Nachrichten 20.02.2017

Neue Studie testet Antikoagulation bei Nierenversagen und Vorhofflimmern

Bei Koexistenz von chronischem Nierenversagen und Vorhofflimmern fällt die Entscheidung über eine Antikoagulation zur Verhinderung eines Schlaganfalls besonders schwer. Das deutsche Kompetenznetz Vorhofflimmern  will mit einer neuen Studie dazu beitragen, die sehr limitierte wissenschaftliche Datenbasis für diese schwierige Therapieentscheidung zu verbessern.

Schätzungen zufolge weist etwa  jeder fünfte Patient mit chronischem Nierenversagen und erforderlicher  Nierenersatztherapie (Stadium V)  Vorhofflimmern auf. Im Normalfall würde nach Maßgabe des individuellen Schlaganfallrisiko – quantifiziert im CHA2DS2-VASc-Score – über die Notwendigkeit einer Antikoagulation entschieden. Die Frage ist allerdings, ob der bei Nierengesunden evaluierte Risikoscore CHA2DS2-VASc überhaupt auf Patienten mit chronischen Nierenerkrankungen und Vorhofflimmern übertragbar ist.

Speziell bei Patienten mit Dialysetherapie und Vorhofflimmern ist die Therapieentscheidung bezüglich Antikoagulation eine große Herausforderung. Diese Patienten haben einerseits ein erhöhtes Schlaganfallrisiko, was eine Antikoagulation notwendig erscheinen lässt. Sie haben andererseits aber auch ein deutlich erhöhtes Blutungsrisiko.

Dünne Datenlage

In der Frage, wo die optimale Balance zwischen Reduktion von Schlaganfällen und Vermeidung von Blutungen speziell bei diesen Patienten zu finden ist, helfen randomisierte Studien nicht weiter. Es gibt sie schlichtweg nicht. Patienten mit chronischem Nierenversagen waren von den entscheidenden Studien zum Nutzen einer Antikoagulation mit Vitamin-K-Antagonisten (VKA) oder nicht-Vitamin-K-abhängigen oralen Antikoagulanzien (NOAK) bei Patienten mit nicht-valvulärem Vorhofflimmern ausgeschlossen.

Es gibt aber Daten aus Beobachtungsstudien zum möglichen Nutzen einer Schlaganfallprophylaxe mit dem VKA Warfarin bei Dialysepatienten mit Vorhofflimmern. Die Ergebnisse sind allerdings nicht konsistent:  Einige Studien legen eine Reduktion des Schlaganfallrisikos nahe, in anderen war Warfarin vor allem bei älteren Patienten sogar mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko assoziiert. Hinzu kommt, dass es gerade bei Dialysepatienten Vorbehalte gegenüber VKA gibt, da diese mit Vitamin K auch einen  Cofaktor der Karboxylierung von Faktor Matrix Gla Protein (MGP) hemmen und somit das bei diesen Patienten per se schon erhöhte Risiko für Gefäßverkalkung noch stärker erhöhen könnten.

Noch limitierter ist die Datenlage bezüglich der Sicherheit und Wirksamkeit von NOAK bei Dialysepatienten mit Vorhofflimmern. Der Ruf nach randomisierten kontrollierten Studien zur Frage der Antikoagulation bei dieser wichtigen Patientengruppe wird deshalb immer lauter.

Vergleich von  Apixaban mit Phenprocoumon

Das Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. will nun  eine solche Studie – sie trägt das Kürzel AXADIA - AFNET 8 – auf den Weg bringen. Start soll im März 2017 sein. Primäres Ziel der Studie sei, die Sicherheit einer  oralen Antikoagulation mit dem NOAK Apixaban im Vergleich zum  VKA  Phenprocoumon bei hämodialyseabhängigen, chronisch nierenkranken Patienten mit nicht-valvulärem Vorhofflimmern hinsichtlich ihres Blutungsrisikos und der Verminderung von thromboembolischen Ereignissen zu untersuchen, teilt das Kompetenznetz aktuell mit.

Es beziffert die Zahl von Patienten mit vollständigem Nierenversagen und der Notwendigkeit einer Nierenersatztherapie in Deutschland mit  85.000. Davon dürften nicht wenige Vorhofflimmern als Begleiterkrankung aufweisen. „Bis jetzt gibt es für diese Patienten, die auf Hämodialyse angewiesen sind, keine durch Studien untermauerte Empfehlung für die gerinnungshemmende Therapie. Deshalb führen wir die AXADIA - AFNET 8 Studie durch." erklärt Professor Holger Reinecke aus Münster, der die Studie gemeinsam mit dem Nephrologen Professor Christoph Wanner aus Würzburg, leitet.

