Skip to main content
main-content

06.12.2016 | Vorhofflimmern | Nachrichten

Bei Herzoperationen

Verschluss des linken Vorhofohrs: Neue Studie stellt Nutzen infrage

Autor:
Peter Overbeck

Ist bei Patienten mit Vorhofflimmern aus anderen Gründen eine Herzoperation erforderlich, wird häufig zusätzlich das linke Vorhofohr chirurgisch verschlossen oder reseziert. Neue Studiendaten lassen aber daran zweifeln, dass diese Zusatzmaßnahme den erhofften Schutz vor kardioembolischen Schlaganfällen tatsächlich bieten kann.

Das linke Vorhofohr gilt bekanntlich als wichtigste anatomische Quelle von kardialen Thromben bei mit Vorhofflimmern assoziierten Schlaganfällen. Eine Möglichkeit, diese Emboliequelle auszuschalten, ist die chirurgische Okklusion oder Resektion des linken Vorhofohrs. Bei Patienten mit Vorhofflimmern, bei denen etwa eine koronaren Bypass- oder Herzklappenoperation erforderlich ist, wird diese Möglichkeit ohne großen zusätzlichen Zeitaufwand häufig genutzt.

Ergebnisse einer neuen Studie wecken allerdings Zweifel am Nutzen dieser prophylaktischen Maßnahme. Ihre Autoren beobachteten nach herzchirurgischem Vorohrverschluss nur eine deutliche erhöhte Inzidenz von Vorhofflimmern in der frühen postoperativen Phase, ohne dass auf längere Sicht ein günstiger Effekt auf Schlaganfall- und Sterberate erkennbar war.

Ein Vergleich „gematchter“ Gruppen

Die Analyse der US-Forschergruppe um Dr. Rowlands Melduni von der Mayo-Klinik in Rochester basiert auf Daten von 9792 Patienten, die alle zwischen 2000 und 2005 an der Mayo-Klinik einer Bypass-oder Herzklappen-Operation unterzogen worden sind. In dieser großen Gruppe wurde dann unter Berücksichtigung von 28 Kovariablen nach Patienten mit weitgehender Übereinstimmung in den Merkmalen gesucht (propensity matching). Auf diese Weise konnten 461 „gematchte“ Vergleichspaare aus jeweils einem Patienten mit und einem ohne chirurgischen Vorhofohrverschluss gebildet werden.

Die Analyse dieser Patienten ergab, dass die Inzidenz von früh (innerhalb von 30 Tagen nach dem Eingriff) aufgetretenem postoperativem Vorhofflimmern nach operativer Ausschaltung des linken Vorhofohrs – sie erfolgte zu 98% durch Zubinden (Ligatur) - mehr als doppelt so hoch war als nach Verzicht auf diese Zusatzmaßnahme (68,6% vs. 31,9%).

Schlaganfall- und Sterberaten nicht unterschiedlich

Innerhalb einer medianen Follow-up-Dauer von 9,1 Jahren entwickelten 7,1% der analysierten Patienten einen ischämischen Schlaganfall, die Mortalitätsrate erreichte in dieser Zeit 43%. Ob ein Vorhofohrverschluss prophylaktisch vorgenommen worden war oder nicht, hatte auf diese Ereignisraten keinen signifikanten Einfluss.

Die Ergebnisse der Mayo-Klinik-Gruppe decken sich mit denen anderer Untersuchergruppen, die ebenfalls keine Anhaltspunkte für einen klinischen Nutzen fanden. In anderen Studien schien der chirurgische Vorhofohrverschluss hingegen mit einer Verbesserung der Prognose einherzugehen. Gemeinsam ist diesen Untersuchungen, dass sie über den Status von retrospektiven Beobachtungsstudien in der Regel nicht hinauskommen. Somit herrscht nach wie vor der Zustand der Unklarheit.

LAAOS-III-Studie soll Klarheit schaffen

Klarheit in der Sache wird wohl erst die laufende LAAOS-III-Studie (Left Atrial Appendage Occlusion Study) bringen, an der auch herzchirurgische Zentren in Deutschland beteiligt sind. Diese randomisierte, verblindete und multizentrische Studie soll die Frage, ob ein zusätzlicher operativer Verschluss des linken Vorhofsohrs bei Patienten mit herzchirurgischen Routineeingriffen zur Schlaganfall-Prophylaxe wirklich taugt, definitiv beantworten.

