Nachrichten 21.01.2020

Körperliche Aktivität schützt vor Vorhofflimmern – solange sie maßvoll ist

Regelmäßige körperliche Bewegung beugt Vorhofflimmern vor –  zumindest solange, wie sie ein gewisses Maß nicht überschreitet. Extreme sportliche Dauerbelastung scheint die Entwicklung dieser Arrhythmie dagegen eher zu begünstigen – aber nur bei Männern.

Wer sich regelmäßig körperlich bewegt, senkt zweifellos sein Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen einschließlich Herzrhythmusstörungen. Allerdings wird dieser protektive Effekt mit zunehmender Intensität der körperlichen Aktivität nicht unbedingt größer. Im Gegenteil: Zumindest Männer müssen fürchten, durch dauerhafte sportliche Höchstbelastung  etwa ihr Risiko für Vorhofflimmern sogar zu erhöhen.

Daten von mehr als 400.000 Personen analysiert

Dafür sprechen Ergebnisse einer umfangreichen Studie australischer Untersuchern um Dr. Adrian D. Elliott von der University of Adelaide. Die Gruppe hat dafür prospektiv erhobene Daten von 406.406 Personen im Alter zwischen 40 und 69 Jahren (52,5% Frauen) aus der UK-Biobank herangezogen.

Bei allen Teilnehmern waren zu Beginn unter anderem per Fragebogen (IPAQ: International Physical  Activity Questionaire) Auskünfte zur körperlichen Aktivität eingeholt worden. Aus den gemachten Angaben ist das Gesamtvolumen  der wöchentlichen körperlichen Aktivität  in Form von Metabolischen Äquivalenten (MET-min/Woche) als Maß für den Energieverbrauch errechnet worden. In Abhängigkeit davon ist dann anhand von Klinikeinweisungs- und Mortalitätsdaten in einem medianen Follow-up von sieben Jahren (2,8 Millionen Personenjahre) das Auftreten von Vorhofflimmern/-flattern, Bradyarrhythmien sowie ventrikulären Arrhythmien untersucht worden.

Risiko bei bewegungsaktiven Frauen niedriger

Im Follow-up-Zeitraum waren 8640 Fälle von neu aufgetretenem Vorhofflimmern zu verzeichnen. Nicht überraschend war das entsprechende Risiko bei körperlich aktiven Menschen niedriger als bei bewegungsfaulen Personen. Bei gleicher Bewegungsaktivität  hatten Frauen ein etwas niedrigeres Risiko für Vorhofflimmern als Männer (Hazard Ratio [HR] für 1500 vs. 0 MET-min/Woche: 0,85 für Frauen vs. 0,90 für Männer).

Auch das Risiko für ventrikuläre Arrhythmien war innerhalb eines breiten Aktivitätsspektrums (bis zu 2500 MET-min/Woche) bei den bewegungsfreudigen Teilnehmern niedriger. Eine Assoziation zwischen körperlicher Aktivität und Bradyarrhythmien wurde nicht beobachtet.

Geschlechtsspezifischer Unterschied bei sehr hoher Bewegungsaktivität

Mit zunehmender Intensität der körperlichen Aktivität trat allerdings ein geschlechtsspezifischer Unterschied zutage. Bei bewegungsaktiven Frauen war ein höheres wöchentliches Aktivitätsvolumen von bis zu 2500 MET-min/Woche unverändert mit einem niedrigeren Risiko für Vorhofflimmern assoziiert.

Anders bei Männern:  Sie hatten mit zunehmender Bewegungsaktivität nur bis zu einem Level von etwa 2000 MET-min/Woche ein erniedrigtes Risiko. Steigerten sie dagegen ihre Bewegungsaktivität auf ein extrem hohes Niveau, war dies  – anders als bei Frauen – mit einem erhöhten Risiko für Vorhofflimmern assoziiert. Wie Elliott und sein Team berichten, war bei Männern das  Risiko im Fall einer „hohen Dosis“ (5000 MET-min/Woche) an intensiver körperlicher Aktivität relativ um 12% erhöht.

Noch keine Erklärung für den Unterschied

Wie ist das unterschiedliche kardiale Ansprechen  auf  ein hohes Maß an regelmäßiger körperlicher Belastung bei Männern und Frauen bezüglich Vorhofflimmern zu erklären? Prof. Stanley Nattel aus Montreal, ein renommierter Experte in Sachen Elektrophysiologie, bleibt  in seinem Begleitkommentar zur Studie die Antwort schuldig. Derzeit gebe es dazu noch keine zuverlässigen Erkenntnisse, so Nattel. Noch mehr Forschung sei deshalb nötig.

Literatur

Elliott A.D. et al.: Association between physical activity and risk of incident arrhythmias in 402 406 individuals: evidence from the UK Biobank cohort. European Heart Journal, ehz897, https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehz897

Nattel S.: Physical activity and atrial fibrillation risk: it’s complicated; and sex is critical. European Heart Journal, ehz897, https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehz897

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