Nachrichten 10.03.2020

COVID-19: Jeder Zweite länger als fünf Tage symptomfrei

Eine US-amerikanische Analyse von COVID-19-Fällen bestätigt das Vorgehen, potenziell mit SARS-CoV-2 infizierte Personen für 14 Tage zu überwachen.

Das Wichtigste in Kürze zu dieser Studie finden Sie am Ende des Artikels.

Patienten, die an COVID-19 erkranken, zeigen im Median erst nach ungefähr fünf Tagen typische Krankheitssymptome wie Husten, Halsweh oder Fieber. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler um Stephen Lauer und Kyra Grantz von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore. Sie haben die Daten von 181 bestätigten COVID-19-Fällen ausgewertet, die vor dem 24. Februar außerhalb der chinesischen Provinz Hubei festgestellt worden waren.

Inkubationszeit selten länger als zwölf Tage

Die meisten Patienten hatten Wuhan in der Reiseanamnese, die anderen hatten Kontakt mit Personen aus Hubei oder mit bekannter Infektion. Daraus ließ sich bei allen Patienten der mögliche Zeitraum der Virusexposition rekonstruieren. Von der Infektion bis zu den ersten klinischen Symptomen vergingen im Mittel 5,1 Tage. Weniger als 2,5% der Patienten entwickelten schon innerhalb von 2,2 Tagen Beschwerden. Innerhalb von 11,5 Tagen zeigten 97,5% der Patienten Krankheitszeichen. Die durchschnittliche Inkubationszeit betrug 5,5 Tage.

Vergleichbare Zahlen ergaben sich, wenn das Symptom Fieber (bei 99 Patienten dokumentiert) als Maß verwendet wurde: Die mediane Inkubationszeit lag dann bei 5,7 Tagen; 97,5% der Patienten waren innerhalb von 12,5 Tagen symptomatisch. Auch wenn Patienten in und außerhalb von Festland-China getrennt betrachtet wurden, waren die Inkubationszeiten ähnlich lang – im Mittel 4,8 und 5,5 Tage.

In Hochrisikosituationen Beobachtung verlängern?

Die Inkubationszeiten decken sich den Studienautoren zufolge mit den Zeiträumen, die in anderen kleineren Untersuchungen festgestellt wurden. „Das derzeit empfohlene Überwachungsintervall von 14 Tage wird dadurch bestätigt.“ Bei 10.000 Personen mit einem Risiko von 1:100 für eine symptomatische Erkrankung würde man damit nur einen einzigen Fall übersehen. Wären jedoch  tatsächlich alle überwachten Personen infiziert, würden 101 von 10.000 Patienten erst nach dem Ende der Überwachung oder der Quarantäne Symptome entwickeln. In bestimmten Hochrisikosituationen könnte es daher „klug sein, das Überwachungsintervall zu verlängern“. Als Beispiel nennen die Forscher einen Mitarbeiter im Gesundheitswesen, der ohne persönliche Schutzmaßnahmen einen COVID-19-Patienten betreut hat.

Eine mögliche Limitation der Studie ergibt sich daraus, dass bei den untersuchten Fällen wahrscheinlich schwer erkrankte und stationär behandelte Patienten überrepräsentiert waren. Es ist nicht auszuschließen, dass sich die Inkubationszeit bei ihnen von der bei Patienten mit milderen Symptomen unterscheidet.

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Wie lange dauert es von der Infektion mit SARS-CoV-2 bis zu den ersten Symptomen von COVID-19?

Antwort: Bei 181 COVID-19-Diagnosen, die außerhalb von Wuhan gestellt wurden, lag die mediane Inkubationszeit bei 5,1 Tagen. Innerhalb von 11,5 Tagen waren 97,5% der Patienten symptomatisch.

Bedeutung: Eine 14-tägige Überwachung von möglicherweise infizierten Personen übersieht nur sehr wenige Patienten; lediglich bei extrem hohem Ansteckungsrisiko (z. B. Betreuung von COVID-19-Patienten ohne Schutzmaßnahmen) könnte eine Verlängerung eventuell sinnvoll sein.

Einschränkung: Patienten mit schwerer Erkrankung vermutlich überrepräsentiert.


Literatur

Lauer SA et al. The Incubation Period of Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) From Publicly Reported Confirmed Cases: Estimation and Application. Ann Intern Med 2020; https://doi.org/10.7326/M20-0504

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Bildnachweise
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Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen