Nachrichten 04.04.2022

PCSK9-Hemmer nach Infarkt: Deutliche Plaqueregression erreichbar

Werden PCSK9-Hemmer in Ergänzung zu hochdosierter Statin-Therapie unmittelbar nach einem Infarkt bald Standard? Die PACMAN-AMI-Studie zeigte mit unterschiedlichen Bildgebungs-Methoden eine starke Plaqueregression.

Die PACMAN-AMI Studie, die bei der ACC-Tagung von Prof. Lorenz Räber von der Kardiologie der Universität Bern vorgestellt und parallel in der Zeitschrift JAMA veröffentlicht wurde, war eine doppelblinde, randomisierte Studie mit primären und sekundären Bildgebungsendpunkten. Sie fand in neun Zentren in der Schweiz, Österreich, Dänemark und den Niederlanden statt. 300 Patienten mit akutem Myokardinfarkt nahmen teil, gut die Hälfte davon mit ST-Hebungsinfarkt. Die Patienten waren im Mittel 58 Jahre alt und vor dem Infarkt vergleichsweise gesund. Nur etwa 10 % hatten Diabetes, nur etwa 12 % nahmen bereits Statine ein.

Die Patienten wurden nach Leitlinie versorgt. Das Infarktgefäß wurde rekanalisiert, und bei Entlassung nahmen 94,3 % Rosuvastatin 20 mg ein. Diese Dosis wurde über den Studienzeitraum auch weitgehend durchgehalten: Nach 52 Wochen waren noch 90,6 % auf 20 mg Rosuvastatin. Die Hälfte der Patienten erhielt zusätzlich 150 mg Alirocumab alle zwei Wochen, das ganze über ein komplettes Jahr.

Primärer Endpunkt war die mit intravaskulärem Ultraschall (IVUS) gemessene Veränderung des Plaquevolumens bis Woche 52. Sekundär wurden mittels Nahinfrarotspektroskopie (NIRS) die Veränderung im Lipidgehalt gemessen, außerdem mittels optischer Kohärenztomographie (OCT) die Dicke der fibrösen Kappe. Große Plaquevolumina im IVUS, ein hoher Lipidgehalt in der NIRS und eine dünne fibröse Kappe auf den Atheromen seien mit einem höheren Risiko erneuter kardiovaskulärer Ereignisse assoziiert, betonte Räber.

Plaqueregression stärker als erwartet

Erwartungsgemäß unterschied sich nach einem Jahr Behandlung das LDL-Cholesterin deutlich zwischen den beiden Gruppen. Während in der Rosuvastatin/Placebo-Gruppe der LDL-Wert von im Mittel 152,8 mg/dl auf 74,4 mg/dl gesenkt wurde, waren es bei zusätzlicher Gabe von Alirocumab nur noch 23,6 mg/dl. Dies spiegelte sich in klaren Vorteilen für die Alirocumab-Gruppe in allen drei Bildgebungs-Endpunkten wider: Das mittlere Plaquevolumen nahm um 2,13 % ab, gegenüber 0,92 % in der Placebogruppe (p<0,001), bzw. das Gesamtvolumen um 26,12 mm³ gegenüber 14,97 mm³ (p<0,001). Der Lipidgehalt im NIRS, gemessen mit dem Lipid Core Burden Index, nahm signifikant stärker ab, und die Dicke der fibrösen Kappe nahm unter Alirocumab stärker zu. Auch das war alles statistisch signifikant. Keine signifikanten Unterschiede gab es bei klinischen Endpunkten. Was unerwünschte Wirkungen angeht, waren in der Alirocumab-Gruppe Reaktionen an den Einstichstellen, allergische Reaktionen und neurokognitive Symptome jeweils geringfügig häufiger.

Räber wies beim ACC darauf hin, dass die Plaqueregression in der PACMAN-AMI Studie stärker als erwartet ausfiel. Insbesondere sei sie stärker gewesen als in der GLAGOV-Studie, in der Evolocumab zum Einsatz gekommen war. Grund dafür sei wahrscheinlich weniger die Art des PCSK9-Hemmers als das unterschiedliche Patientenkollektiv der PACMAN-AMI Studie. So habe die GLAGOV-Studie überwiegend stabile KHK-Patienten rekrutiert, die mit Statinen vortherapiert waren und deren LDL-Wert bei Randomisierung schon bei 92 mg/dl lag, wohingegen es sich in der PACMAN-AMI-Studie zu 88 % um Statin-naive Patienten gehandelt habe.

Noch aggressiver senken?

Klinisch stellt sich angesichts der PACMAN-AMI Studie einmal mehr die Frage, ob das LDL bei Infarktpatienten nicht auf breiterer Front aggressiv gesenkt werden sollte. Die europäischen Leitlinien sehen die sofortige, kombinierte LDL-Senkung nach Infarkt unter Einsatz von PCSK9-Hemmern bisher als Option nur für ausgewählte Patienten vor. „Die Studienergebnisse geben eine mechanistische Rationale für eine frühe, sehr intensive LDL-Senkung bei Patienten mit akutem Myokardinfarkt“, so Räber bei der ACC-Tagung. 

Prof. Michael Blaha von der Kardiologie der Johns Hopkins School of Medicine lobte in einem Kommentar die sehr sorgfältige Phänotypisierung der Plaques und sprach von einer extrem relevanten Studie. Es sei aber wichtig, die Mechanismen, über die Alirocumab und andere PCSK9-Hemmer wirken, noch genauer zu charakterisieren, auch um den Zusammenhang zwischen Plaque-Befunden und klinischen Outcomes noch besser zu verstehen.

Literatur

Räber L. PACMAN AMI: Effects of Alirocumab on Coronary Atherosclerosis Assessed by Serial Multimodality Intracoronary Imaging in Patients With Acute Myocardial Infarction: A Double-blind, Placebo-controlled, Randomized Trial. Late-Breaking Clinical Trials II, American College of Cardiology 2022 Scientific Session, 2. April in Washington

Räber L et al. Effect of Alirocumab Added to High-Intensity Statin Therapy on Coronary Atherosclerosis in Patients With Acute Myocardial Infarction. JAMA 2022; 3. April 2022; doi:10.1001/jama.2022.5218

Neueste Kongressmeldungen

Welche Antikoagulation bei Dialyse-Patienten mit Vorhofflimmern?

Apixaban scheint in der Antikoagulation bei Patienten mit dialysepflichtigem Nierenversagen und Vorhofflimmern ebenso wirksam und sicher zu sein wie ein Vitamin-K-Antagonist. Das legen Ergebnisse der deutschen AXADIA-AFNET-8-Studie nahe.

Schwere PAVK: Ist Bypass-OP hier vorteilhafter als endovaskuläre Therapie?

Ohne Revaskularisation droht PAVK-Patienten mit kritischer Extremitätenischämie die Amputation. Welches Verfahren – chirurgischer Bypass oder endovaskuläre Therapie – ist dann die beste Wahl? Die randomisierte BEST-CLI-Studie liefert dazu jetzt evidenzbasierte Entscheidungshilfe.

Was nützt spezielles Fischöl ergänzend zur Statintherapie?

Neue Daten zur Wirksamkeit eines speziellen Fischöls (Icosapent-Ethyl) heizen die Debatte um diese Therapieoption erneut an. In der RESPECT-EPA-Studie deutet sich ein prognostischer Nutzen an, das Ergebnis dürfte in Deutschland aber erstmal keine bedeutsame Rolle für die Praxis spielen.

Neueste Kongresse

DGK.Herztage 2022

Vom 29.9.-1.10.2022 finden die DGK.Herztage in Bonn statt.

TCT-Kongress 2022

Hier finden Sie die Highlights der Transcatheter Cardiovascular Therapeutics (TCT) Conference 2022, der weltweit größten Fortbildungsveranstaltung für interventionelle Kardiologie. 

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

Highlights

Podcast: Kardiovaskuläre Prävention – zwischen Mythen und Fakten

Neuer Podcast auf Kardiologie.org! In der zweiten Ausgabe mit Prof. Ulrich Laufs geht es um gängige Irrtümer in der kardiovaskulären Prävention, um immer neue Empfehlungen zu Eiern und um die Frage: Statine – ja oder nein?

Herzkongress mit wöchentlichen Vorträgen

Der DGK.Online-Kongress 2022 geht weiter: Jede Woche erwarten Sie wieder spannende Live-Vorträge aus der Herz-Kreislauf-Medizin, viele davon CME-zertifiziert. Nehmen Sie teil und sammeln Sie live CME-Punkte!

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

TAVI-Mindestmengen braucht es in Deutschland wohl nicht

Der Gemeinsame Bundesausschuss denkt über die Einführung verbindlicher Mindestmenge für TAVI-Prozeduren nach. Eine solche Regelung scheint aktuellen Registerdaten zufolge aber nicht zielführend. Die Autoren raten deshalb davon ab.

Lieferengpass für Digitoxin: DGK zeigt Alternativen zum Herzmedikament auf

Für Digitoxin gibt es fortdauernde Lieferprobleme. Um Ärztinnen und Ärzten im Umgang damit zu unterstützten, veröffentlichte die DGK eine Handlungsempfehlung für den Einsatz alternativer Medikamente bei unterschiedlichen Anwendungsfällen.

Herzgesundheit: Nahrungsergänzungsmittel besser als ihr Ruf?

Der Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln für die kardiovaskuläre Gesundheit wird kontrovers diskutiert. In einer Metaanalyse von mehr als 800 randomisierten Studien schienen bestimmte Mikronährstoffe das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse zu reduzieren.

Aus der Kardiothek

Influenzaimpfung in der kardiologischen Praxis: Tipps zur Umsetzung und Abrechnung

Auch in der kardiologischen Praxis können Patienten/Patientinnen gegen Influenza geimpft werden. Prof. Jörg Schelling erläutert, was Sie bei der Umsetzung beachten sollten und gibt Tipps zur Abrechnung.

Update Amyloidose: Red Flags, Diagnose und Therapie

Die Dunkelziffer bei der ATTR-Amyloidose ist groß. Umso wichtiger ist es, dass Kardiologen/Kardiologinnen die typischen Beschwerden kennen und erkennen. Prof. Wilhelm Haverkamp gibt Tipps zur Diagnosestellung und Behandlung und klärt wichtige Fragen zur Erstattung.

Hätten Sie es erkannt?

Intravaskuläre koronare Bildgebung mittels optischer Kohärenztomografie eines 46-jährigen Patienten nach extrahospitaler Reanimation bei Kammerflimmern. Was ist zu sehen?

DGK.Herztage 2022/© DGK
TCT-Kongress 2022/© mandritoiu / stock.adobe.com
DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk
Podcast-Logo
DGK.Online 2022/© DGK
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org
Kardio-Quiz Oktober 2022/© PD Dr. Daniel Bittner, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen