Nachrichten 30.09.2022

Smartphone in der Kitteltasche: Welche Apps helfen im kardiologischen Alltag?

Gesundheitsapps gibt es inzwischen jede Menge – aber welche davon können Kardiologinnen und Kardiologen wirklich unterstützen? Dr. Victoria Johnson aus Gießen gab bei den DGK-Herztagen einen Überblick über die Optionen.

In den USA nutzen bereits 80% der Ärzte und Ärztinnen Smartphones für ihre Arbeit, während das in Deutschland noch weniger verbreitet ist. Zum Thema Apps in der Kardiologie gibt es bislang noch wenig Evidenz, aber viele neue Entwicklungen. Dr. Victoria Johnson, Assistenzärztin am Universitätsklinikum Gießen, hat bei der diesjährigen Herbsttagung einige davon vorgestellt.

Inzwischen gibt es eine Vielzahl verfügbarer Gesundheitsapps für medizinisches Personal, Patienten und Patientinnen sowie in Verbindung mit Wearables. „Die wenigsten Anwendungen sind CE-zertifiziert oder anderweitig validiert, man muss also überlegen: Wofür brauche ich eine App? Was soll sie mir erleichtern? Wie wähle ich sie aus, damit ich einen Nutzen habe und vielleicht nicht auch noch Schaden anrichte?“, gab die Kardiologin zu bedenken.

Verschiedene Arten von Apps

Grundsätzlich gibt es die Apps der Fachgesellschaften, wie die ESC- oder die DGK-App der Europäischen und der Deutschen Kardiologiegesellschaft. Anwendungen einzelner Journals sind bei der schnellen Publikationssuche behilflich. Kalkulatoren Apps können bei elektrophysiologischen Messungen unterstützen. Andere helfen dabei, im Echo-Labor Messwerte einzuordnen. Zusätzlich lässt sich unterscheiden zwischen Apps für die allgemeine Kardiologie, die Rhythmologie und die interventionelle Kardiologie.

Johnson und ihr Team haben eine sektionsinterne Twitter-Umfrage unter jungen Kardiologen und Kardiologinnen durchgeführt, um herauszufinden, welche von vier vorgeschlagenen Apps diese für die Fort- und Weiterbildung nutzen. Am häufigsten wurde das Nachschlagewerk Amboss verwendet (47%), gefolgt von Leitlinien-Apps (24%), einer App der britischen Gesellschaft für Echokardiografie namens EchoCalc, die Referenzdaten liefert (15%), sowie den ESC- und DGK-Angeboten (14%). Zusätzlich genannt wurden der Messenger Siilo und klassische soziale Medien.

Was kann welche Anwendung?

 „Viele kennen Amboss, weil man sich damit online aufs Examen vorbereiten kann, es gibt aber auch einen Zugang für Ärzte und Ärztinnen“, erläuterte Johnson. Für diese biete die App eine Bibliothek, um Dinge nachzuschauen, einschließlich einer Übersicht über Medikamente und ihre Wechselwirkungen, und seit Kurzem ein Repetitorium für die Facharztprüfung.

In die Apps der kardiologischen Fachgesellschaften seien Leitlinien, kurze Zusammenfassungen zu verschiedenen Krankheitsbildern, Vorträge und sogenannte CDS-Tools (Clinical Decision Support Tools) integriert. Diese Werkezeuge sollen helfen, bei der klinischen Arbeit Entscheidungen zu treffen, die auf den Europäischen Leitlinien basieren. Dabei wird der Nutzer mithilfe von Fragen zu einer Handlungsempfehlung geleitet, zum Beispiel: Hat der Patient Vorhofflimmern? Ist die Diagnose klinisch bestätigt? Ist er hämodynamisch instabil? Wie sind die individuellen Parameter?

Eine weitere hilfreiche Anwendung ist der Vortragenden zufolge die Pacemaker-ID-App. Sie kann Anhaltspunkte liefern, welches Gerät bei einem Patienten oder einer Patientin implantiert ist, indem man die Röntgenthoraxaufnahme mit dem Handy abfotografiert. „Mit viel Erfahrung erkennt man das auch so, aber gerade jungen Kardiologen und Kardiologinnen kann die App bei Entscheidungen im Notfall helfen“, so Johnson.

Sicheren Datenaustausch gewährleisten

Für die Kommunikation unter Ärzten und Ärztinnen hält sie die kostenlose App Siilo für eine gute Lösung. Damit lassen sich Patientenfälle besprechen, ohne dass Daten auf einem Server gespeichert werden wie bei klassischen Messengerdiensten. Beim Austausch von Bildmaterial gibt es die Möglichkeit, die Daten zu anonymisieren. Die Anmeldung erfordert einen Nachweis über eine medizinische Tätigkeit, sodass keine Dritten mitkommunizieren können.

„Apps können in vielen Dingen eine Unterstützung sein, zu Beispiel beim Berechnen von Risikoscores, aber wir sollten bedenken: Wir behandeln immer noch Patienten und Patientinnen und der klinische Blick, die klinische Untersuchung und vor allem das empathische ärztliche Handeln können durch Apps nicht ersetzt werden“, lautete Johnsons Fazit.

