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18.02.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

AMNOG in der Herz-Kreislauf-Medizin

Was nutzt die Nutzenbewertung wirklich?

Autor:
Philipp Grätzel

Vier Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (AMNOG) zieht die Krankenkasse DAK Gesundheit eine in Teilen positive Zwischenbilanz. Doch die wissenschaftliche Auswertung zeigt auch: Nutzenbewertung und Versorgung sind zwei Paar Stiefel.

Wirkungen und Nebenwirkungen des AMNOG wurden im Auftrag der DAK Gesundheit von Professor Wolfgang Greiner von der Universität Bielefeld im „AMNOG-Report 2015“ untersucht. Die Analyse basiert auf Medikamenten, die bis zum Stichtag 31.12.2013 den AMNOG-Prozess vollständig durchlaufen haben. Insgesamt waren das 58 Wirkstoffe in 64 Verfahren.

Formal wurde knapp der Hälfte der evaluierten Präparate vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) ein Zusatznutzen attestiert. Einen „erheblichen Zusatznutzen“ gab es gar nicht. Bezogen auf die GKV-Zielpopulation beträgt die Nutzenquote allerdings nur 26%: „Je mehr Volkskrankheit, desto geringer die Wahrscheinlichkeit eines Zusatznutzens“, kommentierte Greiner diesen Befund.

Ticagrelor und Apixaban: Unterschiedlicher Zusatznutzen, ähnliche Rabatte

Welche Auswirkungen hat nun die Nutzenbewertung? Am Beispiel der Herz-Kreislauf-Medikamente lässt sich das gut festmachen. So wurde Ticagrelor Ende 2011 ein beträchtlicher Zusatznutzen attestiert. Für das neue orale Antikoagulans Apixaban gab es dagegen in der Indikation Prophylaxe der venösen Thrombembolie (Ausnahme: Subgruppe Hüftgelenksersatz) keinen und in der Indikation Schlaganfallprophylaxe einen geringen Zusatznutzen.

Trotz dieses Unterschieds waren die Ergebnisse der Verhandlungen zum Erstattungsbetrag ähnlich. Verhandelt wurde ein Rabatt auf die Netto-Herstellerabgabepreise im mittleren einstelligen Prozentbereich. Insgesamt gebe es in der Analyse über alle bewerteten Präparate hinweg keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen Zusatznutzen und Nutzenbewertungsrabatt, so die Gutachter.

Das ist die ökonomische Seite. Auch medizinisch sind die Auswirkungen der Nutzenbewertung schwer vorhersagbar. Eigentlich sollte bei Medikamenten, denen ein Zusatznutzen attestiert wird, das Umsatzvolumen zunehmen, und bei Medikamenten ohne Zusatznutzen sollte es fallen oder weniger stark zunehmen, so Greiner.

Das ist in der Gesamtschau eindeutig nicht der Fall: Im Jahr nach der G-BA-Entscheidung stieg das Umsatzvolumen (in Tagesdosen) für Präparate, denen kein Zusatznutzen attestiert wurde, im Mittel um 18%. Bei Präparaten mit beträchtlichem Zusatznutzen waren es dagegen unter 14%, und bei Präparaten mit geringem Zusatznutzen ebenfalls rund 18%.

Nutzenbewertung kommt in der Versorgung nicht an

Auch dieser geringe Zusammenhang zwischen attestiertem Zusatznutzen und Verordnungs- bzw. Umsatzvolumen lässt sich in der Kardiologie gut demonstrieren. Sowohl bei Ticagrelor als auch bei Apixaban steigt das Umsatzvolumen seit der Bewertung recht konstant an. Und sogar das Sartan Azilsartan erlebte nach Markteinführung einen steilen Anstieg der Umsatzvolumina, obwohl der Hersteller für dieses Präparat gar kein Nutzenbewertungsdossier eingereicht hatte.

Aus Sicht von Professor Wolf-Dieter Ludwig von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft sind die eher begrenzten Versorgungseffekte der Nutzenbewertung eine Enttäuschung. Ziel müsse es sein, die Ärzte besser als bisher mit neutralen Informationen zum Nutzen von neuen Arzneimitteln zu versorgen. Der „AMNOG-Report 2015“ zeige, dass die Dominanz des Marketings im medizinischen Fortbildungs- und Publikationswesen ungebrochen sei, so Ludwig.

Andere Schlüsse aus aktuellen Auswertungen zum AMNOG-Effekt zieht der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa). Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer fordert, dass das AMNOG versorgungsfreundlicher und der Zugang zu innovativen Arzneimitteln verbessert werden müsse. 

Literatur