Nachrichten 20.01.2021

Betablocker nach Herzinfarkt auch nach drei Monaten fortsetzen?

Die ESC-Leitlinien geben keine konkrete Empfehlung ab, wie lange eine Betablocker-Therapie bei Herzinfarktpatienten fortgesetzt werden sollte. Neuen Daten zufolge hilft eine dauerhafte Therapie offenbar wenig.  

Was nützt eine dauerhafte Betablocker-Therapie für Infarktpatienten in heutigen Zeiten? Diese Frage wird schon seit längerem kontrovers diskutiert. Die Studienlage ist nicht eindeutig, da die randomisierten Studien noch aus einer Zeit stammen, in der die katheterbasierte Revaskularisation kein Standard war und Statine wie Plättchenhemmer nicht verbreitet eingesetzt worden sind.

Prognose ist dieselbe, mit und ohne Betablocker

Die Ergebnisse einer aktuellen Registeranalyse aus Dänemark lassen nun an dem Nutzen einer dauerhaften Betablocker-Therapie zweifeln. Denn hier hatte eine nach drei Monaten fortgesetzte Behandlung an der Prognose der Patienten nichts ändern können. Sprich, mit einer Betablocker-Therapie war das Risiko für kardiovaskulären Tod und erneuten Infarkt nicht geringer als ohne eine solche Behandlung (absolutes Risiko: 1,5% vs. 1,4% bzw. 7,1% vs. 6,9%). Es ließ sich drei Monate bis drei Jahre später auch keine Risikoreduktion für die kombinierte Ereignisrate aus kardiovaskulärem Tod, Herzinfarkt, Herzinsuffizienz, Schlaganfall, stabiler Angina und Notwendigkeit für kardiale Prozeduren nachweisen (22,9% vs. 21,6%). Unerwünschte Ereignisse kamen unter dem Betablocker nicht häufiger vor (13,0% vs. 13,3%).

Patienten waren optimal behandelt

Erwähnt werden sollte, dass die 30.177 Patienten aus dem Register optimal behandelt waren, sowohl mit ASS als auch mit Statinen; bei allen wurde eine Koronarangiografie vorgenommen, bei den meisten zudem eine perkutane Koronarintervention. Und wichtig: Die Patienten hatten keine Herzinsuffizienz oder andere Indikationen für eine Betablocker-Therapie; Personen mit Kontraindikationen für einen Betablocker, mit einer COPD, Asthma und Vorhofflimmern waren ebenfalls ausgeschlossen von der Analyse.

Die meisten Patienten – nämlich 82% – wurden drei Monate nach dem Infarkt weiterhin mit Betablockern behandelt, die restlichen 18% nicht. Die Patienten ohne fortgesetzte Betablocker-Therapie waren etwas älter und litten an mehr Komorbiditäten, wobei die Unterschiede zwischen beiden Gruppen von den Studienautoren um Dr. Anders Holt als gering eingeschätzt werden.  

„Ergebnisse werden Leitlinien beeinflussen“

Die Kardiologen von der Gentofte Klinik in Kopenhagen glauben, dass ihre Ergebnisse „Auswirkungen auf die aktuelle Leitlinien haben werden“, da sie große Anstrengungen unternommen hätten, den isolierten Effekt einer dauerhaften Betablocker-Therapie zu untersuchen, argumentieren Holt und Kollegen in der Publikation. Die US-amerikanischen Leitlinien empfehlen, die Betablocker-Therapie bei Infarktpatienten drei Jahre lang fortzusetzen, unabhängig von der Reperfusionstherapie und anderer Behandlungen. Die ESC-Leitlinien von 2017 raten zwar ebenfalls dazu, eine Betablocker-Therapie zu initiieren, legen sich aber auf keine konkrete Zeitspanne fest. Da diese Frage bisher in keiner Studie angemessen untersucht worden sei, könne man hierzu keine Empfehlung machen, begründen die Leitlinienautoren dies.

Die dänischen Kardiologen legen sich auf Grundlage ihrer Ergebnisse bereits fest: „Eine Betablocker-Behandlung sollte nach drei Monaten neu bewertet werden bei allen stabilen, optimal behandelten Herzinfarktpatienten, die keine Herzinsuffizienz aufweisen“, raten sie.

Doch die Studienlage ist widersprüchlich

Doch nicht alle Studien kommen zu demselben Schluss. Eine kürzlich publizierte Analyse aus Südkorea beispielsweise hat durchaus einen Effekt einer langfristigen Betablocker-Behandlung (bis drei Jahre) auf die Prognose von Infarktpatienten nachweisen können. Die Wirkung hing allerdings von dem Betablocker-Typ und auch von der Dosis ab (mehr dazu lesen Sie hier).

In der aktuellen Analyse lag die durchschnittliche verabreichte Betablocker-Dosis bei 50 mg. Laut der Autoren sei diese damit viel geringer gewesen als in den Untersuchungen, in denen Betablocker ihre protektive Wirkung bewiesen hätten. Ob das die Ergebnisse beeinflusst haben könnte, kommentieren die dänischen Kardiologen nicht. Sie machen auch keine Angaben zu den Gründen, warum die Patienten ohne Betablocker-Therapie diese Medikamente nicht bekommen haben.  

Statistische Kontrollen gegen Störfaktoren

Holt und Kollegen gehen aber davon aus, dass Störfaktoren keinen großen Einfluss auf das Ergebnis ihrer Analyse gehabt haben, auch wenn dies nicht mit endgültiger Sicherheit auszuschließen sei. Ihre Annahme begründen sie mit statistischen Kontrollen, die sie vorgenommen hätten. So ging eine Statin-Therapie als positive Expositionskontrolle erwartungsgemäß mit einer geringeren kardiovaskulären Ereignisrate einher. Und in einer negativen Outcome-Kontrolle hatten Betablocker wie erwartet keinen Effekt auf die Pneumonie-Rate.

Literatur

Holt A et al. Effect of long-term beta-blocker treatment following myocardial infarction among stable, optimally treated patients without heart failure in the reperfusion era: a Danish, nationwide cohort study, Eur Heart J, ehaa1058, DOI: https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehaa1058

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