AXADIA - AFNET 8 ist eine randomisierte Multicenter-Studie, die an etwa 25 Prüfzentren in Deutschland durchgeführt wird. Insgesamt 222 dialyseabhängige Patienten mit chronischem Nierenversagen und Vorhofflimmern sollen dafür rekrutiert werden. Die Teilnehmer werden nach dem Zufallsprinzip einer von zwei Gruppen zugeordnet und entweder mit  Apixaban oder Phenprocoumon – besser bekannt unter dem Warenzeichen Marcumar - behandelt.  

Als Initiator der Studie trägt das Kompetenznetz Vorhofflimmern die Gesamtverantwortung für das Projekt. Finanzielle Unterstützung kommt von den Unternehmen Bristol-Myers Squibb und Pfizer.

Literatur

Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V.: AXADIA - AFNET 8 Studie testet Antikoagulation bei Vorhofflimmern und chronischem Nierenversagen, Mitteilung vom 17. Februar 2017.

Aktuelles

Bei wem senkt eine PCI das Sterberisiko? Neueste Metaanalyse klärt auf

Ob perkutane Koronarinterventionen (PCI) die Mortalität reduzieren oder nicht, ist ein kontroverses Dauerthema. Eine neueste Studien einschließende Metaanalyse zeigt nun auf, welche KHK-Patienten davon prognostisch profitieren – und welche nicht.

Herzinfarkt und Mikrobiom: Neue Argumente für fleischarme Ernährung

Langfristige Veränderungen des Mikrobioms sind einer epidemiologischen Studie zufolge mit einem erhöhten Herzinfarkt-Risiko assoziiert – was bedeutet das für die Ernährung?

Coronavirus: Das empfehlen Herzexperten

Das neue Coronavirus scheint für Patienten mit kardiovaskulären Grunderkrankungen besonders gefährlich zu sein. Experten der ACC haben nun in einem offiziellen Empfehlungsschreiben die Virusepidemie aus kardiologischer Sicht betrachtet.

Highlights

Webinar – "Rhythmuskontrolle bei Vorhofflimmern"

Prof. Christian Meyer vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf fasst in einem Live-Webinar die wichtigsten Neuerungen zur Rhythmuskontrolle bei Patienten mit Vorhofflimmern zusammen – praxisrelevant und mit Beispielen.

Webinar zur neuen Leitlinie Dyslipidämien

Auf dem ESC-Kongress 2019 wurde die neue Leitlinie Dyslipidämien vorgestellt. Prof. Ulrich Laufs vom Universitätsklinikum Leipzig hat in einem Webinar die wichtigsten Neuerungen und deren Bedeutung für die Praxis zusammegefasst – kritisch, kurz, präzise.

Aus der Kardiothek

Defekt mit Folgen – das ganze Ausmaß zeigt das CT

CT-Befund (mit Kontrastmittelgabe) – was ist zu sehen?

Live-Case Trikuspidalinsuffizienz

Prof. Volker Rudolph, HDZ NRW Bochum, mit Team

Interventionen von Bifurkationsläsionen

Dr. Miroslaw Ferenc, UHZ Freiburg

Live Cases

Live-Case Trikuspidalinsuffizienz

Prof. Volker Rudolph, HDZ NRW Bochum, mit Team

Kontroverser Fall: So kann man wiederkehrendes Vorhofflimmern auch behandeln

Ein Patient leidet an wiederkehrendem Vorhofflimmern. Das Team um Prof. Boris Schmidt entscheidet sich für eine ungewöhnliche Strategie: die Implantation eines endokardialen Watchmann-Okkluders, um den linken Vorhof zu isolieren. Das genaue Prozedere sehen Sie hier. 

Spezielle Katheterablations-Strategie bei ausgeprägtem Narbengewebe

Die ventrikuläre Tachykardie eines 54-jährigen Patienten mit zurückliegendem Hinterwandinfarkt soll mit einer Katheterablation beseitigt werden. Prof. Thomas Deneke entscheidet sich für eine unkonventionelle Strategie und erläutert wie das CT  in solchen Fällen helfen kann. 

Bildnachweise
eHealth in der Kardiologie/© ra2 studio / stock.adobe.com
Webinar Rhythmuskontrolle bei Patienten mit Vorhofflimmern/© Kardiologie.org | Prof. Meyer [M]
Webinar Dyslipidämien mit Prof. Ulrich Laufs/© Kardiologie.org | Prof. Laufs [M]
Vortrag von M. Kreußer/© DGK 2019
CT-Befund (mit Kontrastmittelgabe)/© S. Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (2)
Live-Case AGIK/© DGK 2019
Vortrag von M. Ferenc/© DGK 2019
DGK Herztage 2018 - Interview Prof. Dr. Boris Schmidt
Vortrag Prof. Dr. Thomas Deneke - Jahrestagung DGK 2018/© DGK 2018