Nachrichten 27.03.2020

Kardiologie in Corona-Zeiten – priorisieren, reorganisieren, Infarktversorgung sicherstellen

Auch in Deutschland bereiten sich Krankenhäuser auf eine Welle an Corona-Patienten vor. Was bedeutet das für kardiologische Einrichtungen? Kardiologen aus der Lombardei berichten über radikale Veränderungen.

Mit über 4.000 Toten ist die norditalienische Region Lombardei eines der Epizentren der SARS-CoV-2-Pandemie. Dies stellt nicht zuletzt kardiologische Abteilungen vor große Herausforderungen. Denn die müssen einerseits gewährleisten, dass bei nicht-infizierten kardiologischen Patienten zumindest die Notfallversorgung gewährleistet ist.

Gleichzeitig sind sie mit COVID-19-Patienten konfrontiert, die – wenn sie jünger sind – zumindest teilweise Myokarditiden entwickeln beziehungsweise – wenn sie älter sind – häufig ischämische kardiale Ereignisse entwickeln, meist auf dem Boden einer bestehenden ischämischen Herzerkrankung.

Erfahungsberichte italienischer Kollegen 

In einer Veröffentlichung in der Fachzeitschrift „Circulation“ berichten jetzt Kardiologen um Prof. Giulio Stefanini von der Humanitas Universität in Mailand darüber, wie kardiologische Einrichtungen, die in der Kernzone der Epidemie liegen, mit den Herausforderungen umgehen. Organisatorisch müsse es zunächst einmal darum gehen, elektive Krankenhauseinweisungen zu reduzieren, so die Italiener. 

In der Region Lombardei seien Elektiveingriffe um 80% heruntergefahren worden, um die nötigen Kapazitäten für den COVID-19-Ausbruch zu schaffen.

Diese Patienten werden priorisiert behandelt 

Faktisch heiße das für die kardiologischen Abteilungen, dass Priorisierungsstrategien nötig würden, die dabei helfen, zu entscheiden, wer noch elektiv oder zumindest dringlich behandelt wird und wer mit einer überbrückend ambulanten Versorgung unter den derzeitigen Bedingungen besser fährt. 

Priorisiert werde bei den KHK-Patienten in der Lombardei primär auf Basis der Symptome und der Größe des Ischämieareals. Außerdem erhalten Patienten mit kritischen Stenosen des linken Hauptstamms oder des proximalen RIVA eine hohe Priorität. 

Ebenfalls eine hohe Priorität haben Patienten mit dekompensierter, symptomatischer, schwerer Aortenstenose, denen auch unter den derzeitigen Bedingungen ein Transkatheteraortenklappenersatz (TAVI) ermöglicht werde.

Radikale Veränderungen der Versorgungslandschaft

Sichergestellt werden müsse darüber hinaus eine weitgehend uneingeschränkte Versorgung von nicht SARS-CoV-2-infizierten Patienten mit akutem Myokardinfarkt. Um das zu gewährleisten, wurde in der Lombardei die Versorgungslandschaft radikal verändert.

Waren zuvor 129 Katheterlabors für die Infarktversorgung zuständig, davon 55 rund um die Uhr, wurde am 8. März entschieden, auf ein Hub-and-Spoke-System zu wechseln, bei dem alle Patienten zu der nächstliegenden von insgesamt nur 13 zentralen Einrichtungen („Hubs“) zugewiesen werden, wo sie dann akut versorgt oder – je nach klinischer Konstellation – in einen Satellitenhaus („Spoke“) weiterverlegt werden. Im Endeffekt werde die große Mehrheit der Infarktpatienten auf einige wenige Häuser konzentriert, so Stefanini.

Wie kann die Sicherheit des Personals gewährleistet werden?

Neben dem Umgang mit nicht-infizierten Patienten stellt sich natürlich auch die Frage des Umgangs mit infizierten Coronavirus-Patienten. Berichten aus China zufolge hat annähernd die Hälfte der schwerkranken Patienten zumindest moderat erhöhte Troponin-Werte, oft auch eine eingeschränkte Ejektionsfraktion.

Bei alten Menschen kommt es den chinesischen Erfahrungen zufolge häufiger zu ischämischen Komplikationen, die wenigen jüngeren Patienten scheinen eher durch eine Myokarditis gefährdet zu sein (lesen Sie dazu diesen Fallbericht). Zumindest bei einem Teil der COVID19-Patienten werden akute kardiologische Therapien nötig, ob Katheterbehandlung, Lysetherapie oder andere Akutmaßnahmen.

Spezielle COVID-19-Teams

Um Übertragungsgefahren zu reduzieren, wurden in der Lombardei spezielle kardiologische COVID-19-Teams gebildet, die sich ausschließlich um infizierte Patienten mit kardiovaskulären Komplikationen  kümmern. Diese COVID-19-Teams arbeiten eng mit Pulmonologen, Intensivmedizinern und Infektiologen zusammen.

Sowohl bei den COVID19-Teams als auch bei den Teams für auf den ersten Blick nicht-infizierte Patienten stellt sich die Frage der Sicherheit des Personals. Ein detailliertes Training im Hinblick auf Schutzequipment sei unerlässlich, so Stefanini. In der Lombardei würden zudem, was die Nutzung von Schutzequipment angeht, alle Patienten, bei denen eine dringliche Koronarangiografie nötig ist, im Katheterlabor solange als SARS-CoV-2 -positiv angesehen, bis ein negativer Test vorliege.

Literatur

Stefanini GG et al. Critical Organizational Issues for Cardiologists in the COVID-19 Outbreak: A Frontline Experience From Milan, Italy. Circulation 2020; doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.120.047070

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