Nachrichten 17.06.2020

Neues COVID-19-Medikament wird hochgelobt…zu voreilig?

Wissenschaftler verkünden, dass Dexamethason die Überlebenschancen schwer kranker COVID-19-Patienten deutlich erhöhen konnte. Die WHO bezeichnet die Studie bereits als Durchbruch. Doch die Fachwelt reagiert zurückhaltend.

Die Suche nach einem wirksamen COVID-19-Medikament gleicht einer Achterbahn-Fahrt, ein ständiges Auf und Ab. Der anfängliche Hype um Hydroxychloroquin als Hoffnungsträger ist mittlerweile abgeflacht, nachdem sich das Antimalaria-Mittel in Studien als wirkungslos herausgestellt hat. Eine im „New England Journal of Medicine“ erschienene Studie hat sogar ein Anstieg des Sterberisikos gezeigt, diese Untersuchung ist mittlerweile allerdings wegen Ungereimtheiten in der Datenanalyse wieder zurückgezogen worden (wir berichteten).  

Euphorische Reaktionen des Studienleiters

Nicht verwunderlich also, dass einige Experten auf die neuesten Verkündigungen etwas vorsichtig reagieren. Wissenschaftler der Oxford Universität haben vorläufige Ergebnisse der RECOVERY-Studie bereits vor deren Publikation in einer Pressemitteilung bekanntgegeben. Sofort ging eine Welle an positiven Meldungen durch die Presse: „Corona-Medikament sorgt für Riesen-Hoffnung bei Erkrankten“, titelte beispielsweise der Münchner Merkur.

Das im Rahmen des Studienprogramms getestete Glukokortikoid Dexamethason hat die Sterberate bei mechanisch beatmeten COVID-19-Patienten relativ um 35% im Vergleich zur Standardbehandlung gesenkt (Relatives Risiko, RR: 0,65; 95%-KI: 0,48 – 0,88; p=0,0003). Um 20% signifikant geringer war das Sterberisiko demnach für die Patienten mit reiner Sauerstofftherapie (RR: 0,80; 95%-KI :0,67 – 0,96; p=0,0021).

Wirkt aber nur bei beatmeten Patienten

Seltsamerweise wirkte die niedrigdosierte Steroid-Gabe aber nur bei COVID-19-Patienten, die auf eine Sauerstoffgabe angewiesen waren, nicht aber bei anderen infizierten Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden mussten (RR: 1,22; 95%-KI: 0,86–1,75; p=0,14).

In der Vorabbekanntgabe liefern die britischen Wissenschaftler keine Erklärung für diese offenbar auf sehr kranke COVID-19-Patienten beschränkte Wirksamkeit des Medikaments.

Dexamethason als neue Standardtherapie?

Trotz allem äußert sich Studienleiter Prof. Peter Horby in der Pressemitteilung zuversichtlich: „Der Überlebensvorteil ist eindeutig und erheblich bei Patienten, die krank genug sind, um eine Sauerstoffbehandlung zu benötigen“, fasst der an der Universität Oxford tätige Wissenschaftler die Ergebnisse zusammen. Horby geht gar soweit, dass er Dexamethason bereits als Standardbehandlung für solch schwerkranke COVID-19-Patienten propagiert. Dexamethason sei günstig, vorrätig und könne sofort eingesetzt werden, um weltweit Leben zu retten, begründet er seine Einstellung.

Insgesamt erhielten in der randomisierten RECOVERY-Studie 2.104 hospitalisierte COVID-19-Patienten Dexamethason 6 mg täglich für 10 Tage (oral oder i.v.), 4.321 erkrankte Patienten erhielten eine reine Standardbehandlung.

Vorsichtige Stimmen

Euphorisch reagierte auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf die Ergebnisse der britischen Studie und bezeichnet diese als „Durchbruch“. Andere Mediziner sind da vorsichtiger, beispielsweise Prof. Atul Gawande: „Es wären großartige Nachrichten, wenn Dexamethason, ein günstiges Steroid, wirklich die Todesfälle bei beatmeten Patienten mit COVID-19 um 1/3 reduzieren könnte, aber nach all den Rücknahmen und Rückfällen ist es inakzeptabel, die Studienergebnisse in einer Pressemitteilung ohne Veröffentlichung des Papers anzupreisen“, twittert der in Boston tätige Chirurg.

