Nachrichten 07.04.2021

Long Covid: Welche Rolle spielt das Herz?

Etwa zwei Drittel der COVID-19-Patienten haben noch Monate nach der akuten Infektion Beschwerden. Spezifisch das Herz betreffen diese nach heutigem Kenntnisstand aber nicht, wie ein Experte bei der DGK-Jahrestagung erläuterte.

„Long Covid“ ist in aller Munde. Doch was heißt „Long Covid“ überhaupt und inwieweit ist das Herz davon betroffen? Darüber diskutierte Prof. Dirk Westermann bei einer Pressekonferenz im Rahmen der diesjährigen virtuell stattfindenden DGK-Jahrestagung.

„Ganz wichtig ist, die Studien dazu genau zu lesen“, betonte der Kardiologe vom Universitären Herz- und Gefäßzentrum UKE Hamburg. Verschiedenste Aspekte gilt es, zu beachten, unter anderem: Welche Patienten wurden zu welchem Zeitpunkt untersucht und was wurde als Kontrollgruppe herangezogen?

Was bedeutet „Long Covid“?

Zunächst zu den zeitlichen Aspekten: Von einem „Long Covid“ spreche man am ehesten drei bis sechs Monate nach der akuten Erkrankung, stellte Westermann klar. Sprich, Studien, in Rahmen derer Patienten einige Wochen nach der Infektion untersucht worden sind, spiegeln kein Long Covid, sondern das subakute Stadium der Erkrankung wider.  

So war das auch bei der im letzten Jahr publizierten MRT-Studie aus Frankfurt (wir berichteten). Untersucht wurden Patienten gut zwei Monate nach Infektionsbeginn, und damit keine Long Covid-Patienten. Viele der Studienteilnehmer wiesen zu diesem Zeitpunkt kardiale Auffälligkeiten im MRT auf. Der Biomarker Troponin sei aber nur bei fünf Patienten noch signifikant erhöht gewesen, betonte Westermann.

Es gibt MRT-Veränderungen, aber deren Folgen sind unklar

Eine erst kürzlich publizierte Analyse kommt zu einem ähnlichen Schluss: Schwer erkrankte COVID-Patienten wiesen gut zwei Monate nach der Infektion im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen Veränderungen im MRT auf, nicht aber im Vergleich zu nach Risiko gematchten Kontrollpersonen. „Wir sehen also Veränderungen, wir können aber aktuell noch nicht abschätzen, ob diese zu Folgeerkrankungen führen“, machte Westermann beim Kongress deutlich.

In einer Autopsie-Studie aus Hamburg, also an verstorbenen COVID-19-Patienten, stellte sich zwar heraus, dass das Virus in mehr als einem Drittel der Fälle auch im Herzen nachweisbar ist. Eine Myokarditis im Sinne einer Einwanderung inflammatorischer Zellen habe sich aber in keinem der Fälle nachweisen lassen, berichtete Westermann. Eine Myokarditis tritt im Zusammenhang mit einer SARS-CoV-2-Infektion also, wenn überhaupt, selten auf. Dies hat sich Westermann zufolge in einer bisher noch nicht publizierten Analyse mit Daten von 95 obduzierten COVID-Patienten erneut bestätigt.  

Long Covid offenbar keine spezifische Organmanifestation

Studien mit „echten“ Long Covid-Patienten gibt es bisher nur wenige, vor allem mit Fokus auf kardiovaskuläre Aspekte. In einer Untersuchung (bisher nur im Preprint verfügbar) wurden 1.077 Patienten vier bis sechs Monate nach überstandener SARS-CoV-2-Infektion zu ihren Symptomen befragt und auf Biomarker untersucht. 70% gaben an, noch immer Beschwerden zu haben. Aus kardiologischer Sicht sind dabei vor allem Fatigue und Luftnot relevant, „weil diese ja auch Beschwerden einer Herzinsuffizienz sein könnten“, so Westermann. Doch sind diese Long-Covid-Symptome dem Herzen zuzuschreiben?

Nach heutigem Kenntnisstand scheint das nicht der Fall zu sein. Denn gerade mal 7,4% der Patienten wiesen zu dem Zeitpunkt eine erhöhtes NT-proBNP auf, und es ist nicht klar, ob die Werte nicht schon vor der Infektion erhöht waren. Westermann geht deshalb davon aus, dass Long Covid keine spezifische Manifestation des Herzens darstellt. „Es wird deshalb keine Flut an Herzinsuffizienz-Patienten auf uns zu kommen“, lautete seine Einschätzung.

„Beschwerden nicht bagatellisieren“

Eine weitere Untersuchung mit über 30.000 Patienten macht zwar ebenfalls deutlich, dass COVID-Patienten Monate nach der Infektion häufig von einer Vielzahl an Erkrankungen betroffen sind, wie Schlaganfälle, Nierenerkrankungen usw. Stellt man dem aber eine Kontrollgruppe von Pneumonie-Patienten gegenüber, ergibt sich ein ähnliches Bild. Entsprechende Symptome sehe man also auch bei anderen schweren Erkrankungen, so Westermann.

Deshalb dürfe man die Symptome der Patienten nicht bagatellisieren, betonte der Kardiologe. „Es ist ganz klar, dass es Long Covid gibt“. Und entsprechende Beschwerden sollte man kardiologisch ernst nehmen. Doch eine kardiologische Nachsorgeuntersuchung für jeden COVID-Patienten hält Westermann „auf keinen Fall“ für notwendig.

Besser von Post-Covid-Syndrom sprechen?

In der anschließenden Diskussion stellte Prof. Andreas Zeiher den Begriff „Long Covid“ per se infrage. Denn dieser suggeriere, dass es sich um eine Erkrankung handele. Es sei aber eher ein Potpourri unterschiedlicher Syndrome, argumentierte der amtierende DGK-Präsident. Zeiher schlägt stattdessen vor, von einem Post-Covid-Syndrom zu sprechen. Dem pflichtet Westermann bei: „Ich glaube, dass es dies noch präziser und besser ausdrückt.“ Denn es gebe keinen Anhalt – jedenfalls aus kardiologischer Sicht – dass es eine spezifische Long Covid-Erkrankung gebe.

Doch noch steht die Wissenschaft zu diesem Thema am Anfang. „Was ich heute erzähle, kann in ein paar Wochen wieder veraltet sein“, gab Westermann zu bedenken.  

Noch nicht abschließend geklärt ist beispielsweise die Frage, bei welchen COVID-19-Patienten eine kardiologische Nachsorge angebracht ist. Westermann rät zu einer Stufendiagnostik, so wie sie sonst auch zum Einsatz kommt: also zunächst die Symptome abklären, bei kardiovaskulären Anzeichen wie Dyspnoe, Brustschmerz, Leistungsminderung usw. eine nicht-invasive Diagnostik und dann ggf. eine invasive Diagnostik vornehmen.

Literatur

Pressekonferenz der 87. Jahrestagung der DGK: Die kardiologische Sicht auf die COVID-19-Pandemie, 7. April 2021

Highlights

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