Nachrichten 13.10.2021

Störeinflüsse des iPhone 12 auf Schrittmacher & ICDs – wirklich ein Risiko?

Berichte über Interaktionen des iPhone 12 mit Schrittmacher- und ICD-Funktionen haben für Aufsehen gesorgt. Nun haben Kardiologen aus Gießen eine umfassende Untersuchung vorgenommen – und können Entwarnung geben.

Das iPhone 12 kann Störeinflüsse auf implantierte kardiale Devices wie Schrittmacher oder ICDs ausüben, wenn das Handy direkt über dem Implantat auf die Brust gelegt wird. Das konnte eine Arbeitsgruppe vom Uniklinikum Gießen um Dr. Christian Fräbel in ihrer Untersuchung tatsächlich bestätigen. Relevante Interferenzen seien aber nicht vorgekommen, berichtete der Kardiologe bei den DGK-Herztagen, wo er die Ergebnisse der Studie vorstellte.

Erst kürzlich publizierte Einzelfallberichte über potenzielle Störeinflüsse des iPhone 12 auf Schrittmacher- und ICD-Funktionen haben Bedenken ausgelöst. Sorgen in dieser Hinsicht bereitet vor allem die in dem Smartphone erstmals verbaute MagSafe-Technologie, die ein effizienteres induktives Laden ermöglichen soll. 18 zirkulär angeordnete Magneten seien darin enthalten, erläuterte Fräbel beim Kongress. Das dadurch erzeugte Magnetfeld könnte, so die Befürchtung, die Funktionsweise von Herzschrittmachern und implantierbaren Defibrillatoren (ICD) beeinträchtigen.

4 verschiedene Funktionen getestet

Doch wie hoch ist die Gefahr tatsächlich, und vor allem: Wie relevant sind die Interaktionen am Ende für den Patienten? Um diese Frage beantworten zu können, haben Fräbel und Kollegen 70 Patienten im Rahmen einer routinemäßigen Gerätekontrolle für eine Versuchsreihe rekrutiert. Den Patienten wurde ein iPhone 12 auf die Brust in unmittelbarer Höhe ihres implantierten Devices gelegt. Getestet wurden mithilfe eines standardisierten Protokolls folgende vier Funktionen:

  1. Standby-Modus,
  2. Verbindungsaufbau (Mobilfunk, WLAN, Bluetooth),
  3. Anrufempfang, und
  4. Nahfeldkommunikation (NFC) über Apple Pay.

Während des Versuchslaufs konnten die Gießener Wissenschaftler insgesamt acht Auffälligkeiten feststellen, also bei 11% der Probanden. Betroffen waren davon überwiegend Schrittmacher (mit Ausnahme eines CRT-D) der Hersteller Biotronik, Abbott und Boston-Scientific. „Die meisten Störeinflüsse sind durch den NFC-Modus ausgelöst worden“, berichtete Fräbel. Aber auch Anrufe hätten für Interaktionen gesorgt.

Keine relevanten Interaktionen

Am häufigsten kam es zu Störsignalen. In einem Fall wurde ein vorübergehender Verlust des intrakardialen EKGs registriert. Bei zwei Geräten erzeugten die Einflüsse eine Fehlinterpretation des intrakardialen Elektrogramms, bei zwei weiteren Implantaten kam es zu einem zweitweisen Verlust der Telemetrieverbindung zum Programmiergerät.

Aber Fräbel stellte klar: „In unserer Untersuchung konnte nicht gezeigt werden, dass die im iPhone 12 verbauten Magnete zu einer Back-up Mode oder einer Änderung der Programmierung des implantierten Devices führen.“ Sprich, eine akute Gefährdung der Patienten bestand nicht. Genauso wenig wurden die Geräte von dieser einmaligen Testung dauerhaft beschädigt.

Die Lösung scheint einfach

Prof. Hendrik Bonnemeier sieht deshalb keinen wirklichen Anlass zur Sorge: „Man kann die Patienten beruhigen, weil ich glaube, kaum ein Patient sein Handy direkt auf seinen Defi legt“, äußerte sich der Kardiologe vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel dazu in der anschließenden Diskussion.

Die Lösung des „Problems“ scheint somit ziemlich einfach: Das iPhone 12 sollte gemäß der Empfehlungen nicht direkt über den implantierten Herzschrittmachern bzw. Defibrillatoren getragen oder benutzt werden. So konnten in der Studie von Fräbel et al. auch keine Störeinflüsse detektiert werden, wenn das Smartphone am Ohr genutzt wurde.  