Literatur

Johnson V. Das Smartphone in der Kitteltasche – Welche Apps brauche ich als Kardiologe wirklich?

DGK-Herztage 2022, 29. September – 1. Oktober, Bonn

Neueste Kongressmeldungen

Welche Antikoagulation bei Dialyse-Patienten mit Vorhofflimmern?

Apixaban scheint in der Antikoagulation bei Patienten mit dialysepflichtigem Nierenversagen und Vorhofflimmern ebenso wirksam und sicher zu sein wie ein Vitamin-K-Antagonist. Das legen Ergebnisse der deutschen AXADIA-AFNET-8-Studie nahe.

Schwere PAVK: Ist Bypass-OP hier vorteilhafter als endovaskuläre Therapie?

Ohne Revaskularisation droht PAVK-Patienten mit kritischer Extremitätenischämie die Amputation. Welches Verfahren – chirurgischer Bypass oder endovaskuläre Therapie – ist dann die beste Wahl? Die randomisierte BEST-CLI-Studie liefert dazu jetzt evidenzbasierte Entscheidungshilfe.

Was nützt spezielles Fischöl ergänzend zur Statintherapie?

Neue Daten zur Wirksamkeit eines speziellen Fischöls (Icosapent-Ethyl) heizen die Debatte um diese Therapieoption erneut an. In der RESPECT-EPA-Studie deutet sich ein prognostischer Nutzen an, das Ergebnis dürfte in Deutschland aber erstmal keine bedeutsame Rolle für die Praxis spielen.

Neueste Kongresse

DGK.Herztage 2022

Vom 29.9.-1.10.2022 finden die DGK.Herztage in Bonn statt.

TCT-Kongress 2022

Hier finden Sie die Highlights der Transcatheter Cardiovascular Therapeutics (TCT) Conference 2022, der weltweit größten Fortbildungsveranstaltung für interventionelle Kardiologie. 

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

Highlights

Neuer Podcast: Kardiovaskuläre Prävention – zwischen Mythen und Fakten

Neuer Podcast auf Kardiologie.org! In der zweiten Ausgabe mit Prof. Ulrich Laufs geht es um gängige Irrtümer in der kardiovaskulären Prävention, um immer neue Empfehlungen zu Eiern und um die Frage: Statine – ja oder nein?

Herzkongress mit wöchentlichen Vorträgen

Der DGK.Online-Kongress 2022 geht weiter: Jede Woche erwarten Sie wieder spannende Live-Vorträge aus der Herz-Kreislauf-Medizin, viele davon CME-zertifiziert. Nehmen Sie teil und sammeln Sie live CME-Punkte!

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Neue TAVI-Aortenklappe mit gutem Leistungsprofil in der Praxis

Ein neues und technisch verbessertes Klappensystem für die Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI) hat im Hinblick auf Sicherheit und Effektivität in einer Registeranalyse gute Leistungsmerkmale gezeigt.

Statine: Automatisierte Erinnerungen können Verschreibungsrate erhöhen

Damit bei keinem Hausarzttermin mehr vergessen wird, geeigneten Patienten und Patientinnen Statine zu verschreiben, haben US-amerikanische Forschende ein System getestet, dass mithilfe von elektronischen Patientenakten und SMS alle Beteiligten daran erinnert.

Laienreanimiation: Machen Smartphone-Alarme sie besser?

Eine randomisierte Studie hat untersucht, ob eine Alarmierung registrierter Laienhelfer per Smartphone bei (Verdacht auf) Herzstillstand die Einsatzrate von externen Defibrillatoren erhöht. Das war nicht der Fall, was aber nicht gegen die Alarm-Algorithmen spricht.

Aus der Kardiothek

Influenzaimpfung in der kardiologischen Praxis: Tipps zur Umsetzung und Abrechnung

Auch in der kardiologischen Praxis können Patienten/Patientinnen gegen Influenza geimpft werden. Prof. Jörg Schelling erläutert, was Sie bei der Umsetzung beachten sollten und gibt Tipps zur Abrechnung.

Update Amyloidose: Red Flags, Diagnose und Therapie

Die Dunkelziffer bei der ATTR-Amyloidose ist groß. Umso wichtiger ist es, dass Kardiologen/Kardiologinnen die typischen Beschwerden kennen und erkennen. Prof. Wilhelm Haverkamp gibt Tipps zur Diagnosestellung und Behandlung und klärt wichtige Fragen zur Erstattung.

Hätten Sie es erkannt?

Intravaskuläre koronare Bildgebung mittels optischer Kohärenztomografie eines 46-jährigen Patienten nach extrahospitaler Reanimation bei Kammerflimmern. Was ist zu sehen?

Digitale Gesundheitsanwendungen/© AndSus / stock.dobe.com
DGK.Herztage 2022/© DGK
TCT-Kongress 2022/© mandritoiu / stock.adobe.com
DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk
Podcast-Logo
DGK.Online 2022/© DGK
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org
Kardio-Quiz Oktober 2022/© PD Dr. Daniel Bittner, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen