Nachrichten 02.04.2020

Helfen E-Zigaretten bei der Raucherentwöhnung?

Mittlerweile warnen viele Experten vor E-Zigaretten. Nun zeigt eine randomisierte Studie, dass das „Dampfen“ tatsächlich bei der Raucherentwöhnung helfen kann. Doch Zweifel bleiben.

Mit E-Zigaretten fällt es Rauchern offenbar tatsächlich leichter, mit dem Rauchen herkömmlicher Zigaretten aufzuhören – zumindest kurzfristig –  wie eine aktuell beim „virtuellen“ ACC-Kongress übertragene randomisierte Studie gezeigt hat.

Randomisierte Studie soll Klarheit bringen

In dieser Studie schafften 22% der Teilnehmer, die zusätzlich zu einer Rauchentwöhnungs-Beratung nikotinhaltige E-Zigaretten konsumierten, nach 12 Wochen einen Rauchstopp (primärer Endpunkt: „point prevalence abstinence“), während dies nur 9% der Studienteilnehmer mit einer alleinigen Beratung gelang.

Ein Rauchstopp war mit den E-Zigaretten somit deutlich wahrscheinlicher (relative Risikoreduktion, RR: 2,4), dieses Ergebnis sei signifikant, berichtete der Studienautor Prof. Mark Eisenberg, Jewish General Hospital in Montreal, in einer Late-Breaking-Clinical-Trial-Session. Von den Teilnehmern, die nikotinfreie E-Zigaretten konsumierten, erreichten 17% der Teilnehmer eine Abstinenz (RR: 1,9), dieser Unterschied war nicht signifikant.

Zigarettenkonsum ging zurück…aber zu welchem Preis?

Wenig überraschend rauchten die E-Zigaretten-Konsumenten in der Summe nach 12 Wochen auch deutlich weniger konventionelle Zigaretten pro Tag als die Teilnehmer, die lediglich beraten wurden: Der Konsum sank von anfangs etwa 20 auf 8 Zigaretten pro Tag in der Gruppe mit nikotinhaltigen E-Zigaretten bzw. auf 10 Zigaretten in der Gruppe mit nikotinfreien E-Zigaretten. In der Beratungsgruppe reduzierte sich der Konsum auf 14 Zigaretten/Tag. Keine Angaben machte Eisenberg, wie viele E-Zigaretten die Teilnehmer in den jeweiligen Gruppen zum Ausgleich „dampften“.

Deutlich ernüchternder sind die Resultate des sekundären Endpunkts „kontinuierliche Abstinenz“, dieser sei allerdings sehr strikt gefasst, erläuterte Eisenberg, nämlich als kein einziger Zug an einer Zigarette bereits in der ersten Woche: Nur 5% der Konsumenten von nikotinhaltigen E-Zigaretten (bzw. 3% mit nikotinfreien Präparaten) und nur 1% der Teilnehmer aus der reinen Beratungsgruppe gelang der sofortige Komplettverzicht. Dieser Unterschied war nicht signifikant.

„Effektiver als nur eine Beratung“

„Nikotinhaltige E-Zigaretten zusammen mit einer individuellen Beratung ist die effektivere Methode zur Raucherentwöhnung als eine alleinige Beratung“, schloss Eisenberg aus diesen Ergebnissen. Die diesbezügliche Wirkung nikotinfreier E-Zigaretten reihte der Kardiologe in der Mitte zwischen der nikotinhaltiger E-Zigaretten und der einer alleinigen Beratung ein.

Aber es gibt viele Limitationen

Weniger enthusiastisch äußerte sich Prof. Nancy Rigotti, Massachusetts General Hospital in Boston, in einem Statement im Anschluss an die Präsentation. Zwar bezeichnete sie die Ergebnisse als „ermutigend“. Diese würden zur Klärung der Debatte beitragen. Doch mahnte sie bei der Interpretation der Daten  zur Vorsicht: „Die Hauptlimitation ist die kurze Studiendauer von 12 Wochen“, gab die Expertin für Raucherentwöhnung zu bedenken. Um eine Aussage über die langfristigen Effekte einer solchen Intervention machen zu können, sei ein Follow-up von mindestens sechs, idealerweise zwölf Monate vonnöten.

Darüber hinaus weist Rigotti darauf hin, dass in der reinen Beratungsgruppe mehr Teilnehmer das Follow-up nicht beendet hatten als in den E-Zigaretten-Gruppen und man bei der Auswertung per se davon ausgehe, dass diese Personen weiter geraucht hätten.

An der Reduktion des Endpunkts „Zahl der gerauchten Zigaretten/Tag“ kann die Wissenschaftler nicht so viel Positives abgewinnen. „Wir wissen, dass die Menschen häufig nach einer gewissen Zeit zu ihrem ursprünglichen Rauchverhalten zurückkehren.“

Neueste Präparate mit deutlich höherem Nikotingehalt

Und zu guter Letzt macht Rigotti darauf aufmerksam, dass in der Studie nicht die neusten E-Zigaretten-Versionen  zum Einsatz gekommen sind. Die Entwicklung in diesem Bereich sei rasant, betonte sie. Beispielsweise würden die heutigen Präparate einen deutlich höheren Nikotingehalt aufweisen.

Eisenberg akzeptierte diese Einwände: Es müssten viel mehr Studien zu dieser Frage publiziert werden, um eine endgültige Aussage zum Nutzen von E-Zigaretten als Raucherentwöhnung treffen zu können. Wie der Kardiologe ausführte, ist bereits ein Versuch unternommen worden, mit einem derzeit am häufigsten verkauften E-Zigaretten-Präparat eine Studie zu konzipieren. Doch der Hersteller hätte noch nicht mal mit ihnen sprechen wollen.

Sind E-Zigaretten wirklich die bessere Alternative?

Prinzipiell lässt sich darüber diskutieren, was ein Rauchstopp nützt, wenn stattdessen zu E-Zigaretten gegriffen wird. Die Hinweise häufen sich, dass „Vaping“ das Herz-Kreislauf-System ebenfalls in Mitleidenschaft zieht, wohl nicht so stark wie konventionelle Zigaretten, doch weiß man aktuell nur wenig über die Langzeitfolgen von E-Zigaretten (mehr dazu lesen Sie in diesem Beitrag). 

Insgesamt sind in der Studie 376 Raucher (im Schnitt seit 35 Jahren) zu einer der drei Gruppen (nikotinhaltige E-Zigaretten+ Beratung, nikotinfreie E-Zigaretten + Beratung oder alleinige Beratung) randomisiert zugeteilt und über 12 Wochen nachverfolgt worden. Ursprünglich geplant waren der Einschluss von 486 Teilnehmern und ein Follow-up von 52 Wochen. Wie Eisenberg berichtete, hat es unvorhersehbare Lieferschwierigkeiten bei dem Hersteller der E-Zigaretten gegeben, weshalb die Rekrutierung vorzeitig beendet werden musste.

Literatur

Eisenberg MJ. A randomized controlled trial evaluating the efficacy and safety of e-cigarettes for smoking cessation. vorgestellt am 30. März 2020 bei der Late-Breaking-Clinical-Trial-Session V beim ACC2020/WCC Virtual. 

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Bildnachweise
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