Geplant ist die Aufnahme von 4.700 Patienten mit anstehender Herzoperation; bislang sind bereits rund 2.600 Teilnehmer rekrutiert und randomisiert worden. Die mittlere Beobachtungsdauer soll vier Jahre betragen. Das Interesse der Untersucher gilt dabei vor allem dem Auftreten von Schlaganfällen und systemischen Embolien (primäre Endpunkte). Auf die Ergebnisse wird man also wohl noch einige Zeit warten müssen.

Literatur

Das könnte Sie auch interessieren

11.04.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

Vorhofohrverschluss langfristig erfolgreich

Zurzeit meistgelesene Artikel

 

Highlights

Düsseldorfer Herz- und Gefäßtagung 2019

Expertenvorträge für Sie zusammengestellt: Auf der diesjährigen Düsseldorfer Herz- und Gefäßtagung haben renommierte Experten die neuesten Leitlinien, Studien und medizintechnischen Entwicklungen vorgestellt und die Kernaussagen kompakt für den Alltag in Klinik und Praxis zusammengefasst.

Expertenrückblick auf den ACC-Kongress – das Wichtigste im Überblick

Kann man ASS als Plättchenhemmer in Zukunft komplett weglassen? Muss jedem Patienten ab sofort eine TAVI angeboten werden? Und wo stehen wir in der kardialen Prävention? Eine Expertenrunde hat in Leipzig die neuesten Studien und viel diskutierte Themen des diesjährigen ACC-Kongresses kommentiert. Schauen Sie rein und bleiben Sie auf dem neuesten Stand.

Aus der Kardiothek

02.07.2019 | Quiz | Onlineartikel

Was ist die Ursache für die Lumenreduktion?

Koronarangiografie bei einem 63-jährigen Patienten. Augenscheinlich ist eine systolische Lumenreduktion des linken Hauptstamms. Was ist die Ursache?

16.04.2019 | Quiz | Onlineartikel

Patientin mit Fieber und Tachykardie – die Ursache verrät das Röntgenbild

Röntgenaufnahme des Thorax im Stehen bei einem 43 jährigen Patienten mit Fieber und Tachykardie. Was ist zu sehen?

Düsseldorfer Herz- und Gefäßtagung 2019

Expertenvorträge für Sie zusammengestellt: Auf der diesjährigen Düsseldorfer Herz- und Gefäßtagung haben renommierte Experten die neuesten Leitlinien, Studien und medizintechnischen Entwicklungen vorgestellt und die Kernaussagen kompakt für den Alltag in Klinik und Praxis zusammengefasst.

Kontroverser Fall: So kann man wiederkehrendes Vorhofflimmern auch behandeln

DGK Herztage 2018 - Interview Prof. Dr. Boris Schmidt

Ein Patient leidet an wiederkehrendem Vorhofflimmern. Das Team um Prof. Boris Schmidt entscheidet sich für eine ungewöhnliche Strategie: die Implantation eines endokardialen Watchmann-Okkluders, um den linken Vorhof zu isolieren. Das genaue Prozedere sehen Sie hier. 

Spezielle Katheterablations-Strategie bei ausgeprägtem Narbengewebe

Vortrag Prof. Dr. Thomas Deneke - Jahrestagung DGK 2018

Die ventrikuläre Tachykardie eines 54-jährigen Patienten mit zurückliegendem Hinterwandinfarkt soll mit einer Katheterablation beseitigt werden. Prof. Thomas Deneke entscheidet sich für eine unkonventionelle Strategie und erläutert wie das CT  in solchen Fällen helfen kann. 

Komplizierte Mehrgefäß-KHK bei einem jungen Patienten

Vortrag Priv.-Doz. Dr. Hans-Jörg Hippe Jahrestagung DGK 2018

Mehrere komplexe Stenosen bei einem 46-jährigen Patienten erfordern ein strategisch sinnvolles Vorgehen. Wofür sich das Team um PD Dr. Hans-Jörg Hippe vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Klinik entschieden hat, erfahren Sie in diesem Livecase. 

Bildnachweise