Nachrichten 14.01.2020

Positionspapier: Rhythmusexperten loben Wearables

Mobile Sensorik hält immer mehr Einzug, und die Kardiologie spürt das besonders. Jetzt hat sich die Heart Rhythm Society mit einem Positionspapier für Laien zu Wort gemeldet.

Anlässlich der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas hat sich die elektrophysiologische US-Fachgesellschaft Heart Rhythm Society (HRS) mit dem CES-Veranstalter, der Consumer Trade Association (CTA), zusammengetan und ein gemeinsames Positionspapier zu tragbarer Sensorik („Wearables“) vorgestellt, das sich an Laien richtet.

Es ist das erste Mal, dass eine Fachgesellschaft und ein außerhalb der Medizin angesiedelter Industrieverband sich in dieser Weise gemeinsam zu Wort melden. Hintergrund ist die steigende Nutzerakzeptanz der tragbaren Monitoring-Lösungen. So zeigte eine landesweite Befragung in den USA, dass sich rund die Hälfte der US-Bürger vorstellen kann, Blutdruck und Herzrhythmus regelmäßig mit tragbarer Elektronik zu überwachen.

„Wearables können Patienten motivieren“

Mit dem Positionspapier macht die HRS deutlich, dass sie dem Trend zu Wearables prinzipiell sehr viel Positives abgewinnen kann: „Wearables können zu einer früheren Diagnose und einem besseren Management von Erkrankungen beitragen“ sagte Dr. Nassir Marrouche vom Elektrophysiologie-Lab an der Tulane University School of Medicine. Marrouche war auf Seiten der HRS der verantwortliche Autor des Whitepapers, und er stellte es in Las Vegas im Rahmen einer Kongress-Session vor.

Besonders hervorgehoben wird von HRS und CTA, dass Wearables dazu beitragen können, die Motivation für Lebensstiländerungen zu erhöhen. Das geschehe zum einen durch das unmittelbare Feedback bei zum Beispiel Herzfrequenz- und Blutdruckmessungen, zum anderen dadurch, dass Aktivitäten und Erfolge mit anderen geteilt werden könnten. Dadurch entstehe eine soziale Motivationskomponente, die ohne Wearables und soziale Medien nicht ohne Weiteres genutzt werden könne. 

62% der Ärzte sind überzeugt

Das Positionspapier hebt auch hervor, dass (US-)Ärzte der tragbaren Sensorik generell sehr aufgeschlossen gegenüber ständen. So seien 62% überzeugt, dass tragbare Sensorik die Qualität der Versorgung der eigenen Patienten verbessern könne. Darauf hingewiesen wird allerdings auch, dass harte Evidenz für einen langfristig motivierenden Effekt in vielen Fällen noch fehle.

Vorhofflimmern- und Schlafapnoe-Screening werden günstig bewertet

Prinzipiell unterscheidet das Positionspapier drei Arten der mobilen Datensammlung, die periodische, die symptombezogene und die kontinuierliche. Eine periodische Datensammlung, etwa bei der Blutdruckmessung, werde durch Wearables insofern unterstützt, als häufiger gemessen und damit das klinische Bild am Ende vollständiger werde. Größeren Nutzen sieht die HRS beim symptombezogenen Datensammeln, das insbesondere bei Herzrhythmusstörungen zu einer früheren Diagnose beitragen könne. Eine kontinuierliche Datensammlung ohne unmittelbaren Symptombezug wird unter anderem beim Screening auf Vorhofflimmern und beim Screening auf Schlafapnoe als Option angesehen. Letzteres geschieht über die nächtliche, mobile Messung der Sauerstoffsättigung, für die mittlerweile diverse Wearables zur Verfügung stehen, unter anderem Armbanduhren.

Herausforderung Datenschutz

Herausforderungen beim Wearable-Trend sehen die Rhythmologen zum einen bei der Datenflut. Hier werden primär die Hersteller in der Pflicht gesehen, die die Daten nutzerfreundlich aufbereiten müssten und für eine technische Integration in existierende IT-Systeme bzw. in klinische Arbeitsabläufe zu sorgen hätten. 