Literatur

Fräbel C: Does Apple iPhone 12 Pro influence cardiac implantable electronic devices?; DGK Herztage, 30. September bis 2. Oktober 2021, Bonn

Pressemitteilung der DGK: Einfluss des Apple iPhone 12 Pro auf implantierte Herzschrittmacher/ Defibrillatoren, veröffentlicht am 30.09.2021

Neueste Kongressmeldungen

Roboter senkt Strahlenbelastung bei PCI-Eingriffen deutlich

Interventionell tätige Kardiologinnen und Kardiologen sind ständig einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt. Deutlich verringern lässt sich die Exposition, wenn ein Roboter sie in der Durchführung von PCI-Prozeduren unterstützt.

Neue invasive HFpEF-Therapie besteht ersten Test

Bei HFpEF-Patienten kann eine Dekompensation auch durch eine Volumenverschiebung von extrathorakal nach thorakal ausgelöst werden. Ein Therapieansatz ist deshalb, dem ungünstigen Shift durch Modulation der Splanchnicus-Aktivität entgegenzuwirken. Erste Daten zu diesem Verfahren werden zwar als positiv bewertet, Kritik bleibt aber nicht aus.

Lungenfunktion bei COVID: Impedanz verhält sich anders als bei Herzinsuffizienz

Lungen bei COVID-Patienten können im Röntgen-Thorax aussehen wie Lungen bei Herzinsuffizienz. Die Lungenimpedanzmessung allerdings verhält sich unterschiedlich.

Neueste Kongresse

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

ACC-Kongress 2022

Der diesjährige Kongress der American College of Cardiology findet wieder in Präsenz in Washington DC und gleichzeitig online statt. In diesem Dossier lesen Sie über die wichtigsten Studien und Themen vom Kongress.

AHA-Kongress 2021

Die wichtigsten Ergebnisse der beim amerikanischen Herzkongress AHA präsentierten  Studie lesen Sie in unserem Dossier. Bleiben Sie auf dem Laufenden.

Highlights

Kardiothek

Alle Videos der Kongressberichte, Interviews und Expertenvorträge zu kardiologischen Themen. 

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Degenerierte Bioprothesen: Welche TAVI-Klappe ist die beste Wahl?

Bei Patienten mit degenerierten kleinen Aortenklappen-Bioprothesen scheinen selbstexpandierende Transkatheter-Klappen für den katheterbasierten Klappenersatz (Valve-in-Valve-Prozedur) die bessere Option zu sein – zumindest in hämodynamischer Hinsicht.

Benefit von Empagliflozin bei HFpEF keine Frage des Alters

Für den klinischen Nutzen des SGLT2-Hemmers Empafliflozin bei Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion ist das Alter der Patienten kein zu berücksichtigender Faktor, zeigt eine neue Subanalyse der Studie EMPEROR-Preserved.

Krebsdiagnose erhöht Herzrisiko – unabhängig von traditionellen Risikofaktoren

Menschen, die eine Krebserkrankung überlebt haben, sind einem erhöhten kardiovaskulären Risiko ausgesetzt. Doch woran liegt das? Laut einer prospektiven Studie sind die bekannten Risikofaktoren größtenteils nicht dafür verantwortlich – diese Erkenntnis, postulieren die Autoren, könnte die Praxis beeinflussen.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

Echokardiographischer Zufallsbefund. Was fällt auf?

Interventionelle Techniken bei Herzinsuffizienz: Bei wem, was und wann?

Für das Management von Herzinsuffizienz-Patienten stehen inzwischen auch interventionelle Techniken zur Verfügung, etwa ein intratrialer Shunt zur HFpEF-Therapie oder invasive Devices für die Fernüberwachung. Dr. Sebastian Winkler erklärt in diesem Video, wann der Einsatz solcher Techniken sinnvoll sein könnte, und was es dabei zu beachten gilt.

SGLT2-Hemmung bei Herzinsuffizienz: Mechanismen und pleiotrope Effekte

Inzwischen ist bekannt, dass SGLT2-Inhibitoren über die blutzuckersenkende Wirkung hinaus andere günstige Effekte auf das Herz und die Niere entfalten. Prof. Norbert Frey wirft einen kritischen Blick auf die Studienlage und erläutert daran, was über die Mechanismen der SGLT2-Hemmung tatsächlich bekannt ist.

DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk
ACC-Kongress 2022 in Atlanta/© SeanPavonePhoto / Getty Images / iStock
AHA-Kongress 2020 virtuell
Kardiothek/© kardiologie.org
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-Quiz Juni 2022/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Vortrag vom BNK/© BNK | Kardiologie.org