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14.09.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

Antihypertensive Therapie

Blutdruck-Zielwert: Müssen die Leitlinien umgeschrieben werden?

Autor:
Peter Overbeck

Eine neue Studie könnte die Hypertonie-Behandlung grundlegend verändern: Nach ihren Ergebnissen reduziert eine intensivere Blutdrucksenkung mit 120 mmHg als systolischem Zielwert Todesfälle und kardiovaskuläre Ereignisse deutlich stärker als eine antihypertensive Standardtherapie.

Zwar hat der behördliche Studiensponsor, die National Institutes of Health (NIH) in den USA, noch keine detaillierten Ergebnisse präsentiert. Doch was jetzt schon an Informationen über den grundsätzlichen Ausgang der SPRINT-Studie an die Öffentlichkeit gelangt ist, lässt erahnen, dass ihre Ergebnisse für die künftige Bluthochdruck-Therapie von elementarer Bedeutung sein könnten.

Mortalität um fast 25 Prozent niedriger

Denn die Studie hat ergeben, dass eine ambitioniertere Strategie, die eine Senkung des systolischen Blutdrucks auf einen Zielwert von < 120 mmHg verfolgt, im Vergleich zur Standardtherapie mit < 140 mmHg als therapeutische Zielvorgabe klinisch wesentlich effektiver ist. Den NIH-Angaben zufolge konnte durch die intensivere Blutdrucksenkung die Mortalitätsrate um fast 25 Prozent und die Rate kardiovaskulärer Ereignisse um rund 30 Prozent im Vergleich zur konventionellen Strategie reduziert werden.

Über die genaue Höhe der Ereignisraten und ihre absoluten Reduktionen gibt es derzeit noch keine Informationen. Die entsprechenden Ergebnisse sollen noch im Laufe dieses Jahres publiziert werden.

Vorzeitiger Stopp der Studie

Gemäß Studienplanung hätte die im November 2010 gestartete Studie SPRINT (Systolic Blood Pressure Intervention Trial) erst im Jahr 2018 beendet werden sollen. Doch die früher als erwartet eingetretene Divergenz der Ereignisraten zwischen den Behandlungsgruppen wurde vom unabhängigen Data Safety Monitoring Board (DSMB) der Studie als groß genug erachtet, um einen vorzeitigen Stopp der Studie zu empfehlen.

In die Studie sind an 102 klinischen Zentren vorwiegend in den USA insgesamt 9.361 Patienten im Alter über 50 Jahre mit systolischen Blutdruckwerten von mindestens 130 mmHg oder höher aufgenommen worden. Drei vorab spezifizierte Subgruppen standen besonders im Blickpunkt: Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen in der Vorgeschichte (n=1.877), Patienten mit chronischen Nierenerkrankungen (n=2.648) sowie Patienten, die 75 Jahre oder älter waren (n=2.636).

Primärer Endpunkt der Studie ist eine Kombination der klinischen Ereignisse Myokardinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz und kardiovaskulär bedingter Tod.

Warten auf die kompletten Ergebnisse

Die medizinische Fachwelt ist durch die NIH-Verlautbarung zum grundsätzlichen Ausgang der SPRINT-Studie elektrisiert. Zwar sind sich alle Experten einig darin, dass es für eine definitive Bewertung der Ergebnisse mangels vollständiger Daten derzeit noch zu früh ist. Aber eines wird jetzt schon in Aussicht gestellt: Sollten sich die Ergebnisse bei genauer Prüfung als wissenschaftlich tragfähig erweisen, werden sie die künftige Behandlung von Patienten mit Hypertonie verändern.

Denn der Weg, der derzeit beim Hypertonie-Management eingeschlagen wird, ist ein anderer als der, den die SPRINT-Ergebnisse vorzeichnen. Nicht Intensivierung der Therapie, sondern Lockerung bei den Zielwerten heißt heute die Devise. Darüber hat es vor allem in den USA sehr kontroverse Diskussionen gegeben.

Ende 2013 sind dort die aktualisierten JNC-8-Leitlinien veröffentlicht worden. Die darin enthaltene Empfehlung, dass für Patienten mit Hypertonie ab einem Alter von 60 Jahre Blutdruckwerte bis zu einer Grenze von 150/90 mmHg akzeptabel seien, stieß nicht auf allgemeine Akzeptanz. Selbst die für die Leitlinien zuständige Experten-Kommission zeigte sich gespalten: Fünf Mitglieder verliehen ihrer Kritik an der als falsch empfundenen Anhebung der Zielwerte in einem Brief öffentlich Ausdruck.

Auch die ebenfalls 2013 veröffentlichten europäischen Hypertonie-Leitlinien sind von zuvor empfohlenen strikteren Blutdruckzielen zumindest partiell wieder abgerückt. Während in der Leitlinien-Version von 2007 je nach Risikogruppe noch unterschiedliche Zielwerte definiert waren – 140/90 mmHg für Patienten mit niedrigem oder mittlerem Risiko, 130/80 mmHg für Hochrisikopatienten – gilt nun ein einheitlicher systolischer Zielwert von 140 mmHg.

Literatur

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