy and Safety of Same-Day Discharge for Atrial Fibrillation. J Am Coll Cardiol EP 2020;6:60919

Dixit S. Feasibility of Same Day Discharge in Atrial Fibrillation Patients Undergoing Catheter Ablation. J Am Coll Cardiol EP 2020;6:62022

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