Nachrichten 05.04.2022

Herzinfarkt: Weniger Angina pectoris nach kompletter Revaskularisation

Patienten mit Herzinfarkt und koronarer Mehrgefäßerkrankung profitieren nicht nur prognostisch von einer kompletten Revaskularisation. Auch bezüglich der antianginösen Wirkung scheint diese Strategie bei perkutaner Koronarintervention von Vorteil zu sein, wie neue Studiendaten belegen.

Durch die perkutane Koronarintervention (PCI) werden Angina-pectoris-Beschwerden und die durch sie beeinflusste Lebensqualität bei Patienten mit ST-Hebungs-Myokardinfarkt (STEMI) und koronarer Mehrgefäßerkrankung deutlich verbessert – egal, ob bei der Revaskularisation nur die infarktrelevante Arterie (Culprit-only-Revaskularisation) oder zusätzlich auch andere stenosierte Koronararterien (komplette Revaskularisation) behandelt werden.

Ganz gleich sind beide Strategien der Revaskularisation bezüglich ihrer symptomatischen Wirkung damit aber nicht, wie eine neue Analyse von Daten der COMPLETE-Studie zeigt. Nach drei Jahren waren in dieser Studie im Fall einer kompletten Revaskularisation mehr Patienten frei von Angina pectoris als nach Culprit-only-Revaskularisation. Dieser Benefit wurde fast ausschließlich in der Subgruppe der Patienten mit hochgradigen (>80%) Stenosen in nicht am Infarktgeschehen beteiligten Koronararterien (non-culprit lesions) beobachtet.

Komplette Revaskularisation nicht nur mit weniger kardiovaskulären Ereignissen …

Zur Erinnerung: Die COMPLETE-Studie hat bekanntlich gezeigt, dass eine erweiterte (komplette) Revaskularisation unter Einbeziehung von koronaren Non-culprit-Läsionen im Vergleich zur nur an der Infarktarterie ansetzenden Culprit-only-PCI das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse einschließlich Herzinfarkte bei STEMI-Patienten in den nächsten drei Jahren signifikant um rund ein Viertel senkt. Die Inzidenz von kardiovaskulär verursachten Todesfällen und neuen Myokardinfarkten war im Verlauf von drei Jahren in der Gruppe mit kompletter Revaskularisation relativ um 26% niedriger als in der Gruppe mit Culprit-lesion-only-PCI (7,8% vs. 10,5; p=0,004). Entscheidend dafür war die Reduktion von Reinfarkten, deren Rate nach kompletter Revaskularisation signifikant um 32% niedriger war (5,4% vs. 7,9; p=0,002).

Unklar war bislang, welchen Einfluss beide PCI-Strategien auf den Angina-pectoris-bezogenen Gesundheitsstatus (angina-related health status) der Studienteilnehmer hatte. Dazu hat der kanadische Studienleiter Dr. Shamir Mehta von der McMaster University in Hamilton nun eine neue COMPLETE-Analyse beim ACC-Kongress in Washington vorgestellt.

Erhebungen zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität sind bei den 4.041 Studienteilnehmern mithilfe eines speziellen 19-teiligen Fragebogens (Seattle Angina Questionnaire, SAQ) zu Beginn sowie nach sechs Monaten und drei Jahren vorgenommen worden. Der SAQ erfasst unter anderem Angina-pectoris-Häufigkeit, Therapiezufriedenheit und Lebensqualität mittels Scores von 1 bis maximal 100 Punkten, wobei eine höhere Punktzahl einem höheren Grad an Freiheit von Angina pectoris entspricht.

… sondern auch mit weniger Angina pectoris assoziiert

Primärer Endpunkt war die Häufigkeit von Angina pectoris. Zu Studienbeginn war etwa die Hälfte aller Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern symptomfrei. Nach drei Jahren lag der mittlere Score für die Angina-pectoris-Häufigkeit auf der entsprechenden SAQ-Subskala bei 97,1 Punkten in der Gruppe mit kompletter Revaskularisation (Anstieg um 9,8 Punkte im Vergleich zum Ausgangsscore, p<0,001) und bei 96,3 Punkten in der Culprit-only-Gruppe (Anstieg um 8,6 Punkte, p<0,001). Die mittlere Differenz zwischen den Gruppen betrug 0,97 (p=0,008).

Ohne jegliche pektanginösen Beschwerden waren nach drei Jahren 87,5% der Patienten mit kompletter Revaskularisation und 84,3% der Patienten mit Culprit-only-PCI (p=0,008). Aus Subgruppenanalysen geht hervor, dass primär Patienten mit ausgeprägten Stenosen (>80% bei visueller Abschätzung) in Non-culprit-Koronararterien den – insgesamt moderaten – Unterschied bezüglich des symptomatischen Nutzens zwischen beiden PCI-Strategien ausmachten. In dieser Subgruppe hatten nach drei Jahren 15,7% der Patienten mit Culprit-only-PCI, aber nur 12,5% der Patienten mit kompletter Revaskularisation noch residuale Angina-pectoris-Symptome (p=0,013).

Literatur

Mehta S: Effects of Complete Revascularization on Angina-related Quality of Life in Patients With ST-segment Elevation Myocardial Infarction. Featured Clinical Research I, American College of Cardiology 2022 Scientific Session, 2. April in Washington

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