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19.01.2016 | Nachrichten | Onlineartikel

Geschlechterunterschiede

Diabetes gefährdet Frauen kardial stärker als Männer

Autor:
Philipp Grätzel

An sich haben Frauen zumindest vor den Wechseljahren seltener Herzinfarkte als Männer. Liegt ein Typ-2-Diabetes vor, gilt diese Regel aber nicht mehr.

Zu Geschlechterunterschieden bei den kardiovaskulären Folgen der Diabetes-Erkrankung hat die American Heart Association (AHA) jetzt in der Fachzeitschrift „Circulation“ ein sehr ausführliches „Scientific Statement“ veröffentlicht. Kernaussage ist, dass die auf hormonelle Unterschiede zurückgeführte, etwa zehnjährige Verzögerung, mit der kardiovaskuläre Ereignisse bei Frauen im Vergleich zu Männern auftreten, nicht mehr gilt, wenn eine Diabeteserkrankung vorliegt.

Frauen mit Diabetes bekommen früher Herzinfarkte

Heruntergebrochen wird das auf die unterschiedlichsten kardiovaskulären Ereignisse und Erkrankungen, wobei eine große Anzahl an Studien und Kohorten Berücksichtigung findet. Besonders markant: Das Risiko, an den Folgen einer koronaren Herzerkrankung zu versterben, ist bei Frauen mit Typ-2-Diabetes höher als bei Männern mit dieser Erkrankung. Insbesondere Myokardinfarkte treten früher auf und gehen mit einer höheren Mortalität einher.

Beim Schlaganfall ist die Datenlage etwas weniger konsistent. Insgesamt ist das Schlaganfallrisiko bei Diabetes bekanntlich deutlich erhöht. Im Hinblick auf Geschlechterdifferenzen gebe es Studien, in denen das Schlaganfallrisiko bei diabetischen Frauen höher ist als bei Männern. Es gebe aber auch gegenteilige Studien sowie Studien, in denen beide Geschlechter gleich abschneiden, so die AHA.

In der bislang umfangreichsten Analyse, einem kürzlich publizierten Review, der 64 Kohorten berücksichtigte, in denen über 12.000 Schlaganfälle auftraten, war das Schlaganfallrisiko nach Adjustierung für sonstige Risikofaktoren bei Frauen mit Diabetes 2,28 Mal so hoch wie bei Frauen ohne Diabetes. Bei Männern betrug der Faktor nur 1,83. Auch die Langzeitüberlebensrate nach einem Schlaganfall war bei Frauen mit Diabetes demnach schlechter als bei Männern mit Diabetes.

Ähnliche Situation bei PAVK

Nur begrenzte Daten gibt es für die periphere arterielle Verschlusskrankheit, doch auch diese deuten zumindest in dieselbe Richtung. So wurde beschrieben, dass bei Vorliegen einer Glukosurie das Claudicatio-Risiko bei Frauen 8,6fach erhöht ist, bei Männern dagegen nur 3,5fach.

Daten aus der Framingham-Studie stützen das. Hier hatten Frauen, die sowohl einen Diabetes als auch eine Claudicatio aufwiesen, im Vergleich zu Frauen, die nur eine von beiden Erkrankungen aufwiesen, ein drei- bis vierfach erhöhtes Risiko für koronare Herzerkrankung, Schlaganfall oder Herzinsuffizienz. Bei Männern war das Risiko nur zwei bis dreimal hoch.

Sekundärprävention ernst nehmen!

Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) hat die AHA-Publikation zum Anlass für eine eigene Stellungnahme zu diesem Thema genommen. Warum ein Diabetes Frauen so sehr viel empfindlicher für kardiovaskuläre Erkrankungen und Ereignisse werden lässt, sei nicht ganz klar, betont DDG-Vizepräsident Professor Dirk Müller-Wieland: „Ein Grund könnte sein, dass die Folgen des Typ-2-Diabetes für Frauen von Ärzten und Betroffenen unterschätzt werden.“

Frauen mit Diabetes könnten also eine schlechtere kardiovaskuläre Risikoprophylaxe erhalten. Hinweise darauf gibt es: So erhalten Frauen bei erhöhtem Blutdruck seltener antihypertensive Medikamente und bei Hypercholesterinämie seltener Cholesterinsenker. „Sie nehmen zudem nach einem Herzinfarkt seltener ASS ein“, so Müller-Wieland. Abgesehen von einem unterschiedlichen Risikofaktormanagement könnten auch hormonelle Unterschiede vorliegen, die das weibliche Herz-Kreislauf-System empfindlicher auf Störungen des Zuckerstoffwechsels reagieren lassen.

Die DDG appelliert vor diesem Hintergrund an die Ärzte, bei Frauen mit Diabetes mellitus die kardiovaskuläre Risikofaktorkontrolle besonders ernst zu nehmen. Seitens der Frauen können sich Sport und eine Umstellung der Ernährung lohnen, wie DDG-Präsident Professor Baptist Gallwitz betont: „Studien zeigen, dass Frauen mit Typ-2-Diabetes stärker als Männer von einer Änderung des Lebensstils profitieren. In der Nurses Health Study konnten Frauen mit Diabetes ihr Herz-Kreislauf-Risiko bereits mit zwei Stunden Sport in der Woche senken.“

Literatur

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