Nachrichten 06.05.2021

Alarmierender Anstieg an kardiogenen Schocks im Corona-Jahr

Neue Daten aus Deutschland legen nahe, dass sich die Corona-Pandemie auf die Prognose von Herzinfarktpatienten ausgewirkt hat. Kardiologen sprechen von „dramatischen“ Veränderungen der Patientencharakteristika.

Neue Daten aus Norddeutschland verdeutlichen die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Herz-Kreislauf-Medizin.

Laut dem Bremen STEMI-Register sind im „Corona-Jahr 2020“ deutlich mehr STEMI-Patienten im kardiogenen Schock in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Im Vergleich zu den Jahren 2006 bis 2019 stieg der Anteil um 54% (21,9% vs. 14,2%; p ˂ 0,01). Ebenfalls stark zugenommen hat die Rate an Herzstillständen außerhalb der Klinik: 29% mehr Patienten als in den Vorjahren (14,3% vs. 11,1%; p ˂ 0,01). Auch Patienten mit subakuten Herzinfarkten gab es im Corona-Jahr häufiger (14,3% vs. 11,6%; p˂ 0,05).  

Anstieg der STEMI-Mortalität um über 50%

Die Zahl an Klinikeinweisungen wegen eines ST-Hebungsinfarktes ist dagegen stabil geblieben (726 vs. 730 Einweisungen/Jahr zwischen 2006–2019). Im Rahmen des Bremen STEMI-Registers werden alle STEMI-Patienten in Nordwestdeutschland erfasst; in der Region leben mehr als eine Millionen Einwohner.

„Während sich die Zahl an Patienten mit einem STEMI im Jahr 2020 nicht verändert hat, haben sich die Charakteristika von STEMI-Patienten dramatisch verändert“, bringen die Studienautoren um Prof. Harm Wienbergen, Leiter des Bremer Instituts für Herz-Kreislaufforschung, die Situation auf den Punkt. Es habe einen alarmierenden Anstieg an STEMI-Patienten gegeben, die im kardiogenen Schock eingeliefert worden sind, konkretisieren die Kardiologen ihre Beobachtungen.

Das häufigere Auftreten dieser lebensbedrohlichen Komplikation wirkte sich auch auf die Prognose der Patienten aus: Die intrahospitale Mortalität ist im vergangenen Jahr im Vergleich zu den Vorjahren um 52% angestiegen (12,8% vs. 8,4% der STEMI-Patienten sind verstorben; p ˂ 0,01).

Öffentlichkeit aufklären

Verantwortlich dafür machen die Studienautoren die Corona-Pandemie: „Der offensichtlichste Grund für diese Veränderungen ist der COVID-19-Pandemie bedingte Lockdown und die Angst vieler Menschen, medizinisches Personal und Kliniken während der Pandemie aufzusuchen.“ Die Kardiologen gehen auch davon aus, dass dies eher indirekte als direkte Folgen der Pandemie sind. In dem Register seien weniger als 1% der STEMI-Patienten SARS-CoV-2 positiv gewesen, argumentieren sie. Die schlechtere Prognose der Patienten lässt sich also nicht durch das vermehrte Vorkommen von COVID-19-Erkrankungen erklären.

Veränderungen in den Abläufen in den Katheterlaboren für dringende Revaskularisierungen hat es laut der Studienautoren nicht gegeben, weshalb sie dies als Ursache für die höhere Mortalität ebenfalls ausschließen.

Aufgrund der klaren Indizien drängen die Kardiologen, verstärkt Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung zu leisten: „Es ist wichtig, die Menschen zu informieren, dass ein unbehandelter STEMI ein viel höheres Risiko birgt, als sich das Virus im Krankenhaus einzufangen“. Wenn eine solche Aufklärung nicht erfolgreich sei, müsse man mit einer weiteren Verschlechterung der STEMI-Prognose rechnen, prognostizieren die Kardiologen – als Kollateralschaden der COVID-19-Pandemie.  

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) hat gemeinsam mit der Deutschen Herzstiftung eine entsprechende Kampagne in Deutschland bereits ins Leben gerufen. Unter dem Titel „Ein krankes Herz kann niemals warten – Trotz Corona Warnsignale des Herzens nicht ignorieren“ soll die Awareness für akute Herzerkrankungen während der COVID-19-Pandemie in der Bevölkerung gesteigert werden.  

Literatur

Wienbergen H et al. Impact of COVID-19 Pandemic on Presentation and Outcome of Consecutive Patients Admitted to Hospital Due to ST-Elevation Myocardial Infarction. The American Journal of Cardiology 2021; DOI: https://doi.org/10.1016/j.amjcard.2021.04.011

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