Nachrichten 31.05.2021

Hilft Cholchicin wirklich bei COVID-19?

Colchicin wurde als potenzielle COVID-19-Therapie angepriesen. Nun ist die Studie publiziert – mit durchwachsenen Ergebnissen. Nach Ansicht der Autoren sind sie „überzeugend“. Ein Kardiologe aus Deutschland sieht das anders.

Eignet sich Colchicin für den Hausgebrauch im Falle einer SARS-CoV-2-Infektion? Anfang dieses Jahres verkündeten kanadische Kardiologen jedenfalls, dass sie mit dem Alkaloid der Herbstzeitlosen ein Medikament gefunden hätten, welches ambulant einsetzbar ist und mit dem sich schwere COVID-19-Verlaufen verhindern lassen. Anlass für ihre Euphorie waren die Ergebnisse der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Phase III-Studie COLCORONA. Über deren Kernbotschaft informierten die Studienautoren um Dr. Jean-Claude Tardif vorab in einer Pressemitteilung (wir berichteten).

Nun sind die Ergebnisse der Studie im „The Lancet Respiratory Medicine“ veröffentlicht worden, und nicht ganz so positiv, wie die Pressemitteilung vermuten ließ.

Kein statistisch signifikanter Unterschied im primären Endpunkt

Denn in dieser Studie kamen Krankenhauseinweisungen und Todesfälle wegen COVID-19 (der primäre Endpunkt) unter einer Behandlung mit Colchicin zwar numerisch seltener vor als unter Placebo: Bei den damit behandelten Patienten ereigneten sich 104 solcher Ereignisse (4,7%), in der Placebo-Gruppe gab es 131 Vorfälle (5,8%), was einer Odds Ratio (OR) von 0,79 entspricht. Dieser Unterschied war jedoch statistisch nicht signifikant (p=0,081).

Anders sieht es aus, wenn man nur die Patienten berücksichtigt, bei denen die SARS-CoV-2-Infektion mithilfe eines PCR-Tests bestätigt wurde (bei 93% aller Teilnehmer). Hier war der Unterschied zwischen beiden Gruppen knapp signifikant (entsprechend 4,6% vs. 6,0%; OR: 0,75; p=0,042).

Für die Studie sind zwischen 23. März und 22. Dezember 2020 insgesamt 4.488 Patienten randomisiert worden: entweder zu einer Therapie mit Colchicin (0,5 mg 2 × pro Tag für 3 Tage und danach 1 × Tag für weitere 27 Tage) zusätzlich zur Standardversorgung oder zu Placebo. Da zu Beginn der Pandemie die Testkapazitäten knapp waren, wurde bei wenigen Patienten die Diagnose allein durch die klinische Symptomatik und epidemiologischer Bezüge gestellt.

„Einsatz kann in Betracht gezogen werden“

Was ist mit den aktuellen Ergebnisse nun anzufangen? Die Studienautoren sehen in Colchicin – trotz des verfehlten primären Endpunktes –  weiterhin eine potenzielle Therapieoption bei COVID-19: „Angesichts der Abwesenheit oral zu verabreichender Therapien zur Verhinderung von COVID-19-Komplikationen bei ambulant betreuten Patienten und den Nutzen von Colchicin bei PCR-gesicherter COVID-19-Diagnose, kann der Einsatz dieser sicheren und kostengünstigen antiinflammatorischen Substanz bei Patienten mit einem hohem Komplikationsrisiko in Betracht gezogen werden“, schreiben sie in der Publikation.

Als „sicher“ beurteilen Tardif und Kollegen die Behandlung, da in der aktuellen Studie unter Colchicin tendenziell weniger ernsthafte unerwünschte Effekte aufgetreten sind als unter Placebo (4,9% vs. 6,3%; p=0,051). Die häufigsten Nebenwirkungen waren Diarrhoen. Diese kamen unter Colchicin signifikant häufiger vor (13,7% vs. 7,3%; p˂ 0,001).

„Nicht überzeugend für eine ad hoc-Anwendung“

Zurückhaltender äußert sich Dr. Alexander Kersten auf Anfrage von kardiologie.org zu den aktuellen Daten: „Die Studie ist in der Tat interessant, ist aber in meiner Einschätzung nicht ‚überzeugend‘ in dem Sinne, dass Colchicin nun eine Anwendung bei uns ad hoc findet“, positionierte sich der Kardiologe vom Universitätsklinikum Aachen. „Wir sehen keinen Patienten, der damit behandelt werden sollte“, fügte Kersten dem hinzu. Zumal es ja für Risikopopulationen bereits Therapieoptionen wie Antikörpertherapien gebe.

Kersten begründet seine Zurückhaltung mit dem Verfehlen der statistischen Signifikanz beim primären Endpunkt. In der Subgruppe mit PCR positiv getesteten Patienten habe der p-Wert nur knapp die Signifikanz erreicht und das Konfidenzintervall sei ganz knapp unter 1, argumentiert er weiter. „Und die Number Needed to Treat, um ein Endpunktereignis in dieser Subgruppe zu verhindern, ist in der Tat sehr hoch“.

Gegen einen sofortigen Einsatz spricht seiner Ansicht nach zudem die eingeschränkte Generalisierbarkeit der Daten auf hiesige Verhältnisse. Die Ergebnisse, die in Brasilien, Südafrika, USA, Griechenland und Spanien erhoben wurden, seien womöglich nicht gut auf das ambulante Gesundheitssystem in Deutschland übertragbar.  

Mehr Lungenembolien in der Colchicin-Gruppe

Die Studienautoren bezeichnen ihre Ergebnisse dagegen als „überzeugend“. Auch wenn sie zugeben, dass die Studie gewisse Limitationen aufweist. Dazu gehört u.a. auch, dass sie gestoppt wurde, als 75% der geplanten Teilnehmer rekrutiert waren.

Tardif und Kollegen zufolge scheint zudem etwas mit der Lungenembolie-Rate nicht zu stimmen. Lungenembolien kamen bei den mit Colchicin behandelten Patienten, die ins Krankenhaus eingewiesen werden mussten, deutlich häufiger vor als bei den hospitalisierten Placebo-Patienten (10,9% vs. 1,6%). Da die absolute Zahl in der Placebo-Gruppe so gering sei, liege hier womöglich eine Anomalie vor, lautet ihre Einschätzung. 

Einig sind sich die Experten, dass weitere Untersuchungen vonnöten sind, um die Wirksamkeit und Sicherheit von Colchicin bei Patienten mit positivem SARS-CoV-2-Test zu evaluieren.

Literatur

Tardif JC et al. Colchicine for community-treated patients with COVID-19 (COLCORONA): a phase 3, randomised, double-blinded adaptive, placebo-controlled, multicentre trial. Lancet Respir Med 2021; DOI: https://doi.org/10.1016/S2213-2600(21)00222-8

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