Nachrichten 01.04.2022

Begünstigt ein Herzinfarkt geistigen Abbau?

Myokardinfarkte können offenbar auch kognitive Einbußen mit sich bringen. In einer Studie betraf das überraschend viele Patienten ohne entsprechende Vorerkrankungen. Experten empfehlen deshalb, nach Herzinfarkten auch die kognitive Funktion zu überwachen.

Möglicherweise wirken sich Herzinfarkte stärker auf das Gehirn aus als angenommen. In einer bei der Jahrestagung des American College of Cardiology (ACC) präsentierten Studie wies etwa die Hälfte der Herzinfarktpatienten nach dem Ereignis gewisse kognitive Einbußen auf, manche nur vorübergehend, andere dauerhaft, bei einigen setzten sie erst nach einigen Monaten ein.

In die Studie wurden 220 polnische Patienten einbezogen, die aufgrund eines Herzinfarktes in eine Klinik eingeliefert worden waren. Dr. Dominika Kasprzak, Kardiologin am J. Strus-Krankenhaus in Poznań, und ihr Team unterzogen die Patienten kognitiven Tests, einige Tage nach dem Myokardinfarkt sowie sechs Monate später. Sie verwendeten den Mini-Mental-Status-Test und den Uhr-Zeichen-Test, die auch eingesetzt werden, um Anzeichen von Demenz zu erkennen.

Hohe Prävalenz kognitiver Einbußen

Bei der Auswertung der Test stellten die Mediziner fest, dass rund die Hälfte der Patienten zu beiden Zeitpunkten eine normale kognitive Funktion aufwies, während die andere Hälfte gewisse kognitive Einbußen zeigte. Bei 35% bis 40% der Probanden war das in den ersten Tagen nach dem Herzinfarkt der Fall und bei 27% bis 33% nach sechs Monaten. Bei denen, die kurz nach dem Ereignis kognitive Störungen hatten, waren diese bei rund der Hälfte vorübergehend und bei der anderen Hälfte dauerhaft. Etwa 11% der Patienten hatten direkt nach dem Myokardinfarkt keine kognitiven Einschränkungen, erlebten diese aber nach einem halben Jahr.

Keiner der Patienten hatte schon vor dem Herzinfarkt Demenz oder kognitive Störungen. Auch wenn die Gründe für die Verschlechterung nicht explizit untersucht wurden, vermuten Kasprzak et al. unterschiedliche Ursachen hinter dem vorübergehenden und dem dauerhaften kognitiven Abbau. Ihnen zufolge können psychische Belastungen und Schlafstörungen in den Tagen um den Herzinfarkt zu vorübergehenden Defiziten beitragen, während dauerhafte Einbußen auf eine Neurodegeneration oder Hirnschäden hinweisen könnten. Das verzögerte Einsetzen kognitiver Beeinträchtigungen könne möglicherweise mit Schlafstörungen, Depressionen und Angstzustände zusammenhängen.

Experten raten, kognitive Funktion zu beobachten

Die Teilnehmenden waren median 60 Jahre alt. Das mache es unwahrscheinlich, dass der kognitive Abbau lediglich altersbedingt gewesen sei, so die Kardiologen. Das Alter könne den Effekt jedoch verstärken. Bei Patienten, die älter waren oder deren Blutwerte auf schwere kardiovaskuläre Erkrankungen hinwiesen, beobachteten sie ein höheres Risiko für dauerhafte kognitive Störungen.

Kognitive Einbußen können die Lebensqualität von Patienten beeinträchtigen und es erschweren, den Lebensstil zu verändern, um weitere Herzinfarkte zu vermeiden, geben Kasprzak und Kollegen zu bedenken. Sie empfehlen daher, dass Kardiologen Patienten nach Myokardinfarkten gut überwachen und auf Anzeichen von geistigem Abbau achten. Derzeit analysieren sie Daten aus einer größeren Folgestudie, um die Ursachen der Effekte zu erforschen.

Literatur

Kasprzak D et al. Cognitive Impairment After Myocardial Infarction. Vorgestellt beim Kongress des American College of Cardiology (ACC), 2. bis 4. April 2022 in Washington.

ACC-Pressemitteilung: Heart Attack Survivors May Be at Greater Risk of Mental Decline, veröffentlicht am 23.03.2022.

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