Nachrichten 13.07.2021

Alternativer Radialis-Zugang auf dem Weg zum neuen Standard?

Der alternative Radialis-Zugangsweg für die PCI hat ihm attestierte Vorteile nun in einer relativ großen randomisierten Studie unter Beweis gestellt. Nach Ansicht des Studienautors hat der Snuffbox-Access damit das Zeug, der Standard zu werden.

Der sog. distale transradiale Zugangsweg – kurz dTRA (distal transradial access) – könnte bald zum Standard werden. Das jedenfalls prognostizierte Prof. Grigorios Tsigkas beim diesjährigen EuroPCR-Kongress. Der Kardiologe vom Universitätsklinikum Patras präsentierte dort die Daten der randomisierten Studie ANGIE, in welcher die dTRA mit dem konventionellen Radialis-Zugang verglichen wurde.

Im Gegensatz zum bisher üblichen Vorgehen wird bei der dTRA weiter distal an der Handoberfläche an der sog. anatomischen Snuffbox oder im ersten Intermetakarpalraum punktiert. Von diesem Vorgehen erhofft man sich eine geringere Rate an Verschlüssen der A. radialis. Ein Radialisverschluss kommt Tsigkas zufolge bei Anwendung des herkömmlichen Radialiszugangs in 5 bis 19% der Fälle vor.

Überwiegend Beobachtungsstudien und eine kleinere randomisierte Studie zeigten, dass die Rate bei der dTRA deutlich niedriger ist. Das liege womöglich an den Anastomosen im Bereich des Handgelenks und in der Handregion, die den Blutfluss im Unterarm erhalten können, erläuterte der Kardiologe die Gründe für die Beobachtungen.

Corona hat Studiendurchführung erschwert

Die Hypothese hat sich nun in der von Tsigkas vorgestellten ANGIE-Studie bestätigt. Mehr als 1.000 Patienten mit einer indizierten Koronarangiografie wurden hierfür 1:1 zu einer der beiden Zugangswege randomisiert. Tsigkas zufolge hat die Corona-Pandemie die Studiendurchführung erschwert, vor allen das Follow-up, berichtete er. Trotz allem waren am Ende Daten von 404 Patienten in der dTRA-Gruppe und 392 Patienten in der Gruppe mit konventionellen transradialen Zugangsweg auswertbar.

Deutlich weniger Radialisverschlüsse

Laut der Intention-to-Treat-Analyse kam es bei 7,9% der Patienten mit gewöhnlichem Radialiszugang innerhalb der folgenden 30 Tage zu einem Verschluss der A. radialis am Unterarm, bei denen mit dTRA dagegen nur bei 3,7% – ein signifikanter Unterschied (p=0,014). Ebenfalls signifikant unterschiedlich war die Zeit bis zum Eintreten der Hämostase, auch in diesem Punkt war die dTRA im Vorteil (120 vs. 60 Minuten; p˂ 0,001).

Auf der anderen Seite war die Crossover-Rate in der dTRA-Gruppe deutlich höher, sprich viele Ärzte wechselten im Zuge der Prozedur auf den anderen Zugangsweg, das war immerhin bei 21,8% der Patienten der Fall im Vergleich zu nur 5,5% in der Gruppe mit transradialem Zugang (p˂ 0,001). Die behandelten Ärzte benötigen auch deutlich länger für die Zugangslegung, wenn sie die Snuffbox punktierten.

„alternativer, sicherer und effizienter Zugangsweg“

Wie Tsigkas beim EuroPCR berichtete, ging die Crossover-Rate in der dTRA-Gruppe im Verlauf der Studie aber zunehmend zurück. Das bestätige, dass es eine Lernkurve gebe, interpretierte der Kardiologe diese Daten. Seiner Ansicht nach kann der neue Zugangsweg damit sowohl Ärzte als auch Patienten zufriedenstellen: „Der distale Radialiszugang ist ein alternativer, sicherer und effizienter Zugangsweg“. Die Methode resultiere in einer geringeren Radialisverschluss-Rate, biete eine frühere Hämostase und damit auch eine frühere schnellere Patientenmobilisation, fasste er die Vorteile zusammen.

Tsigkas könnte sich deshalb vorstellen, dass der distale radiale Zugang „der initiale, zu bevorzugende Zugangsweg für die Koronarangiografie und PCI“ werden kann. Und der transradiale Zugang für weitere Eingriffe aufgespart werde, erörterte er eine mögliche Strategie.

Literatur

Aminfar F. POT Puff study, EuroPCR 2021.

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