Nachrichten 16.11.2021

Vorhofflimmern: Wearables können Screening-Kandidaten identifizieren

Auch für Fitbit Wearables gibt es jetzt eine Vorhofflimmern-Studie. Ein neuer Algorithmus kann dabei helfen, ein geeignetes Screeningkollektiv für eine EKG-Messung zu identifizieren.

Die beiden Smartwatch-Hersteller Apple und Huawei haben jeweils in großen Studien gezeigt, dass ihre Uhren in der Lage sind, Menschen mit nicht diagnostiziertem Vorhofflimmern zu identifizieren. Dass Ähnliches auch mit unterschiedlichen Puls-Wearables geht, die bei Sportlern beliebt sind, zeigt jetzt die bei der virtuellen AHA-Tagung vorgestellte Fitbit Heart Study. 

Studien-Durchführung auf Distanz

So wie bei den beiden Geschwisterstudien handelte es sich um eine komplett auf Distanz mit Selbstrekrutierung durchgeführte Studie, an der in diesem Fall (unter Corona-Bedingungen) gut 455.000 Freiwillige teilnahmen. Das waren nochmal deutlich mehr als bei der Apple Heart-Studie. Bei den Patienten sollte kein Vorhofflimmern bekannt sein, und wer orale Antikoagulanzien nahm oder einen Schrittmacher oder Defibrillator trug, wurde ausgeschlossen. Das alles beruhte auf Selbstauskunft.

Wearable stellt nur eine Verdachtsdiagnose

Die Fitbit Wearables arbeiten mit photoplethysmografischer Pulsmessung, also nicht mit elektrischer EKG-Messung. Entsprechend kann die Vorhofflimmern-Diagnose nicht abschließend gestellt werden, es kann nur eine Verdachtsdiagnose ausgesprochen werden. Dazu hat Fitbit einen neuen Algorithmus entwickelt, der bisher noch nicht in den Wearables zum Einsatz kommt, der jetzt aber bei der FDA zur Zulassung eingereicht wurde.

Der Algorithmus erfordere, dass das Wearable insgesamt 30 Minuten an irregulärem Herzrhythmus aufzeichne, sagte Dr. Steven Lubitz vom Massachusetts General Hospital in Boston. Diese Aufzeichnung funktioniere nur in Ruhe, nicht unter Belastung. Der Algorithmus arbeitet also nicht, wenn der Träger gerade Sport macht, er erkennt das mithilfe des Akzelerometers in den Wearables. So werden nicht zuletzt Fehlalarme verhindert. Der Vorhofflimmern-Alarm wird ausgelöst, wenn der Algorithmus in insgesamt elf sogenannten Tachogrammen, also Pulsrhythmusstreifen in Ruhe, ein Vorhofflimmern erkannt zu haben meint.

In der Fitbit Heart-Studie war das in einem Zeitraum von 5 Monaten bei 4.728 Personen der Fall, also bei rund einem Prozent der Studienteilnehmern. Wie bei solchen auf Distanz durchgeführten Studien typisch, fielen von den identifizierten Personen viele weg, weil sie die Einladung zu einer telemedizinischen Konsultation nicht wahrnahmen. Am Ende wurde an 1.409 Studienteilnehmer mit Vorhofflimmern-Alarm ein EKG-Pflaster zur Bestätigung des Befunds geschickt, und 1.162 dieser Pflaster kamen auch wieder zurück und konnten ausgewertet werden. 32% der Patienten hatten im EKG am Ende tatsächlich Vorhofflimmern.

"Hohe Trefferquote" bei ausgewählter Population

Die Studie zeige demnach, dass sich durch den Fitbit-Algorithmus eine Population für ein EKG-Screening zusammenstellen lasse, bei der die „Trefferquote“ sehr hoch sei, betonte Lubitz. Bei denen, bei denen der Fitbit-Algorithmus unter EKG-Monitoring ein weiteres Mal alarmierte, war die Trefferquote nochmal sehr viel besser. In diesen Fällen war fast jeder Herzrhythmus-Alarm ein echtes Vorhofflimmern: Spezifität und positiv-prädiktiver Wert lagen jeweils bei 98%, und das war unabhängig von Geschlecht und Alter.

Die Gretchenfrage bleibt auch hier

Die Gretchenfrage bei der Fitbit Heart-Studie ist natürlich die gleiche wie bei den großen Screening-Studien mit Smartwatches: Übersetzt sich die höhere Diagnoserate auch in besseres Outcome? Ist der Nutzen einer Antikoagulation bei den durch Screening – und nicht anhand von Symptomen – identifizierten Patienten so hoch, dass er statistisch nachweisbar wird? Diese Frage ist weiterhin nicht abschließend geklärt. Ein anderer offener Punkt ist die Frage, in welchem Umfang Personen mit aktivitätsgetriggertem Vorhofflimmern von den Wearable-Algorithmen mit ihren Ruhemessungen übersehen werden.

Literatur

Lubitz SA: Detection of atrial fibrillation in a large population using wearable devices: the Fitbit Heart Study; Session Late Breaking Science 4; AHA Congress, 13.-15. November 2021

Neueste Kongressmeldungen

COVID-19 bei Athleten – das Dilemma der Sportfreigabe

Bei der vor allem für Hochleistungssportlerinnen und -sportler so wichtigen Entscheidung über die Freigabe „return to sports“ stehen Ärzte vor einem Dilemma. Einerseits will man mit Untersuchungen Sicherheit schaffen, andererseits ist die Aussagekraft einiger Befunde zweifelhaft.

ICD bei Herzinsuffizienz: Immer noch ein notwendiger Lebensretter?

Wird der implantierbare Defibrillator (ICD) angesichts einer immer besser gewordenen Therapie bei Herzinsuffizienz als Schutz vor plötzlichem Herztod noch gebraucht? Eine neue Studienanalyse legt einen Nutzen auch im Kontext einer modernen Herzinsuffizienz-Therapie zumindest nahe.

Erstmals gezeigt: Linksventrikuläre Leitungsstörungen sind vermeidbar

Linksventrikulären Leitungsstörungen lässt sich anscheinend durch eine intensive Blutdrucksenkung wirksam vorbeugen. Dafür sprechen aktuelle Ergebnisse einer Subanalyse der viel diskutierten SPRINT-Studie.

Neueste Kongresse

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

ACC-Kongress 2022

Der diesjährige Kongress der American College of Cardiology findet wieder in Präsenz in Washington DC und gleichzeitig online statt. In diesem Dossier lesen Sie über die wichtigsten Studien und Themen vom Kongress.

AHA-Kongress 2021

Die wichtigsten Ergebnisse der beim amerikanischen Herzkongress AHA präsentierten  Studie lesen Sie in unserem Dossier. Bleiben Sie auf dem Laufenden.

Highlights

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautete das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. In über 300 wissenschaftliche Sitzungen konnten sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu den Kernthemen der Kardiologie informieren. 

Kardiothek

Alle Videos der Kongressberichte, Interviews und Expertenvorträge zu kardiologischen Themen. 

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Wie eine Fischgräte ins Perikard gelangen kann

Ein 37-jähriger Mann wird wegen Brustschmerzen und Dyspnoe ins Krankenhaus eingewiesen. Dort machen die Ärzte eine erstaunliche Entdeckung im Perikard, für die sie nur eine Erklärung haben.

Zyklus beeinflusst Herzrhythmus von Frauen mit Long-QT

Während eines Menstruationszyklus verändern sich die Hormon-Spiegel. Bei gesunden Frauen haben solche Schwankungen keinen bedeutsamen Einfluss auf den Herzrhythmus. Bei Frauen mit Long-QT-Syndrom neuesten Daten zufolge offenbar schon.

Wie fliegende Ärzte die Schlaganfall-Therapie optimieren können

Wie ein Zeitgewinn von 90 Minuten bei der endovaskulären Therapie von Patienten mit ischämischem Schlaganfall in einer ländlichen Region zu erreichen ist, zeigt ein Pilotprojekt in Bayern.

Aus der Kardiothek

ACC-Kongress 2022 im Rückblick: Die wichtigsten Studien für Sie kommentiert

Beim ACC-Kongress in Washington wurden zahlreiche Studien vorgestellt: zur Prävention, interventionellen Behandlung, Rhythmologie usw.. Experten vom Leipziger Herzzentrum haben die wichtigsten Ergebnisse für Sie zusammengefasst, und kommentieren deren Relevanz für Ihren Praxisalltag.

Patientin mit Durchblutungsstörung am Auge – was sehen Sie im Herzecho?

Bei einer Patientin mit chorioretinaler Durchblutungsstörung des linken Auges erfolgte eine transösophageale Echokardiographie mit biplanarer Darstellung im B-Bild und Farbdoppler. Was ist zu sehen?

Hätten Sie es erkannt?

Koronarangiographie der linken Koronararterie (LAO 0°, CAU 30 °) einer 80-jährigen Patienten mit NSTEMI und hochgradig eingeschränkter systolischer LV-Funktion.

DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk
ACC-Kongress 2022 in Atlanta/© SeanPavonePhoto / Getty Images / iStock
AHA-Kongress 2020 virtuell
Kardiothek/© kardiologie.org
Webinar zum ACC-Kongress 2022/© Kardiologie.org [M]
Kardio-Quiz April 2022/© Daniel Bittner, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Kardio-Quiz März 2022/© L. Gaede, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg