Nachrichten 29.01.2021

Wie Alkohol den Herzrhythmus verändert

Bei regelmäßigem Alkoholkonsum steigt das Risiko für Vorhofflimmern, dafür sprechen immer mehr Studien. Doch wie wirkt Alkohol akut auf den Herzrhythmus? Um das herauszufinden, unternahmen Wissenschaftler einen ungewöhnlichen Versuch.

Alkohol wirkt sich offenbar akut und direkt auf den Herzrhythmus aus, er verkürzt die Vorhofrefraktärzeit und könnte dadurch die Entstehung von Vorhofflimmern begünstigen. Zu dieser Erkenntnis gelangten Wissenschaftler um Dr. Gregory Marcus, nachdem sie im Rahmen einer randomisierten Studie Probanden Alkohol intravenös verabreicht hatten.

Dass es einen Zusammenhang gibt, ist relativ eindeutig…

Die Kardiologen von der Universität von Kalifornien in San Francisco wollten herausfinden, wie genau Alkohol zur Entwicklung von Vorhofflimmern beiträgt. Dass es zwischen Alkoholkonsum und Vorhofflimmern einen Zusammenhang gibt, haben inzwischen einige Studien belegt. Erst vor kurzem wurde eine Analyse publiziert, die nahelegt, dass schon kleine Mengen ausreichen, um das Vorhofflimmern-Risiko zu steigern. Doch warum ist das so?

…aber wie ist der Mechanismus?

Für die aktuelle Studie wurden 100 Probanden, bei denen eine Vorhofflimmern-Ablation anstand, zu zwei Gruppen randomisiert:

  • Die eine Hälfte bekam während des Mappings eine 6%ige i.v. Ethanol-Salzlösung infundiert, bis deren Blutalkohol bei ca. 0,08% lag (das entspricht 0,8 Promille, wofür laut der Studienautoren normalerweise 4 bis 6 Drinks nötig wären), abgeschätzt wurde dies anhand des kontinuierlich erfassten Atemalkohols, 
  • den anderen 50 Patienten wurde stattdessen eine 5%ige Dextrose-Salzlösung infundiert.

Vor und nach der Infusion wurden dann im Rahmen der Ablation unterschiedliche elektrophysiologischen Parameter gemessen.

Und die Alkohol-Infusion hatte tatsächlich unmittelbare Auswirkungen auf die atriale effektive Refraktärzeit, vor allem in den Pumonalvenen: Nach der Infusion nahm diese signifikant im Schnitt um 12 ms ab, allerdings war die Schwankungsbreite groß (95%-KI: 1– 22ms; p=0,026). In der Placebo-Gruppe hingegen blieben die Zeiten unverändert, doch auch hier gab es große individuelle Unterschiede (p=0,98). In anderen Venen waren keine signifikanten Veränderungen der Refraktärzeiten nachweisbar, in keiner der beiden Gruppen.

Kein Einfluss auf Vorhofflimmern-Episoden

Generell kam es aber – wenn man alle Stellen im Vorhof berücksichtigt, an denen gemessen wurde –  signifikant häufiger in der Alkohol-Gruppe zu einer Abnahme der Refraktärzeit als in der Placebo-Gruppe (p=0,0043). Dieses Phänomen kam also anteilig deutlich häufiger bei den Patienten mit einer Alkohol-Infusion vor.

Auf die Überleitungszeiten hatte die Alkohol-Gabe dagegen keinen Einfluss. Genauso wenig hat die Infusion akut eine höhere Vorhofflimmern-Induzierbarkeit zur Folge gehabt: Die Probanden, denen Alkohol infundiert wurde, erlitten während der Prozedur nicht mehr Vorhofflimmern-Episoden als jene mit der Dextrose-Infusion (44% vs. 48%; p=0,69).

„Direkte und akute elektrophysiologische Effekte“

„Diese Daten deuten darauf hin, dass Alkohol direkte und akute elektrophysiologische Effekte ausübt, die womöglich den Vorhof, und dort besonders die Pulmonalvenen, anfälliger für Arrhythmien machen“, resümieren die Studienautoren. Die proarrhythmogene Aktivität von Alkohol könnte laut der US-Kardiologen durch die Verkürzung der Refraktärzeit entstehen, die durch Alkohol offenbar induziert wird. Es sei bekannt, dass durch eine verkürzte Refraktärzeit schnelle und entkoppelte Erregungswellen erzeugt werden, die in Vorhofflimmern münden können.  

