Nachrichten 08.05.2020

COVID-19-Risikopatienten mit Echo-Marker identifizieren

Herzschädigungen im Kontext einer SARS-CoV-2-Infektion senken die Überlebenschancen der Patienten deutlich. Umso wichtiger wäre es, Anzeichen dafür früh zu erkennen. Doch wie? Einer aktuellen Studie zufolge könnte ein spezieller Echoparameter hilfreich sein.

Viele COVID-19-Patienten entwickeln kardiale Komplikationen und diese senken die Überlebenschancen beträchtlich. Deshalb empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie, die kardiovaskuläre Funktion der Patienten möglichst früh zu beurteilen.

Echo durch Strainanalyse ergänzen

Für eine solche Früherkennung könnte eine Deformationsanalyse des rechten Ventrikels – die sog. Strainanalyse – hilfreich sein, das zumindest legen aktuelle Daten einer Arbeitsgruppe aus Wuhan nahe. Bei insgesamt 120 stationär behandelten COVID-19-Patienten hat sich der rechtsventrikuläre longitudinale Strain der freien Wand (RVLS) als starker Prädiktor für das Sterberisiko herausgestellt.  

Prof. Yuman Li und Kollegen erachten es deshalb für sinnvoll, die konventionelle Echomessung mit dem mittels „Speckle Tracking“ bestimmten RVLS zu ergänzen. Dadurch könnten sich COVID-19-Hochrisikopatienten früh identifizieren lassen, lautet ihr Argument für die Strainanalyse.  

Schlechtere Prognose bei eingeschränktem Strain

So ergab die Analyse, dass jene COVID-19-Patienten, welche einen deutlich eingeschränkten RVLS aufwiesen (niedrigstes Terzil: –10,3% bis –20,5%), einen prinzipiell schlechteren Verlauf zeigten als jene mit einem gut erhaltenen Strain (höchstes Terzil: –25,5% bis –35,7%): Die Herzfrequenz der Patienten mit schlechterem RVLS war höher, sie benötigen eher eine Sauerstofftherapie bzw. mechanische Beatmungsunterstützung und hatten ein größeres Risiko, Herzschädigungen, akutes Lungenversagen (ARDS) oder eine tiefe Beinvenenthrombose zu entwickeln.

Und ganz entscheidend: Ihr Sterberisiko war signifikant um relativ 33% höher (Hazard Ratio, HR: 1,33; p˂ 0,001), und zwar unabhängig und additiv zu anderen konventionellen Echoparametern und wie der linksventrikulären Pumpfunktion (welche sich in dieser Studie im Übrigen nicht als unabhängiger Prognosefaktor herausstellte).

Der optimale Grenzwert, ab welchem von einem erhöhten Sterberisiko auszugehen ist, lag in dieser Analyse bei einem RVLS von –23% (also bei weniger negativen Werten stieg das Risiko) mit einer Sensitivität von 94,4% und Spezifität von 64,7%.

Rechtsherzfunktion entscheidend für Prognose

Prinzipiell war die Funktionstüchtigkeit des rechten Ventrikels  ziemlich ausschlaggebend für die Prognose der Patienten. So stellte sich heraus, dass die Verstorbenen im Vergleich zu den Personen, welche COVID-19 überlebt hatten, eine größere rechte Herzkammer, eine reduzierte rechtsventrikuläre Funktion und einen erhöhten systolischen pulmonalarteriellen Druck (PASP) aufwiesen.

Neben dem RVLS gingen das männliche Geschlecht – wie bereits auch in anderen Studien gezeigt –, die FAC („fractional area change“), TAPSE („tricuspid annular plane systolic excursion“) und das Auftreten von ARDS mit einem signifikant erhöhten Sterberisiko einher (p ˂ 0,05 für alle Parameter).

Warum gerade der rechte Ventrikel für COVID-19-Patienten prognostisch so relevant ist, lässt sich durch dessen Suszeptibilität gegenüber Schädigungen des Lungenparenchyms erklären. Die dadurch bedingte rechtsventrikuläre Volumenüberladung  und Entzündungsprozesse können die Ventrikelfunktion rasch in Mitleidenschaft ziehen.

Echokardiografie hat gerade in Coronazeiten Vorteile

Deshalb ist nach Ansicht der chinesischen Ärzte bei COVID-19-Patienten eine Bestimmung der Rechtsherzfunktion erforderlich. Eine rechtsventrikuläre Dysfunktion sei nicht nur ein Anzeichen für einen erhöhten pulmonalen Druck, sie steuere auch direkt zum Herzversagen bei, erläutern sie die Bedeutung einer solchen Diagnostik.

Goldstandard zur Beurteilung der rechtsventrikulären Funktion ist das MRT. Doch in COVID-19-Zeiten habe diese Methode ihre Schwäche, erläutern Li und Kollegen, einmal aufgrund des Infektionsrisikos, zum anderen falle es den Patienten schwer, für kurze Momente den Atem anzuhalten. Das Echo hingegen kann als Bedside-Untersuchung angewendet werden.

Vorteil der 2D-Speckle-Echokardiografie ist wiederum, dass die Methode unabhängig vom Einschallwinkel funktioniert, führen die Autoren aus. Mit dem RVLS, der alle drei Segmente der freien Wand umfasse, lasse sich die rechtsventrikuläre Funktion akkurater und sensitiver bestimmen als mit TAPSE und FAC. Und in dieser Studie war der RVLS in Bezug auf die prognostische Aussagekraft allen anderen Echoparametern überlegen.

Generalisierbarkeit noch fraglich

Ob die diagnostische Aussagekraft des RVLS auf die Gesamtpopulation der SARS-CoV-2-Infizierten übertragbar ist, ist allerdings fraglich – gerade in Anbetracht des sehr variablen klinischen Spektrums der COVID-19-Erkrankung. Asymptomatische Patienten waren in der Studie beispielsweise nicht eingeschlossen, es gab nur wenige übergewichtige Patienten und generell war die Patientenzahl gering. Darüber hinaus weisen die Autoren darauf hin, dass Ergebnisse womöglich nur auf die in ihrer Klinik verwendete 2D-Strain-Software reproduzierbar sind und deren Anwendbarkeit auf andere Softwares deshalb erst überprüft werden müsse.

Literatur

Li Y et al. Prognostic value of right ventricular longitudinal strain in patients with COVID-19. J Am Coll Cardiol Img. 2020; DOI: 10.1016/j.jcmg.2020.04.014

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Bildnachweise
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Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen