Nachrichten 05.10.2021

Intrakoronare Funktionsdiagnostik: Ja, aber.

Sind Deutschlands Kardiologen zu zögerlich bei den koronarphysiologischen Druckdrahtmessungen? Vielleicht, aber es muss auch nicht immer der Druckdraht sein.

Wer sich die Leistungszahlen der deutschen Herzkatheterlabors aus der Zeit kurz vor der Corona-Pandemie ansieht, der findet, dass koronarphysiologische Messungen mittels FFR oder iFR im Jahr 2018 bei 6,6% aller Herzkatheteruntersuchungen durchgeführt wurden. Das ist mehr als in vielen anderen Ländern, aber weniger als in Gesundheitssystemen, mit denen sich Deutschland sonst gerne vergleicht. Konkret Frankreich, die USA, Großbritannien und weite Teile Nordeuropas lägen bei über 10%, berichtete Prof. Michael Haude vom Zentrum für Herz- und Gefäßmedizin Rheinlandklinikum Neuss.

„Wir kriegen am Tisch schnell ein klare Aussage, was passieren sollte“

Ob die Quote in Deutschland höher sein sollte, wurde bei einer Debatten-Sitzung im Rahmen der DGK Herztage diskutiert. Prof. Constantin von zur Mühlen vom Universitätsklinikum Freiburg warb dafür, die Verfahren häufiger zu nutzen: „Wir kriegen am Tisch schnell ein klare Aussage, was passieren sollte, und wir können auch die Länge der Stents exakt ausmessen.“ In den Leitlinien sei die FFR/iFR-Messung insofern fest verankert, als sie bei stabiler Angina pectoris mit intermediären Stenosen und fehlendem Ischämienachweis klar empfohlen werde, so von zur Mühlen.

Diese Empfehlung lasse sich auch mit Daten hinterlegen. So sei Ende 2020 eine Auswertung aus dem SCAAR-Register publiziert worden, die darauf hindeutete, dass eine FFR-gesteuerte PCI im Vergleich zu einer rein angiografisch gesteuertem PCI bei stabiler KHK zu einem Überlebensvorteil führt. „Zudem war die Rate an In-Stent-Restenosen und Stent-Thrombosen geringer“, so der Freiburger Kardiologe.

Möglichkeiten zur Therapiestratifizierung

Auch zur Therapiestratifizierung bei linker Hauptstammstenose könne die FFR/iFR genutzt werden. Von zur Mühlen berichtete in diesem Zusammenhang über die DEFINE-LM-Studie, im Rahmen derer Patienten bei einem iFR-Wert von 0,89 oder darunter eine Revaskularisation empfohlen wurde, während bei einer iFR ab 0,90 ein abwartendes Vorgehen gewählt wurde. Hinsichtlich Tod, Myokardinfarkt und ischämiebedingter Revaskularisation der Zielläsion unterschieden sich die Gruppen im Zeitverlauf nicht. FFR/iFR könnten demnach als Grundlage für Therapieentscheidungen in dieser klinischen Konstellation herangezogen werden, so von zur Mühlen.

Aber: In der Breite gibt es Akzeptanzprobleme

Auch Haude plädierte dafür, die koronarphysiologischen Messungen dort, wo die Daten existieren, besser umzusetzen. Allerdings gebe es im Zusammenhang mit Kosten, Lernkurve und seltenen Komplikationen in der Breite Akzeptanzprobleme, die es zu adressieren gelte. Der Neusser Kardiologe wies darauf hin, dass „Koronarphysiologie“ nicht zwingend Druckdrahtmessung bedeuten müsse. So könne angiografisch mit der qFR ein Korrelat der FFR ermittelt werden, das Haude als „durchaus valide“ bezeichnete. Es erreiche im direkten Vergleich mit der invasiven Druckdrahtmessung eine diagnostische Genauigkeit von 87%.

Ähnlich gut sei die FFRCT-Messung, die den intrakoronaren Druck auf Basis einer CT-Koronarangiografie abschätzt. Dieses Verfahren ermögliche eine komplette anatomische und funktionelle Abklärung schon vor jeglichem invasivem Eingriff. Bei der FFRCT könnte die derzeit noch nicht optimale Alltagstauglichkeit demnächst steigen. Haude berichtete, dass bei mehreren CT-Herstellern derzeit ein- statt dreidimensionale Messungen in Arbeit seien, die dann wegen der geringeren Datenvolumina eine rasche Auswertung vor Ort erlauben könnten.