Womöglich ist die Wirkung individuell unterschiedlich

Etwas widersprüchlich dazu scheint allerdings die Tatsache, dass Alkohol in dieser Studie keine unmittelbaren Effekte auf das Auftreten von Vorhofflimmern hatte, trotz der Effekte auf die atriale effektive Refraktärzeit. Die Rate an Vorhofflimmern-Episoden war in beiden Gruppen recht hoch. Deshalb vermuten die Studienautoren, dass die Patienten prinzipiell sehr anfällig für Vorhofflimmern waren, und die Effekte des Alkohols bei einer solchen Prädisposition untergegangen sind, also keinen Ausschlag mehr gegeben haben. 

Die Kardiologen weisen zudem darauf hin, dass die Auswirkungen von Alkohol individuell unterschiedlich sein können. Eine bekannte Anfälligkeit für Alkohol-Effekte könnte sich auch auf die Bereitschaft zur Studienteilnahme ausgewirkt haben (Menschen mit einer entsprechenden Historie waren womöglich etwas zurückhaltender).

Die Einschlusskriterien der Studie legen noch eine weitere Limitation offen: Die Teilnehmer hatten allesamt Vorhofflimmern, einige wurden schon mal abladiert und hatten in der Folge erneut Rezidive entwickelt. Zudem standen die Probanden unter einer Vollnarkose, als sie die Infusionen erhielten. Es ist somit unklar, ob sich Alkohol bei gesunden Menschen in einer Alltagssituation genauso auf den Herzrhythmus auswirkt wie in einem solchen experimentellen Setting.

Literatur

Marcus GM et al. A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Trial of Intravenous Alcohol to Assess Changes in Atrial Electrophysiology. J Am Coll Cardiol EP 2021; DOI: https://doi.org/10.1016/j.jacep.2020.11.026

Highlights

Kardiothek

Alle Videos der Kongressberichte, Interviews und Expertenvorträge zu kardiologischen Themen. 

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Hilft Intervallfasten doch beim Abnehmen?

Ob intermittierendes Fasten beim Abnehmen helfen könnte, ist umstritten. Kürzlich publizierte Ergebnisse sprechen eher dagegen. Eine aktuelle randomisierte Studie kommt jedoch zum gegenteiligen Schluss.

Warum Kardiologen nach den Wechseljahren fragen sollten

Frauen, bei denen die Menopause früh einsetzt, haben ein erhöhtes Risiko für Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern, legen aktuelle Daten nahe. Expertinnen empfehlen deshalb, die reproduktive Gesundheit von Frauen in das kardiovaskuläre Risikoassessment mehr einzubeziehen.

Synkopen: Wie hoch ist das Unfallrisiko wirklich?

Fahrverbote bei Synkopen können Unfälle verhindern, sind aber auch belastend für die Betroffenen. In einer Studie wurde jetzt das Risiko von Personen mit Synkopen und das von anderen Patienten und Patientinnen der Notaufnahme verglichen.

Aus der Kardiothek

Herzinsuffizienz: Optimal-Medikamentöse-Therapie (OMT), und ... was noch?

Medikamente sind die Eckpfeiler einer adäquaten Herzinsuffizienztherapie. Darüber hinaus gibt es zusätzliche Optionen, die für manche Patienten eine Lösung darstellen können. Anhand von Fallbeispielen erläutert Dr. med. Andreas Rieth welche das sind.

Digitale Kardiologie anno 2022 – von Zukunftsvisionen bis sinnvollem Einsatz im Alltag

Die digitale Kardiologie ist nicht nur ein Trend, sie eröffnet eine realistische Chance, die Versorgung von Patientinnen und Patienten zu verbessern. Dr. med. Philipp Breitbart gibt Tipps für den Einsatz solcher Devices im Alltag.

Muss eine moderne Herzinsuffizienztherapie geschlechtsspezifisch sein?

Medikamente wirken bei Frauen oft anders als bei Männern. Dr. med. Jana Boer erläutert, wie sich diese Unterschiede auf die pharmakologische Herzinsuffizienztherapie auswirken, und was Sie dabei beachten sollten.

Kardiothek/© kardiologie.org
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org