Nachrichten 10.08.2021

Myokarditiden nach COVID-Impfung verlaufen anders als gewohnt

In seltenen Fällen entwickeln junge Menschen, die mit einer mRNA-Vakzine gegen COVID-19 geimpft worden sind, eine Myokarditis. Doch solche Verläufe sind nicht vergleichbar mit anderen Myokarditiden, wie an einer kleinen Fallserie deutlich wird.

Gute Nachrichten: Myokarditiden, die im Kontext einer COVID-19-Impfung mit dem Impfstoff von BioNTech-Pfizer (BNT162b2) auftreten, verlaufen überwiegend milde. Generell sind die klinischen Verläufe solcher Myokarditiden anders, als man das von anderen Myokarditis-Formen im Kindesalter kennt, berichten Dr. Audrey Dionne und Kollegen über die Ergebnisse ihrer Fallserie.

Hauptsächlich Jungs betroffen

Insgesamt 15 Patienten haben die Kardiologen in ihrer Abteilung im Boston Childrens Hospital untersucht. Im Schnitt waren die Patienten 15 Jahre alt (12–18 Jahre), bis auf ein Mädchen waren nur Jungen betroffen. Die Beschwerden traten ein bis sechs Tage nach der COVID-19-Impfung (meist nach der zweiten Dosis) auf: Alle Patienten klagten über Brustschmerzen, die meisten hatten Fieber (67%), 53% litten an Myalgien und 40% an Kopfschmerzen. In allen Fällen ließ sich bei Klinikaufnahme ein Troponin-Anstieg nachweisen (0,08–3,15 ng/ml), der 0,1 bis 2,3 Tage später seinen Höchstwert erreichte.

Keine Intensivstation-Aufenthalte

Die meisten betroffenen Kinder und Jugendlichen wiesen eine normale linksventrikuläre Funktion auf. Nur bei dreien (20%) wurde in der Echokardiografie eine vorübergehend eingeschränkte EF nachgewiesen, nur bei einem Patienten hat sich die Pumpfunktion innerhalb des kurzen Follow-up nicht vollständig normalisiert (EF von 54% 8 Tage nach Entlassung).

Bei anderen Myokarditis-Formen im Kindesalter kommen systolische linksventrikuläre Dysfunktionen und Rhythmusstörungen viel häufiger vor, als das in dieser Fallserie beobachtet wurde. Auch Aufenthalte auf Intensivstationen sind sonst keine Seltenheit. Bis zu 50% der Kinder, die an einer Myokarditis erkranken, müssten auf eine Intensivstation verlegt werden, berichten Dionne und Kollegen über die typischen klinischen Verläufe einer Myokarditis. Die Sterblichkeit liege bei 7,8%, und im Schnitt verbringen die Kinder 14,4 Tage im Krankenhaus.

In der aktuellen Fallserie musste dagegen kein Kind auf Intensivstation verlegt werden. Alle Patienten haben überlebt. Der durchschnittliche Krankenhausaufenthalt war mit zwei Tagen vergleichsweise kurz, kein Kind lag mehr als fünf Tage in der Klinik.  

Dionne und Kollegen schließen daraus, dass eine Myokarditis nach einer COVID-19-Impfung zumindest in der Akutphase meist milde verläuft. 1 bis 13 Tage nach Entlassung seien die Beschwerden bei den meisten Patienten vollständig abgeklungen (73%), setzen die US-Ärzte ihre Argumentation fort. Drei Patienten wiesen weiterhin leicht erhöhte Troponin-Werte auf, bei einem Patienten ließ sich im ambulanten EKG-Monitoring weiterhin eine nicht anhaltende ventrikuläre Tachykardie nachweisen.

Nutzen der Impfung überwiegt wahrscheinlich auch bei Kindern und Jugendlichen

Die US-Ärzte weisen aber auch darauf hin, dass über den Langzeitverlauf dieser seltenen Impf-Komplikation bisher nichts bekannt ist. „Risiko und Nutzen einer COVID-19-Impfung sollten bei der Aussprache von Empfehlungen in dieser Population berücksichtigt werden“, raten die US-Mediziner deshalb. Prognostisch relevant könnte ihrer Ansicht nach der Nachweis eines Late Gadolinum Enhancement (LGE) im MRT sein: „Bei Myokarditiden, die nicht mit Impfungen in Verbindung stehen, geht die Anwesenheit von LGE im Langzeitverlauf mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse einher“. In dieser Fallserie war ein LGE bei 12 Patienten (80%) zum Zeitpunkt der Diagnosestellung feststellbar. Die Studienautoren bewerten dies als Hinweis für das Vorliegen einer Myozyten-Nekrose und/oder eines extrazellulären Ödems.

Trotz allem halten Dionne und Kollegen es für wahrscheinlich, dass der Nutzen einer COVID-19-Impfung auch bei Kindern und Jugendlichen die damit einhergehenden Risiken überwiegt. Ihre Einschätzung begründen sie mit folgender Rechnung: Es wird geschätzt, dass eine COVID-19-Impfung bei Männern in einem Alter von 12 bis 29 Jahren 11.000 COVID-19-Fälle, 560 Klinikeinweisungen, 138 Aufenthalte auf Intensivstationen und 6 Todesfälle verhindern kann, demgegenüber stehen 39 bis 47 Myokarditis-Fälle, die in dieser Patientenpopulation zu erwarten wären. Die US-Kardiologen geben jedoch nicht an, auf welche Bevölkerungszahlen und Impfquoten sich ihre Schätzung bezieht.

Langzeitstudien wären wichtig

Prinzipiell gehen die US-Ärzte aber davon aus, dass eine Myokarditis als Komplikation einer COVID-19-Impfung selten ist. Am höchsten sei die Rate vorläufigen Berichten zufolge bei männlichen Personen in einem Alter zwischen 12 und 17 Jahren (62,8 Fälle pro 1 Millionen Impfungen), was sich mit ihren Beobachtungen decke. Wichtig für die Einschätzung wären ihrer Ansicht nach Langzeitstudien, um die langfristigen Risiken solcher Myokarditis-Fälle besser zu verstehen.

Literatur

Dionne A et al. Association of Myocarditis With BNT162b2 Messenger RNA COVID-19 Vaccine in a Case Series of Children. JAMA Cardiol. 2021; doi:10.1001/jamacardio.2021.3471

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