Literatur

"Die intrakoronare Diagnostik ist heute unabdingbar". Great Debate II-Sitzung, DGK Herztage 2021, 30. September bis 2. Oktober 2021, Bonn

Neueste Kongressmeldungen

Plötzlicher Herztod bei jungen Menschen: Ursache bleibt häufig unklar

Wenn junge Menschen einen plötzlichen Herztod erleiden, bleibt die Ursache in vielen Fällen unklar – selbst nach umfassender Diagnostik, wie eine neue Analyse aus Ulm deutlich macht.

Störeinflüsse des iPhone 12 auf Schrittmacher & ICDs – wirklich ein Risiko?

Berichte über Interaktionen des iPhone 12 mit Schrittmacher- und ICD-Funktionen haben für Aufsehen gesorgt. Nun haben Kardiologen aus Gießen eine umfassende Untersuchung vorgenommen – und können Entwarnung geben.

Long Covid: Wie häufig sind Organschäden schuld?

Noch immer ist unklar, was genau hinter „Long Covid“ steckt. Ärzte aus Ulm haben deshalb systematisch nach Organschäden gefahndet – und haben recht häufig eine Diskrepanz zwischen Beschwerden und pathologischen Befunden feststellen können.

Neueste Kongresse

ESC-Kongress 2021

Der diesjährige Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) findet erneut als digitales Event statt vom 27. bis 30. August 2021. Vier neue Leitlinien werden präsentiert, 19 Hotline-Sessions könnten ebenfalls die Praxis verändern. In diesem Dossier berichten wir über diese und weitere Highlights.

HRS-Kongress 2021

Der diesjährige Kongress der Heart Rhythm Society (HRS) hatte rhythmologisch einige zu bieten: neue Pacing-Methoden, provokative Ergebnisse in puncto Alkohol und Vorhofflimmern und vieles mehr. Seit langem fand ein Kongress mal wieder als Vor-Ort-Event statt, in diesem Fall trafen sich die Experten in Boston. Alle Sessions konnten aber auch virtuell verfolgt werden. Ausgewählte Highlights finden Sie in diesem Dossier.

EuroPCR-Kongress 2021

Einer der weltweit führenden Kongresse für interventionelle kardiovaskuläre Medizin – der EuroPCR – fand in diesem Jahr vom 17. bis 20. Mai 2021 virtuell statt. Die wichtigsten Studienergebnisse sind für Sie in diesem Dossier zusammengetragen. 

Highlights

Das Live-Kongress-Angebot der DGK

Zurück aus der Sommerpause: Sichern Sie sich den Zugang zu allen zertifizierten Vorträgen von DGK.Online 2021.

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Nach Vorhofohrverschluss: Halbe NOAK-Dosis evtl. besser als Standard

Damit sich nach einem Verschluss des linken Vorhofohrs keine Thromben auf dem Device bilden, ist eine zeitweise antithrombotische Therapie vonnöten. Im Falle des Watchman-Devices wird hierfür ein Plättchenhemmer-basiertes Regime empfohlen. Doch es könnte eine bessere Strategie geben.  

Schwangere mit Herzfehler: Bessere Prognose als gedacht

Eine Schwangerschaft kann für Frauen mit angeborenen Herzfehlern Risiken bergen. Diese lassen sich aber relativ gut in den Griff bekommen, wenn die Betroffenen medizinisch begleitet werden, zeigt die bisher größte Studie zum Thema.

Fortschritt durch optimierte PCI-Strategie bei koronarer 3-Gefäßerkrankung

Eine durch technische Neuerungen optimierte PCI-Strategie führt bei koronarer 3-Gefäßerkrankung augenscheinlich zu deutlich besseren Behandlungsergebnissen, legen die finalen 5-Jahres-Ergebnisse der SYNTAX-II-Studie nahe.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

Ausschnitt einer Ergometrie eines 40-Jährigen Patienten mit gelegentlichem thorakalem Stechen. Was ist zu sehen?

Raumforderung im rechten Vorhof – was war die Ursache?

Echokardiographie einer 65-jährigen Patientin, die sich wegen Luftnot vorstellt. Im apikalen 4-Kammerblick zeigt sich eine Raumforderung im rechten Vorhof.

Fehlbildung am Herzen – was sehen Sie im CT?

3-D Rekonstruktion einer kardialen Computertomographie. Welche kardiale Fehlbildung ist zu sehen?

ESC-Kongress (virtuell)/© everythingpossible / stock.adobe.com
Digitaler HRS-Kongress 2021/© mandritoiu / stock.adobe.com
EuroPCR-Kongress 2021
DGK.Online 2021/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-Quiz September 2021/© L. Anneken, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Kardio-Quiz August 2021/© F. Ammon, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Computertomographie/© S. Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlanen-Nürnberg