Nachrichten 03.04.2020

Kurz & knapp: Was COVID-19 für die Herzmedizin bedeutet

Über das Coronavirus kursieren viele Falsch- und Halbwahrheiten. Ein Kardiologe hat jetzt kurz und knapp zusammengefasst, was über das Virus und dessen Auswirkungen auf die Herz-Kreislauf-Medizin bekannt ist.

Es steht außer Frage: Das SARS-CoV-2-Virus beeinflusst die Herz-Kreislauf-Medizin – und zwar in vielerlei Hinsicht.

Prof. Frederick Masoudi hat sich in seiner Funktion als Schriftleiter des „New England Journal of Medicine“ die Mühe gemacht, die wichtigsten Aspekte auf den Punkt zu bringen. Basis seiner Zusammenfassung ist ein im „Journal of the American College of Cardiology“ (JACC) erschienenes Review von Dr. Elissa Driggin und Kollegen aus New York.

Als ersten Punkt merkt der an der University of Colorado Denver tätige Kardiologe an:

  • Man solle sich bewusst sein, dass die bisher publizierte Literatur mit einem gewissen Bias behaftet sein könnte, z.B. weil Daten lückenhaft dokumentiert wurden oder weil Testverfahren nur eingeschränkt zu Verfügung standen.  

8 Erkenntnisse zu COVID-19 & Herz

Die weiteren Erkenntnisse fasst Masoudi folgendermaßen zusammen:

  • COVID-19 kann schwere Krankheitsverläufe zeigen: Frühen Berichten aus China zufolge sind 13,9% der Fälle als „schwer“ und 4,7% als „kritisch“ einzustufen, die grob geschätzte Fallsterblichkeit lag bei 3,8%. Es sei allerdings wahrscheinlich, dass sich diese Angaben ändern werden, sobald mehr Daten aus anderen Ländern mit anderen medizinischen Kapazitäten vorliegen, betont der Kardiologe. 
  • Erheblich höher ist die Sterblichkeit bei Menschen mit Vorerkrankungen, dazu gehören Hypertonie, Diabetes und koronare Herzerkrankung. Es sei allerdings momentan noch unklar, ob diese Erkrankungen nur ein Marker für ein erhöhtes Sterberisiko darstellen oder sie als Mediatoren tatsächlich das Sterberisiko beeinflussen, stellt Masoudi klar. 
  • Akute und fulminante Myokarditien können auftreten und diese sind mit einer ungünstigen Prognose assoziiert. Bei bis zu 17% der hospitalisierten COVID-19-Patienten wird über akute Herzschädigungen (definiert als erhöhtes Troponin und entweder EKG- oder Echokardiografie-Veränderungen) berichtet. 
  • Das SARS-CoV-2-Virus kann den Rezeptor des Angiotensin-konvertierenden Enzyms 2 (ACE2)  für den Zelleintritt nutzen. Andere Studien deuteten wiederum darauf hin, dass eine höhere Konzentration von ACE2-Rezeptoren protektiv sei, erläutert Masoudi. Aktueller Konsens der Fachgesellschaften ist, dass diese theoretischen Überlegungen die Therapie mit ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptorblocker nicht beeinflussen sollte, wenn diese Medikamente klinisch indiziert sind. 
  • Als Therapie gegen das COVID-19-induzierte Lungenversagen wird derzeit u.a. Methylprednisolon untersucht. Allerdings sollten sich Ärzte der vielen bekannten kardiovaskulären Nebenwirkungen einer Hochdosis-Steroidtherapie bewusst sein, betont Masoudi. 
  • Auch andere vereinzelt zur Therapie einer COVID-19-Erkrankung eingesetzten Substanzen könnten sich auf das Herz-Kreislauf-System auswirken. So weist Masoudi darauf hin, dass Chloroquin und das eng verwandte Hydroxychloroquin mittel- oder langfristig eine dilatative Kardiomyopathie, ein verlängertes QTc und aufgrund einer Beeinflussung des Betablocker-Metabolismus erhöhte Betablocker-Konzentrationen verursachen könnten. 
  • In vielen Katheterlaboren herrscht Überdruck, aber zur Infektionskontrolle ist ein Unterdruck erforderlich. Wie Masodui berichtet, wird zum Schutze des Personals in einigen Zentren bei hämodynamisch stabilen STEMI-Patienten mit Verdacht auf COVID-19 oder bestätigter Infektion eine fibrinolytische Therapie in Betracht gezogen. 
  • Zu den weiteren Infektionsschutzmaßnahmen gehören laut Masoudi, dass nicht dringend erforderliche Arzt-Patienten-Kontakte reduziert, telemedizinische Kommunikationswege ausgeweitet und elektive Eingriffe eingeschränkt werden.

Literatur

Masoudi F. SUMMARY AND COMMENT: Cardiovascular Implications of the COVID-19 Pandemic; New England Journal of Medicine; veröffentlicht am 25. März 2020.

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