Auf Datenschutz und Datensicherheit wird ebenfalls eingegangen. So hindere die derzeitige US-Gesetzgebung Unternehmen nicht daran, Daten aus zum Beispiel Fitness-Apps weiterzuverkaufen. Es wird aber auch auf das neue und deutliche strengere Datenschutzgesetz in Kalifornien hingewiesen, das Anfang 2020 in Kraft trat und das viele Aspekte der ebenfalls strengen, europäischen Datenschutzverordnung (DSGVO) übernommen hat.

Keine Medikamente ohne Arzt ändern

Da sich das HRS/CTA Positionspapier an Laien richtet, werden auch mehrere typische Laienfragen explizit thematisiert. So weisen die Autoren darauf hin, dass es bei den meisten Menschen rein medizinisch keinen Grund gebe, den Herzrhythmus oder die körperliche Aktivität ständig zu überwachen. 

Deutlich gemacht wird auch, dass Wearables, die kein Medizinprodukt sind, ein ärztlich verordnetes EKG- oder Blutdruck-Monitoring nicht ersetzen, sondern allenfalls ergänzen. Bei besorgniserregenden Veränderungen und insbesondere bei der von Uhren generierten Meldung „mögliches Vorhofflimmern“ solle der behandelnde Arzt konsultiert werden. Und vor Änderungen jeglicher Medikation ohne Rücksprache mit dem Arzt wird gewarnt.

Literatur

HRS/CTA. Guidance for Wearable Health Solutions. Januar 2020. https://www.hrsonline.org/documents/CTA-Guidance-for-Wearable-Health-Solutions/download

Disruptive Innovations in Healthcare Conference: “Consumer Guidance on Wearable Technology”. Consumer Electronics Show 2020, 9. Januar 2020 in Las Vegas.

Highlights

Kardiothek

Alle Videos der Kongressberichte, Interviews und Expertenvorträge zu kardiologischen Themen. 

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Bodenverschmutzung mit Herzerkrankungen assoziiert

Während Luftverschmutzung sich leichter beobachten und erforschen lässt, gibt es zu den gesundheitlichen Folgen von Bodenkontamination weniger Daten. Eine deutsche Übersichtsarbeit zeigt, wie Schadstoffe im Boden das Herz schädigen können.

So sicher und effektiv sind Sondenextraktionen in Deutschland

Die Entfernung von Schrittmacher- oder ICD-Elektroden kann eine große Herausforderung sein. Auskunft darüber, wie sicher und effektiv Eingriffe zur Sondenextraktion in Deutschland sind, geben Daten des nationalen GALLERY-Registers.

Sternotomie: Optimaler Start der kardiologischen Reha

Bedeutet ein früher Beginn des Rehabilitationstrainings nach einer Sternotomie ein Risiko für die Heilung oder eine schnellere Genesung, die Muskelabbau und Stürze verhindert? Eine kleine, randomisierte Studie liefert neue Daten dazu.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

Echokardiographischer Zufallsbefund. Was fällt auf?

Interventionelle Techniken bei Herzinsuffizienz: Bei wem, was und wann?

Für das Management von Herzinsuffizienz-Patienten stehen inzwischen auch interventionelle Techniken zur Verfügung, etwa ein intratrialer Shunt zur HFpEF-Therapie oder invasive Devices für die Fernüberwachung. Dr. Sebastian Winkler erklärt in diesem Video, wann der Einsatz solcher Techniken sinnvoll sein könnte, und was es dabei zu beachten gilt.

SGLT2-Hemmung bei Herzinsuffizienz: Mechanismen und pleiotrope Effekte

Inzwischen ist bekannt, dass SGLT2-Inhibitoren über die blutzuckersenkende Wirkung hinaus andere günstige Effekte auf das Herz und die Niere entfalten. Prof. Norbert Frey wirft einen kritischen Blick auf die Studienlage und erläutert daran, was über die Mechanismen der SGLT2-Hemmung tatsächlich bekannt ist.

Kardiothek/© kardiologie.org
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-Quiz Juni 2022/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Vortrag vom BNK/© BNK | Kardiologie.org