Nachrichten 06.04.2017

Frakturrisiko unter NOAK geringer

Den Vitamin-K-Antagonisten wird nachgesagt, das Frakturrisiko von Vorhofflimmern-Patienten zu erhöhen. Unter einem NOAK kam es in einer retrospektiven Studie seltener zu Knochenbrüchen. Was steckt hinter diesem Befund?  

Vitamin-K-Antagonisten (VKA) stehen schon länger unter Verdacht, bei Vorhofflimmern-Patienten das Risiko für osteoporotische Frakturen zu erhöhen. Dabigatran als ein Vertreter der direkten oralen Antikoagulanzien (NOAK) könnte gerade bei frakturgefährdeten Personen eine sichere Alternative darstellen, wie Wissenschaftler um Wallis Lau aus London nun verlautbaren. Denn in ihrer Analyse war das Frakturrisiko unter dem NOAK signifikant geringer als unter Warfarin.  

VKA interagieren mit Knochenmetabolismus

Der Mechanismus, der hinter der beobachteten Assoziation zwischen VKA und einem erhöhten Frakturrisiko vermutet wird, scheint plausibel: Durch Hemmung der Vitamin-K-abhängigen y-Carboxylierung von Glutaminsäuretesten beeinflussen die Substanzen auch die Aktivität von Proteinen in der Knochenmatrix wie Osteocalcin, das an der Knochenmineralisation beteiligt ist. Vitamin K spielt auch selbst eine Rolle im Knochenstoffwechsel. Im Einklang dazu wurde ein Vitamin-K-Mangel mit einem gesteigerten Knochenschwund und erhöhten Frakturgefahr in Verbindung gebracht. Da NOAKs ihre Wirkung unabhängig von Vitamin-K entfalten, sollten sie den Knochenmetabolismus theoretisch nicht beeinflussen.

Dass an dieser Überlegung etwas dran sein könnte, lässt die Analyse von Lau und Kollegen vermuten. Die Wissenschaftler haben in der Datenbank der Hongkong Hospital Authority, in der Krankenakten aus Kliniken und Ambulanzen in Hongkong eingehen, 8.152 Patienten mit neu diagnostizierten, nichtvalvulärem Vorhofflimmern ausfindig gemacht (darunter 3.268 unter Dabigatran und 4.884 unter Warfarin) und ein Propensity Score Matching vorgenommen; die Teilnehmer wurden also u. a. nach Alter, Geschlecht und anderen Risikofaktoren für  osteoporotische Frakturen gematcht.

Unterschied bereits innerhalb eines Jahres erkennbar

Insgesamt war das Frakturrisiko unter Dabigatran signifikant geringer als unter Warfarin (1,0 vs. 1,3%), mit einer absoluten Risikodifferenz von –0,68 pro 100 Personenjahre. Bei Patienten, die bereits einen Sturz oder eine Fraktur hinter sich hatten, war die Risikoreduktion besonders ausgeprägt (–3,15 pro 100 Personenjahre). Ohne solche Vorkommnisse war der Unterschied nicht signifikant.

Stutzig macht allerdings, dass bereits im ersten Jahr der Warfarin-Einnahme ein Anstieg von Knochenbrüchen zu beobachten war. Da der Knochenschwund aber nicht plötzlich, sondern schrittweise vonstattengeht, passt dieser Befund nicht wirklich zu dem oben beschriebenen Zusammenhang zwischen VKA und vermehrten Knochenbrüchen. Die Autoren vermuten daher, dass noch ein anderer Mechanismus dahinter stecken könnte und verweisen auf Tierstudien, in denen die Gabe von Dabigatran mit einem höheren Knochenvolumen, niedrigeren Knochenumsatz und geringeren Abständen der Knochentrabekel einherging.

Um die beobachteten Zusammenhänge besser verstehen zu können, seien allerdings weitere, auch randomisierte Studien nötig, bemerken die Autoren einschränkend. Wenn sich die Assoziation dann bestätige,  könne ein Screening von Vorhofflimmern-Patienten auf das Risiko für osteoporotische Frakturen sinnvoll sein, um die Wahl des Antikoagulanz entsprechend abzustimmen.

Literatur

Lau W, Chan E, Cheung CL et al. Association Between Dabigatran vs Warfarin and Risk of Osteoporotic Fractures Among Patients With Nonvalvular Atrial Fibrillation.  JAMA 2017;317(11):1151–58. DOI: 10.1001/jama.2017.1363

Live-Quiz EKG – melden Sie sich jetzt kostenlos an

Wie gut kennen Sie sich mit dem EKG aus? Und was machen Sie, wenn Sie einen auffälligen Befund vor sich haben? Testen Sie Ihr Wissen in unserem interaktiven Live-Quiz EKG am Mittwoch, 09.12.2020, um 17:00 Uhr auf Kardiologie.org. 
Dr. Martin Neef vom Universitätsklinikum Leipzig stellt Ihnen verschiedene EKG-Befunde vor. Stimmen Sie live für die richtige Antwort ab oder stellen Sie Ihre Fragen im Chat – alles natürlich anonym. Melden Sie sich jetzt kostenlos an, die Plätze sind begrenzt!

Highlights

AHA-Kongress 2020 *virtuell*

Ein virtueller Kongress ist mittlerweile schon fast nichts ungewöhnliches mehr. Von der diesjährigen Tagung der American Heart Association (AHA) gibt es aber trotz allem einiges Ungewöhnliches und Spannendes zu berichten. 

Corona, COVID-19 & Co.

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Spezielles Training hilft bei pulmonaler Hypertonie

Lebensqualität, Gehstrecke, maximale Sauerstoffaufnahme – all das kann sich durch ein neues standardisiertes Trainingsprogramm für Patienten mit pulmonaler oder chronisch thromboembolischer pulmonaler Hypertonie verbessern, zeigt eine europäische Studie.

Herzinsuffizienz des HFpEF-Typs: Licht am Ende des Tunnels?

Die Suche nach prognoseverbessernden Therapien für Patienten mit Herzinsuffizienz bei erhaltener Ejektionsfraktion (HFpEF) verlief bislang äußerst enttäuschend. Jetzt gibt es zumindest einen Hoffnungsschimmer.

Vorhofflimmern: Ablation statt Antiarrhythmika als First-Line-Therapie?

Besser gleich Ablation statt erst noch ein Versuch mit Antiarrhythmika? Zwei Studien, die der Kryoballon-Ablation eine deutlich höhere antiarrhythmische Effizienz bescheinigen, legen nahe, die Praxis der First-Line-Therapie bei paroxysmalem Vorhofflimmern zu ändern.

Aus der Kardiothek

Neue Vorhofflimmern-Leitlinie und ihre Implikationen für die Praxis

Erst kürzlich sind die ESC-Leitlinien zum Management von Vorhofflimmern aktualisiert worden. Prof. Christian Meyer vom Evangelisches Krankenhaus Düsseldorf gibt in diesem Webinar einen kurzen Überblick über die wichtigsten Aspekte.

Zepter und Krone – oder was sehen Sie auf dem Bild?

Kardiale Computertomographie, 3-dimensionale Rekonstruktion im „Metallfenster“. Was ist zu sehen?

Kardio-MRT bei 70-Jährigem – was hat der Patient?

Kardio-MRT bei 70-jährigem Patienten mit Darstellung einer kurzen Achse im mittventrikulären Bereich. Was ist zu sehen?

Bildnachweise
EKG-Quiz/© [M] Syda Productions / stock.adobe.com
AHA-Kongress 2020
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Webinar Prof. Christian Meyer/© Springer Medizin Verlag GmbH
Kardiale Computertomographie/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen