Nachrichten 09.06.2020

Kann Hydroxychloroquin eine SARS-CoV-2-Ansteckung verhindern?

Der US-Präsident nimmt Hydroxychloroquin nach eigenen Angaben prophylaktisch gegen SARS-CoV-2 ein. Macht das Sinn? Das Ergebnis einer randomisierten Studie ist nicht ganz so eindeutig, wie es zunächst scheint.  

Die nächste vermeintliche Schlappe für Hydroxychloroquin: Auch als Postexpositionsprophylaxe scheint es nach einer aktuellen Untersuchung zufolge nicht geeignet zu sein.

In der im „New England Journal of Medicine“ publizierten randomisierten Studie haben Menschen, die nach eigenen Angaben Kontakt zu einer SARS-CoV-2-infizierten Person hatten, innerhalb von vier Tagen das Antimalaria-Mittel oder Placebo erhalten.  

Ansteckungsrate war fast dieselbe wie mit Placebo

Zwei Wochen später wurde bei 11,8% der mit Hydroxychloroquin behandelten Patienten eine COVID-19-Diagnose gestellt, entweder via PCR-Test oder symptomatisch. In der Placebo-Gruppe steckten sich 14,3% an – womit der Unterschied im primären Endpunkt der Studie nicht statistisch signifikant war (p = 0,35).

In dieser Studie habe eine hohe Dosis von Hydroxychloroquin eine COVID-19-Erkrankung nicht verhindern können, wenn das Medikament innerhalb von vier Tagen nach einer Exposition mit hohem oder mäßigem Infektionsrisiko gegeben wurde, lautet das Fazit der Studienautoren um Prof. David Boulware, Infektiologe an der University of Minnesota.

Als hohes Expositionsrisiko galt, wenn die Person weder eine Gesichtsmaske noch ein Gesichtsvisier getragen hatte, als sie mit der infizierten Person Kontakt hatte; als mäßig, wenn sie nur durch eine Gesichtsmaske, nicht aber durch ein Gesichtsvisier geschützt war.

Die Dosis der Hydroxychloroquin-Behandlung betrug zunächst 800 mg in Form von 4 Tabletten, dann nochmal 600 mg 6 bis 8 Stunden später und dann für die nächsten 4 Tage 600 mg täglich (3 Tabletten).

Doch die Studie hat Limitationen

Ganz so eindeutig wie die Studienautoren beurteilt Dr. Myron Cohen diese Ergebnisse nicht. „Die Ergebnisse von Boulware et al. sind mehr provokativ als definitiv“, kommentiert der HIV-Forscher von der University of North Carolina in Chapel Hill die Daten in einem Editorial. Bei den meisten Patienten sei die Therapie drei Tage nach der Exposition oder noch später begonnen worden, erläutert er seine Einwände. Hydroxychloroquin sei also eher als Therapie zur Prävention von COVID-19-Symptomen oder zur Verhinderung des Erkrankungsfortschreitens getestet worden statt als Prävention einer SARS-CoV-2-Infektion.

COVID-19-Diagnose wurde durch Teilnehmer gestellt

Kritisch sieht Cohen zudem, wie die COVID-19-Diagnose in der Studie gestellt wurde, nämlich überwiegend durch Selbstauskunft der Teilnehmer; bei nur 16 von insgesamt 107 angeblich erkrankten Patienten wurde die Symptomatik via PCR-Test bestätigt. Prinzipiell sei die Spezifität von Symptom-Angaben durch die Patienten selbst gering, bemängelt der Wissenschaftler.

In dieser Studie arbeiteten allerdings immerhin fast zwei Drittel aller Teilnehmer (66,4%) im Gesundheitswesen. Rekrutiert wurden diese durch Social Media-Kampagnen in den USA und Kanada. Das Follow-up fand hauptsächlich über SMS, E-Mail oder telefonisch statt. Die Medikamente wurden den Teilnehmern zugesandt. 

„Nutzen von Hydroxychloroquin muss noch ermittelt werden“

Das pragmatische Studiendesign macht die Kontrolle der Therapieadhärenz schwierig. Die Teilnehmerangaben deuten eine nur mäßige Therapietreue an, vor allem in der Hydroxychloroquin-Gruppe, in der 17 Teilnehmer die Therapie wegen Nebenwirkungen abbrachen. Insgesamt kam es bei 40,1% der mit Hydroxychloroquin behandelten Personen zu unerwünschten Effekten versus 16,8% in der Placebo-Gruppe. Ernste Nebenwirkungen seien nicht berichtet worden, geben die Studienautoren an.

Aufgrund der zahlreichen Limitationen ist für Cohen das Thema jedenfalls noch nicht endgültig vom Tisch: „Den potenziellen präventiven Nutzen von Hydroxychloroquin bleibt es, zu ermitteln.“

Literatur

Boulware D et al. A Randomized Trial of Hydroxychloroquine as Postexposure Prophylaxis for Covid-19. N Engl J Med 2020; DOI: 10.1056/NEJMoa2016638

Cohen MS. Hydroxychloroquine for the Prevention of Covid-19 — Searching for Evidence. N Engl J Med 2020; DOI: 10.1056/NEJMe2020388

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Bildnachweise
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