Nachrichten 24.07.2020

Ist die Myokardsteifigkeit bald messbar?

Eine neue echokardiografische Methode, das „Share Wave Imaging“, erfasst die Geschwindigkeit der Ausbreitung von Scherwellen im Herzmuskel. Dies könnte künftig zur Beurteilung der Myokardsteifigkeit beitragen. 

Im Rahmen des Deutschen Echokardiografiekongresses in Köln (DEKK, 7.–9. November 2019), berichtete Dr. Aniela Petrescu aus der Arbeitsgruppe um Prof. Jens-Uwe Voigt an der Universität Leuven, Belgien, in einer der Hauptsitzungen über ihre Forschungsarbeiten zu neuen echokardiografischen Methoden.

100-mal schnellere Aufnahmen

Am dortigen Forschungszentrum für Bildgebung haben die Ingenieure um Prof. Jan D’hooge ein Echokardiografiegerät gebaut, das Aufnahmen der Herzbewegung mit über 5.000 Bildern pro Sekunde ermöglicht. Das ist bis zu hundertmal schneller als mit herkömmlichen Geräten. Die hohe Bildrate (High Frame Rate Imaging) erlaubt, kleine und schnelle Vibrationen des Herzmuskels darzustellen und zu vermessen. 

Solche Vibrationen können künstlich durch Ultraschallimpulse erzeugt werden. Sie entstehen aber auch auf natürlichem Wege, zum Beispiel durch den Schluss der Aorten- oder Mitralklappe und breiten sich dann wellenförmig über das Myokard aus. Da die Schwingungen rechtwinklig zur Ausbreitungsrichtung erfolgen, spricht der Physiker von Scherwellen („Shear Waves“). 

Interessanterweise ist die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Scherwellen direkt abhängig von der Steifigkeit des Mediums, in dem sie sich ausbreiten. Gelingt es nun, mittels High Frame Rate Imaging die Scherwellen darzustellen und ihre Ausbreitung zu verfolgen (Shear Wave Imaging), ergibt sich erstmals die Möglichkeit, Myokardsteifigkeit direkt und nicht invasiv zu messen.

Schnellere Scherwellen im Alter

Die Arbeitsgruppe in Leuven hat diese neue Methode zunächst an Probanden unterschiedlichen Alters getestet. Es zeigte sich, dass sich Scherwellen, die durch den Mitralklappenschluss (d.h. enddiastolisch) entstehen, mit zunehmendem Alter schneller ausbreiten. Die Forscher schließen deshalb auf eine zunehmende Steifigkeit des Herzmuskels (abnehmende Compliance der Herzkammer) im Alter.

Auch bei bestimmten Pathologien, die erfahrungsgemäß mit einer erhöhten Myokardsteifigkeit und dadurch mit diastolischer Dysfunktion einhergehen (Amyloidose, Hypertrophie), konnten deutlich erhöhte Scherwellengeschwindigkeiten festgestellt werden. 

Als Verlaufskontrolle nach Herztransplantation

Eine Studie mit Patienten nach Herztransplantation wies nach, dass die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Scherwellen besser mit der im MRT gemessen diffusen Myokardfibrose korreliert, als die klassischen Kathetermessungen, die heute den Standard in der Verlaufskontrolle nach Herztransplantation darstellen.

Vielversprechende neue Methode 

Shear Wave Imaging erscheint damit als vielversprechende neue Methode zur Beurteilung der Myokardsteifigkeit und der diastolischen Funktion des Herzens. Wünschenswert wäre die Induktion von Scherwellen, z. B. durch starke Ultraschallimpulse, um zu jedem beliebigen Zeitpunkt die Steifigkeit des Myokards messen zu können. Damit könnte auch die frühe Diastole (Relaxation) und die Systole (Kontraktilität) einer nicht invasiven Messung zugänglich gemacht werden. 

Auch sind Messungen derzeit auf septale und posteriore Myokardregionen beschränkt. Die Forscher sind jedoch zuversichtlich, dass diese zumeist technischen Limitationen sich in den nächsten Jahren überwinden lassen. Vielleicht können ja bereits auf dem nächsten DEKK im November 2020 Erfolge vermeldet werden. 

Literatur

CardioNews Ausgabe 3 2020

Highlights

DGK-Kongress to go

DGK.Online 2020 – der Online-Kongress der DGK: Damit Sie auch in Zeiten eingeschränkter Versammlungs- und Reiseaktivitäten immer auf dem aktuellen Stand sind. Sehen Sie Vorträge zu aktuellen Themen von führenden Experten - wann und wo immer Sie wollen.  

Aktuelles zum Coronavirus

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit Covid-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Diuretika bei Herzinsuffizienz: Mehr als nur Symptomverbesserung?

Schleifendiuretika gelten bei Herzinsuffizienz  als unverzichtbare Option zur Bekämpfung von Symptomen einer Flüssigkeitsretention. Erstmals deutet nun eine Studie an, dass ihr Nutzen über die symptomverbessernde Wirksamkeit  hinausgehen könnte.

Viele Schmerzmittel sind für Herzinfarkt-Patienten gefährlich

Ärzte sollten auf die Verschreibung nichtsteroidaler Entzündungshemmer bei Herzinfarkt-Patienten möglichst verzichten. Doch nicht immer ist das möglich. Eine Studie legt nun nahe, welche Substanzen am sichersten sind – und räumt mit alten Vorteilen auf.

Neues Positionspapier warnt: E-Zigaretten können dem Herzen schaden

Die Anzahl der E-Zigarettenraucher steigt, speziell unter Jugendlichen, obwohl die gesundheitlichen Folgen noch nicht vollständig erforscht sind. Ein internationales Team aus Forschern und Ärzten warnt in einem neuen Positionspapier vor den Nebenwirkungen.

Aus der Kardiothek

Was sehen Sie im Kardio-MRT?

Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement) mit Darstellung eines Kurzachsenschnitts im mittventrikulären Bereich. Was ist zu sehen?

BNK-Webinar "Von den Toten lernen für das Leben"

Alle verstorbenen COVID-19-Patienten werden in Hamburg obduziert und häufig auch im CT  betrachtet. Rechtsmediziner Prof. Klaus Püschel gewährt einen Einblick in seine Arbeit und erläutert die Todesursachen der Patienten – mit speziellem Fokus auf das Herz.

Kardiologische Implikationen und Komplikationen von COVID-19

Sind Herzpatienten besonders gefährdet und welchen Einfluss haben ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Rezeptor-Blocker? Dies und mehr beantwortet Prof. Martin Möckel, Internist, Kardiologe und Notfallmediziner von der Berliner Charité.

Bildnachweise
DGK.Online 2020/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
BNK-Webinar/© BNK | Kardiologie.org
Webinar Prof. Martin Möckel/© Springer Medizin Verlag GmbH