Nachrichten 23.06.2021

Ambulanten COVID-19-Patienten hilft eine Thromboseprophylaxe eher nicht

Sollten Ärzte COVID-19-Patienten auch im ambulanten Setting eine Thromboseprophylaxe verordnen? Laut neuester Daten ist ein routinemäßiger Einsatz offenbar nicht empfehlenswert.

„Eines der härtesten Dinge in der Medizin ist das Selbstvertrauen zu haben, nichts zu tun“, so die Reaktion von Prof. Paul Ridker auf die neuesten Erkenntnisse einer Studie mit COVID-19-Patienten, die er selbst als Studienleiter betreut. 

Es geht wieder mal um die optimale antithrombotische Strategie bei COVID-19-Patienten, diesmal im ambulanten Setting. Die randomisierte, placebokontrollierte ACTIV-4B COVID-19-Studie, die den Nutzen einer Thromboseprophylaxe bei ambulanten Patienten untersucht hat, ist vorzeitig gestoppt worden, wie nun von dem an der Studiendurchführung beteiligten Brigham and Women's Hospital in einer Pressemeldung verkündet wurde. Das Sicherheitskomitee habe sich dazu entschieden, weil die thromboembolischen Ereignisraten in der Studie sehr gering gewesen seien, heißt es darin.

Studie vorzeitig abgebrochen

„Unter den leicht symptomatischen, aber klinisch stabilen, ambulant betreuten COVID-19-Patienten waren die Raten an schwerwiegenden kardiopulmonalen Komplikationen sehr gering“, berichtete Ridker. Und damit sei eine präventive Antikoagulation oder Antiplättchentherapie ohne andere klinische Indikation nicht zu rechtfertigen, führte der Direktor des Brigham's Center für kardiovaskuläre Prävention die Konsequenzen für den Praxisalltag aus.

Für die ACTIV-4B-Studie wurden klinisch stabile, geringfügig symptomatische COVID-19-Patienten randomisiert: entweder zu Apixaban in prophylaktischer Dosis (2,5 mg zweimal/Tag), Apixaban in therapeutischer Dosis (5,0 mg zweimal/Tag), ASS (81 mg einmal täglich) oder zu Placebo. Ursprünglich geplant waren 2.000 Teilnehmer. Primärer Effizienzendpunkt der Studie war ein Komposit aus Gesamtmortalität, symptomatischen venösen Thromboembolien, Herzinfarkt, Schlaganfall, TIA, Embolien, Gefäßkomplikationen im Bein sowie Hospitalisierungen wegen kardiovaskulärer oder pulmonaler Ursachen innerhalb der kommenden 45 Tage.

Die Studienplaner sind von einer Ereignisrate von 6 bis 8% in der Placebogruppe ausgegangen. Doch bisher sind laut der Pressemitteilung nur eine Handvoll von Pneumonie-bedingten Klinikeinweisungen bei den Studienpatienten eingetreten, und bis jetzt gab es noch kein einziges thromboembolisches Ereignis.  

„Ohne Indikation keine antithrombotische Therapie einsetzen“

Studienautor Prof. Jean Connors rät aufgrund dieser Daten von einer routinemäßigen Thromboseprophylaxe für klinisch stabile COVID-19-Patienten ohne Risikofaktoren im ambulanten Setting ab: „Unsere Daten zeigen, dass es wahrscheinlich die beste Wahl ist, keine antithrombotischen Medikamente einzusetzen, wenn nicht eine andere Indikation für eine solche Behandlung besteht“, so der Hämatologe vom Brigham and Women's Hospital in der Pressemeldung.

Die Studie wird nun mit den bereits eingeschlossenen Patienten zu Ende geführt und die Daten zur gegebenen Zeit zur Publikation eingereicht.

Literatur

Brigham and Women’s Hospital. NIH ACTIV-4B COVID-19 outpatient thrombosis prevention trial ends early; veröffentlicht am 21. Juni 2021 

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