Nachrichten 13.05.2020

Ohne Corona-Shutdown – so viel mehr Menschen würden sterben

Die Kritik an den Shutdown-Maßnahmen wird immer lauter. Doch ohne Eindämmungsstrategien würden im Zuge der Coronavirus-Pandemie viel mehr Menschen sterben als sonst, zumindest legt dies ein Schätzmodell für Großbritannien nahe.

Was wäre, wenn man die Coronavirus-Pandemie ohne Eindämmungsmaßnahmen einfach „laufenlassen“ würde? Vielerorts sind Kritiker der Auffassung, dass ohne Lockdown nicht mehr Menschen gestorben wären als sonst.

Dieser Behauptung widersprechen britische Wissenschaftler nun mithilfe eines Schätzmodells, mit dem sich in Abhängigkeit des erreichten Ausmaßes der Viruseindämmung die COVID19-bedingte Übersterblichkeit berechnen lässt.

Grundlage ihres Modells sind Versichertendaten von insgesamt 3.862.012 Millionen UK-Bürger in einem Alter von 30 Jahren oder älter.

Das Sterberisiko ohne Corona versus mit Corona

Von dieser repräsentativen Kohorte zählen mehr als 20% zur sog. Risikogruppe, also sie sind wegen Vorerkrankungen und/oder ihres Alters besonders gefährdet, an COVID-19 zu versterben. Diese Patienten haben aber per se ein Sterberisiko, bedingt durch ihren Gesundheitszustand. 

Dieses „Grundsterberisiko“ haben die Wissenschaftler um Dr. Amitava Banerjee für unterschiedliche Personengruppen in Abhängigkeit des Alters, Geschlechts und der Anzahl an Begleiterkrankungen nach der Kaplan-Meier-Methode berechnet. Für Patienten in der Risikogruppe (egal welche Risikofaktoren) liegt es im Mittel bei 4,46%; extrapoliert auf die Gesamtbevölkerung würden in Großbritannien ohne Coronapandemie etwa 376.000 dieser Personen innerhalb eines Jahres versterben. Wie viele Todesfälle darüber hinaus würde die Coronapandemie verursachen?

Noch ist die exakte COVID-19-bedingte Sterberate nicht evaluierbar (fallbezogene Letalitätsrate variiert zwischen 0,27–10,0%). Die britischen Forscher haben die COVID-19-bedingte Übersterblichkeit deshalb an unterschiedlichen Szenarien und Risikokonstellationen festgemacht:

Szenario 1: Angenommen es würde keinerlei Eindämmungsmaßnahmen geben, dann gehen die Wissenschaftler davon aus, dass 80% der Bevölkerung direkt (durch eine Infektion) oder indirekt (durch Überlastung des Gesundheitssystems) von der Pandemie betroffen wären.

  • a) Ausgehend von einer COVID-19-bedingten Erhöhung des relativen Sterberisikos (RR) von 2, also das Sterberisiko für die Menschen wäre doppelt so hoch als das von Alter, Begleiterkrankungen usw. abhängige Grundsterberisiko, dann würde es innerhalb eines Jahres mit dieser Strategie zu 293.991 zusätzlichen Todesfällen kommen.
  • b) Erhöhe sich durch COVID-19 das Sterberisiko relativ um das Dreifache (RR=3,0), hätte diese Strategie 587.982 zusätzliche Todesfälle innerhalb eines Jahres zur Folge. 
  • c) Und selbst wenn sich das Sterberisiko durch Corona relativ nur um 50% erhöhe (RR=1,5), dann wären es immerhin 146.996 zusätzliche Todesfälle, wenn man nichts gegen die Pandemie unternehmen würde.

Szenario 2: Angenommen die Pandemie lasse sich ein Stück weit eindämmen, für diesen Fall nehmen die Wissenschaftler an, dass 10% der Bevölkerung betroffen wären.

  • a) bei einer angenommenen RR von 2,0 käme es bei diesem Szenario zu 36.749 zusätzlichen Todesfällen,
  • b) bei einer RR von 3,0 wären es 73.498 zusätzliche Todesfälle, und
  • c) bei einer RR von 1,5 gebe es 18.374 zusätzliche Todesfälle.

Schaffe man es dagegen die Pandemie komplett (0,001%) oder nahezu komplett (1%) einzudämmen, wären die Auswirkungen auf die Mortalität der Bevölkerung praktisch null bzw. nur geringfügig spürbar (bei einer RR von 2 wären es 4 [0,001%] bzw. 3.675 zusätzliche Todesfälle [1,0%] innerhalb eines Jahres).

Wissenschaftler plädieren für Fortführen der Eindämmungsmaßnahmen

Aufgrund dieser Ergebnisse plädieren Banerjee und Kollegen dafür, in Großbritannien die strikten Maßnahmen zur Eindämmung der Viruspandemie fortzuführen. Zudem müssten Risikopatienten durch weitreichende Präventionsmaßnahmen geschützt werden, lautet ihre Empfehlung. In Deutschland zählen laut dieser Modellrechnung im Übrigen gut 10 Millionen Menschen zur COVID-19-Risikogruppe, von ihnen würden innerhalb eines Jahres 466.322 Menschen bedingt durch ihr Grundrisiko versterben. Der Prototyp des britischen Schätzmodells ist unter diesem Link aufrufbar.

Ergebnisse von internationaler Relevanz

Es sei allerdings bekannt, dass das „Grundsterberisiko“ von vorerkrankten Patienten vom dem Land abhänge, wo die Menschen lebten, weisen die Autoren einschränkend hin, wobei beispielsweise die Langzeitmortalität von Patienten, die einen Herzinfarkt überlebt haben, in Frankreich, den USA, UK und Schweden ziemlich ähnlich ausfalle. Die britischen Wissenschaftler glauben deshalb, dass diese Ergebnisse durchaus von „internationaler Relevanz“ sein könnten. 

Nicht ausschließen können sie, dass in ihrem Modell das Grundsterberisiko für die jeweiligen Bevölkerungsgruppen unterschätzt wird, da beispielsweise die Isolation oder der einschränkte Zugang zu Gesundheits- und Sozialeinrichtungen ein schnelleres Fortschreiten einiger Grunderkrankungen begünstigen könnte.  

Literatur

Banerjee A et al. Estimating excess 1-year mortality associated with the COVID-19 pandemic according to underlying conditions and age: a population-based cohort study. The Lancet 2020; DOI: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(20)30854-0

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Bildnachweise
DGK.Herztage 2020/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
ESC-Kongress (virtuell)/© [M] metamorworks / Getty Images / iStock | ESC
Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen