Nachrichten 11.03.2021

Herzerkrankung und Adipositas in der Schwangerschaft: Riskante Kombination für Mutter und Kind

Adipositas während der Schwangerschaft bei Frauen mit bestehenden Herzerkrankungen scheint nicht nur ihr eigenes Risiko für kardiale Komplikationen zu erhöhen, sondern kann auch gefährliche Folgen für ihre Kinder haben. Frühe Interventionen können helfen.

Frauen mit kardiovaskulären Vorerkrankungen haben während einer Schwangerschaft ein erhöhtes Risiko für Komplikationen. Wie es sich auswirkt, wenn sie außerdem adipös sind, wurde bisher noch nicht untersucht. Eine kanadische Studie kam jetzt zu dem Ergebnis, dass Adipositas das Risiko für kardiale Komplikationen während der Schwangerschaft zusätzlich erhöht.

Dr. Birgit Pfaller und ihr Team von der Universität Toronto ermittelten dafür die Inzidenz unerwünschter kardialer Ereignisse bei fast 800 Schwangerschaften von rund 600 Frauen mit angeborenen und erworbenen Herzerkrankungen in Abhängigkeit vom Body-Mass-Index (BMI). Zu den Ereignissen zählten plötzlicher Herztod, Herzstillstand, Herzinsuffizienz, Myokardinfarkt, Schlaganfall, Aortendissektion und Throboembolien. Zudem wurden Präeklampsien und postpartale Blutungen erfasst.

Um zusätzliche Prädiktoren für Komplikationen zu identifizieren, berechneten die Forscher für alle Probandinnen einen Risikoscore, der auf dem CARPREG-Score (Canadian Cardiac Disease in Pregnancy Study) basiert. Von den schwangeren Frauen mit nachgewiesenen Herzerkrankungen waren 19% adipös (BMI ≥ 30 kg/m2), 25% übergewichtig (BMI von 25 bis 29,9 kg/m2), 53% normalgewichtig (BMI von 18,5 bis 24,9 kg/m2) und 3% untergewichtig (BMI <18,5 kg/m2).

Die Hälfte der Komplikationen ist postpartal

Adipöse hatten verglichen mit normalgewichtigen Frauen ein höheres Risiko für kardiale Ereignisse während der Schwangerschaft (23% vs. 14%). Der Unterschied war größtenteils auf eine Zunahme von Herzinsuffizienz zurückzuführen (8% vs. 3%). Fast die Hälfte der kardialen Ereignisse bei Frauen mit Adipositas traten nach der Geburt auf (47%). Eine multivariate Analyse ergab, dass sowohl Adipositas als auch höhere CARPREG-Risikoscores unabhängige Risikofaktoren für kardiale Ereignisse waren. Beides ging mit einem relativ um 70% erhöhten Risiko dafür einher. Adipöse Frauen entwickelten zudem häufiger Präeklampsien als Frauen mit Normalgewicht (8% vs. 2%).

Auch auf die ungeborenen Kinder schien sich Adipositas bei den herzkranken Schwangeren negativ auszuwirken. Fetale Ereignisse wie Frühgeburt, Totgeburt, Tod innerhalb des ersten Lebensmonats, anormales Geburtsgewicht, Atemnotsyndrom oder intraventrikuläre Blutungen traten bei 43% der Kinder der adipösen Frauen im Vergleich zu 33% der Kinder der normalgewichtigen Schwangeren auf. Auch Frühgeburten waren bei den Frauen mit Adipositas häufiger (19% vs. 10%). Die Rate der angeborenen Herzfehler unterschied sich mit jeweils 6% jedoch nicht zwischen den beiden Gruppen.

Rechtzeitige Intervention kann viel bewirken

Unerwünschte Ereignisse insgesamt, definiert als kardiale Komplikationen oder Präeklampsie bei der Mutter oder fetale Ereignisse, traten bei 56% der adipösen verglichen mit 41% der normalgewichtigen Schwangeren auf. „Adipositas bei schwangeren Frauen mit Herzerkrankungen geht mit erhöhten Komplikationsraten für Mutter und Kind einher“, fassen Pfaller und Kollegen zusammen. Sie plädieren dafür, dass betroffene Frauen rechtzeitig über die Risiken aufgeklärt werden, da es sich um einen veränderbaren Risikofaktor handelt. „Ärzte sollten sicherstellen, dass Beratung zu Ernährung, Gewichtskontrolle und Komorbiditäten Teil der Routineuntersuchungen ist, und dass die Patientinnen nach einer Geburt gut überwacht werden“, raten sie.

„Obwohl die Prävalenz von Adipositas zunimmt, bleiben Angebote zur Lebensstiländerung für Patienten mit Adipositas eine große Herausforderung“, so Dr. Garima Sharma von der John Hopkins Universität in Baltimore und Kollegen in einem Begleitkommentar. Bei adipösen Schwangeren anzusetzen, könne eine wichtige Intervention sein, um die Müttersterblichkeit zu reduzieren und die Chancengleichheit im Gesundheitsbereich zu verbessern, resümieren sie.

Literatur

Pfaller B et al. Impact of Obesity on Outcomes of Pregnancy in Women With Heart Disease. JACC 2021. https://doi.org/10.1016/j.jacc.2021.01.010

Sharma et al. Is Maternal Obesity the Achilles’ Heel of Sustainable Efforts to Reduce Adverse Pregnancy Outcomes? JACC 2021. https://doi.org/10.1016/j.jacc.2021.01.023

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