Nachrichten 27.04.2020

Auffallend viele Lungenembolien bei COVID-19-Intensivpatienten

COVID-19-Patienten auf Intensivstation entwickeln sehr häufig Lungenembolien. Und das Risiko scheint deutlich höher als bei anderen schwerkranken Patienten.

Alle kritisch kranken Patienten auf Intensivstation haben ein Risiko für thromboembolische Komplikationen, dies gilt auch für Patienten, die aufgrund einer SARS-CoV-2-Infektion eine intensivmedizinische Behandlung benötigen.  

Doch ist die Gefahr für COVID-19-Patienten größer als für andere vergleichbar schwerkranke Patienten? Offenbar ja, zumindest deutet eine aktuell publizierte Fallserie aus einer französischen Klinik darauf hin.   

Mehr als doppelt so viele Lungenembolien als im Vorjahr

Bei den ersten 107 Patienten, die in der Universitätsklinik in Lille zwischen dem 27. Februar und 31. März 2020 aufgrund einer COVID-19-Pneumonie auf die Intensivstation eingeliefert worden sind, stellten die Ärzte um Dr. Julien Poissy eine „unerwartet hohe Zahl“ an Lungenembolien fest: Jeder fünfte Patient – insgesamt 22  – entwickelte innerhalb des durchschnittlich sechstägigen Klinikaufenthaltes eine Lungenembolie. Und das obwohl alle Patienten eine Thromboseprophylaxe bzw. oder teils auch eine therapeutische Antikoagulaton erhalten haben.

Die Zahl an auf der Intensivstation dokumentierten Lungenembolien war damit mehr als doppelt so hoch als die Rate im selben Zeitraum des Vorjahres (20,6% versus 6,1%). Das entspricht einer absoluten Risikoerhöhung von 14,4%. Und das obwohl der Schweregrad der Erkrankung der jeweils eingelieferten Patienten vergleichbar war.

Einer Schätzung zufolge lag die kumulative Inzidenz für Lungenembolien bei COVID-19-Patienten in der französischen Klinik 15 Tage nach der Intensivstation-Aufnahme bei 20,4%.

Auch intensivmedizinisch behandelte Influenza-Patienten erkrankten im Jahr zuvor nur halb so häufig an einer Lungenembolie als die COVID-19-Patienten (bei 7,5% von 40 Patienten). Obwohl bei den Influenza-Patienten insgesamt mehr CT-Pulmonalisangiografien vorgenommen worden sind als bei den COVID-19-Patienten, seien weniger Lungenembolien diagnostiziert worden, berichten Poissy und Kollegen. Dies bekräftigt ihrer Ansicht nach den Verdacht, dass COVID-19-Patienten einem erhöhten Risiko für Lungenembolien ausgesetzt sind.

Warum ist das Risiko bei COVID-19 besonders hoch?

Doch warum ist das Embolie-Risiko bei COVID-19 erhöht? Poissy und Kollegen vermuten, dass die hohe Adipositas-Prävalenz bei COVID-19-Patienten zu der Risikoerhöhung beigetragen haben könnte. 

Ebenfalls hegen sie den Verdacht, dass die „Lungenembolien“ im Kontext mit COVID-19 eher aufgrund einer Thrombose in der pulmonalen Strombahn entstanden sind statt durch ein in den Lungenkreislauf eingeschwemmtes Blutgerinnsel, da Beinvenenthrombosen insgesamt eher selten aufgetreten waren.

Faktoren, die mit einem erhöhten Risiko für eine Lungenembolie assoziiert waren, waren ein Anstieg der D-Dimere, eine erhöhte Faktor VIII-Aktivität und erhöhte von Willebrand-Faktor-Antigen-Spiegel.

Diskussionen um die optimale Prophylaxe

Mangels Studien besteht derzeit Unsicherheit, wie man mit dem offenbar erhöhten thromboembolischen Risiko von COVID-19-Patienten umgehen sollte. Gegenstand der Diskussion ist u.a. die optimale Dosierung der Thromboseprophylaxe (mehr dazu lesen Sie hier). Erste Empfehlungen wurden bereits ausgesprochen (mehr dazu lesen Sie hier).

Doch endgültige Schlussfolgerungen lassen sich erst ziehen, wenn Datensätze größerer Studien vorliegen, worauf auch die Ärzte aus Lille aufmerksam machen. Ihre Ergebnisse müssten dringend durch andere größere Datensätze repliziert werden, betonen sie am Ende ihrer Publikation.

Literatur

Poissy J et al. Pulmonary Embolism in COVID-19 Patients: Awareness of an Increased Prevalence. Circulation 2020; https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.120.047430

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