Nachrichten 15.02.2021

Experten bemängeln: Viele Tumorpatienten erhalten keine Antikoagulation

Tumorpatienten haben ein erhöhtes Thrombose-Risiko, erst recht, wenn sie an Vorhofflimmern leiden. Antikoagulanzien erhalten diesen Patienten aber oft nicht, wie eine aktuelle Studie deutlich macht.

Das Antikoagulations-Management von Tumorpatienten, die an Vorhofflimmern oder Vorhofflattern leiden, lässt offenbar zu wünschen übrig. Zumindest hat fast die Hälfte dieser Patienten in einer Single-Center-Studie keine Antikoagulanzien erhalten – und das obwohl sie ein erhöhtes Schlaganfallrisiko aufwiesen.

Bei nur 18,3% dieser Patienten lag die Thrombozytenzahl ˂ 50.000/µl, also unterhalb des Schwellenwertes, aber der eine Antikoagulation im Allgemeinen kontraindiziert ist.

Das lege eine Unterversorgung dieser Patienten nahe, schließen die Studienautoren um Dr. Michael Fradley aus ihren Daten. Die Kardioonkologen sehen deshalb Handlungsbedarf: „Diese Studie verdeutlicht die Notwendigkeit, die Vorhofflimmern-Behandlungsalgorithmen für Tumorpatienten zu verbessern“.

Über 50% erhielt keine Antikoagulation

Bei 4,8% der im Moffitt Krebszentrum in Tampa/Florida im Jahr 2016 behandelten Tumorpatienten konnte im EKG Vorhofflimmern/flattern nachgewiesen werden, das waren insgesamt 472 Patienten. Von den 296 Patienten mit einem CHA₂DS₂-VASc-Score von ≥ 2 und einem HAS-BLED-Score ˂ 3 erhielten 44,3% keine Antikoagulation, also obwohl sie gemäß ihres Thrombose- und Blutungsrisikos dafür infrage gekommen wären. Die restlichen Patienten, die antikoaguliert worden sind, erhielten damals schon zu über 50% NOAKs.

Gegen eine Antikoagulation entschieden sich die Ärzte  vor allem dann, wenn die Patienten noch unter einer Chemotherapie standen, an einer Nierenerkrankung oder Thrombozytopenie litten oder in der Vergangenheit eine Blutungskomplikation hatten. Die Zurückhaltung bei Patienten mit zurückliegenden Blutungsereignissen hat die Autoren nach eigenen Angeben nicht überrascht. Sie weisen allerdings darauf hin, dass solche Ereignisse keine Kontraindikation darstellen, vor allem dann nicht, wenn dahinter eine reversible Ursache steckt, die behoben werden konnte.

Frühere Blutungsereignisse sind keine Kontraindikationen

Auch eine gegenwärtige Chemotherapie sollte Ärzte nicht an der Verordnung von Antikoagulanzien hindern. Denn, wie die Kardioonkologen ausführen, die Einnahme von Chemotherapeutika könnte das thromboembolische Risiko weiter steigen. Ihrer Ansicht nach sollten Antikoagulanzien deshalb in einem solchen Setting prinzipiell nicht zurückgehalten werden. Dies sei in Abhängigkeit des Nutzen/Risikos von Fall zu Fall zu entscheiden, betonen sie.

Die Entscheidung für oder gegen eine Antikoagulation sollte nach Ansicht von Fradley und Kollegen in Absprache zwischen Kardiologen/Elektrophysiologen und Onkologen getroffen werden. Das sei essenziell, um eine angemessene Therapie zu gewährleisten, betonen sie. 

Inwieweit die Prognose der Patienten in dieser Analyse durch eine Antikoagulation bzw. oder deren Weglassen beeinflusst worden ist, darüber können die Autoren aufgrund der fehlenden Power allerdings keine Aussagen machen. Darüber hinaus ist die Generalisierbarkeit der Daten durch das retrospektive Single-Center-Design eingeschränkt.

Literatur

Fradley M et al. Patterns of Anticoagulation Use in Patients With Cancer With Atrial Fibrillation and/or Atrial Flutter

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