In einem Bericht der Tagesschau wird Prof. Bernd Salzberger, Infektiologe am Universitätsklinikum Regensburg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie zitiert, der zu bedenken gibt, dass Dexamethason die Immunantwort gegen das Virus bremst und dazu führen könnte, dass das Virus langsamer eliminiert wird.

Steroidtherapie war bisher umstritten

Steroide kommen im Übrigen schon länger vereinzelt bei COVID-19-Patienten zum Einsatz. In Fallberichten wurde bereits über erfolgreiche Therapieversuche berichtet, u.a. auch bei Patienten mit Myokarditiden. Zumindest eine Hochdosissteroid-Gabe ist aber gerade als Behandlung von viral bedingten Myokarditiden umstritten. Kritisch gegenüber derartigen Therapieversuchen hatten sich beispielsweise Kardiologen aus Warschau um Dr. Krzysztof Ozieranski geäußert mit Verweis auf die Empfehlungen der WHO. Diese riet bisher nämlich von einer entsprechenden Steroidgabe bei COVID-19-Pneumonien ab, da diese die virale Clearance beeinträchtigen und das Risiko für eine Sepsis erhöhen könne (mehr dazu in diesem Beitrag).

Wissenschaftler und Ärzte weltweit warten nun auf die in der Pressemitteilung angekündigte baldige Publikation der ausführlichen Originaldaten.

Literatur

Statement from the Chief Investigators of the Randomised Evaluation of COVid-19 thERapY (RECOVERY) Trial on dexamethasone, veröffentlicht am 16. Juni 2020

Gawande A. Twitter @Atul_Gawande, 16. Juni 2020

Tagesschau.de: WHO zu britischer Corona-Studie "Lebensrettender Durchbruch", Stand: 17.06.2020.

Highlights

DGK-Kongress to go

DGK.Online 2020 – der Online-Kongress der DGK: Damit Sie auch in Zeiten eingeschränkter Versammlungs- und Reiseaktivitäten immer auf dem aktuellen Stand sind. Sehen Sie Vorträge zu aktuellen Themen von führenden Experten - wann und wo immer Sie wollen.  

Aktuelles zum Coronavirus

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit Covid-19 finden Sie in diesem Dossier.

Das könnte Sie auch interessieren

Akutes Koronarsyndrom: So hoch ist das Sterberisiko nach schweren Blutungen

Schwere Blutungen scheinen die Überlebenschancen von Patienten mit akutem Koronarsyndrom genauso zu verschlechtern wie ein erneuter Herzinfarkt. Kardiologen stehen damit vor einem Dilemma.

Undichte Trikuspidalklappe: Verbesserung durch Clip-Therapie ist von Dauer

Die funktionellen und klinischen Verbesserungen durch minimalinvasive Clip-Therapie bei undichter Trikuspidalklappe sind anhaltend. Das belegen aktualisierte 1-Jahres-Ergebnisse der TRILUMINATE-Studie.

Neues Medikament bei rezidivierender Perikarditis erfolgreich getestet

Der Wirkstoff Rilonacept hat sich in der entscheidenden placebokontrollierten Phase-III-Studie bei symptomatischen Patienten mit rezidivierender Perikarditis als klinisch wirksam erwiesen, teilt der Studiensponsor mit.

Aus der Kardiothek

Was sehen Sie im Kardio-MRT?

Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement) mit Darstellung eines Kurzachsenschnitts im mittventrikulären Bereich. Was ist zu sehen?

BNK-Webinar "Von den Toten lernen für das Leben"

Alle verstorbenen COVID-19-Patienten werden in Hamburg obduziert und häufig auch im CT  betrachtet. Rechtsmediziner Prof. Klaus Püschel gewährt einen Einblick in seine Arbeit und erläutert die Todesursachen der Patienten – mit speziellem Fokus auf das Herz.

Kardiologische Implikationen und Komplikationen von COVID-19

Sind kardiovaskulär vorerkrankte Patienten besonders gefährdet, welchen Einfluss haben ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Rezeptor-Blocker nun wirklich und was passiert mit dem Herz-Kreislaufsystem im Rahmen eines schweren COVID-19-Verlaufs? Dies und mehr beantwortet Prof. Martin Möckel, Internist, Kardiologe und Notfallmediziner von der Berliner Charité in diesem Webinar.

Bildnachweise
DGK.Online 2020/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
BNK-Webinar/© BNK | Kardiologie.org
Webinar Prof. Martin Möckel/© Springer Medizin Verlag GmbH