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21.04.2017 | Diagnostik in der Kardiologie | Nachrichten

Anlagebedingte Herzerkrankungen

Wissen um genetische Risiken kann Patienten und auch Familien helfen

Autor:
Philipp Grätzel

Genetische Tests finden zunehmend Eingang in die kardiologische Versorgung. Zwar sind unmittelbare therapeutische Konsequenzen die Ausnahme. Risikogene können aber bei der Einschätzung des Verlaufs einer Erkrankung und bei der familiären Beratung helfen.

Nicht zuletzt dank immer besserer Sequenzierungstechnologien hat sich das Wissen um genetische Risiken in der Medizin und damit auch der Kardiologie in den letzten Jahren massiv verbreitert. Genetischen Untersuchungen komme einerseits bei der Diagnostik einiger oft seltener kardialer Erkrankungen, andererseits bei der Risikostratifizierung wachsende Bedeutung zu, sagte Professor Eric Schulze-Bahr vom Institut für Genetik von Herzerkrankungen am Universitätsklinikum Münster.

Klinisches Spektrum ist bei Gendefekten oft sehr breit

Schulze-Bahr, der auch Hauptautor eines kürzlich publizierten Positionspapiers der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) zur Gendiagnostik bei kardiovaskulären Erkrankungen ist, illustrierte bei der DGK-Frühjahrstagung in Mannheim anhand mehrerer Beispiele den derzeitigen Stellenwert der genetischen Diagnostik in der Kardiologie.

So sind beim Long-QT-Syndrom mehr als zehn Gene bekannt, die diese Erkrankung verursachen können. Eine Genotypisierung wird im DGK-Positionspapier empfohlen, weil so bestimmte lebensstilassoziierte Ratschläge gegeben werden können und es auch genotypabhängige Unterschiede in der antiarrhythmischen Therapie gibt.

Eine andere Frage ist, wie gut einzelne Gene das individuelle Risiko vorhersagen. Besser mit kardiovaskulären Ereignissen korreliert als Gene sei die Länge der QT-Zeit, so Schulze-Bahr: „Hier würde ich im Zweifel lieber auf das EKG schauen.“ Generell bestehe in der genetischen Risikoprädiktion häufig das Problem, dass das klinische Spektrum bei genetischen Defekten relativ breit sein kann – selbst innerhalb einer Familie.

Auch beim arhythmogenen rechten Ventrikel (ARVC) helfen einzelne Genmutationen bei der Risikoprädiktion nicht weiter. Allerdings korreliert hier die Zahl der Mutationen relativ gut mit der Schwere des klinischen Verlaufs. Mit anderen Worten: Während die Aussagekraft einer einzelnen Genmutation gering ist, kann das Vorliegen (oder Nicht-Vorliegen) mehrerer Mutationen sowohl für den Patienten als auch für möglicherweise betroffene Angehörige eine wichtige Information sein.

Familienangehörige: Klinische Untersuchung ist das mindeste

Konsequent zu empfehlen sei generell eine klinisch-kardiologische Untersuchung der Verwandten ersten Grades von Patienten mit genetisch bedingten kardialen Erkrankungen, betonte der Experte. Bei Erkrankungen, bei denen das Wissen um Gene therapeutische Konsequenzen haben kann, sollten zusätzlich genetische Tests erfolgen.

Schulze-Bahr berichtete beispielhaft von einer Familie, in der zwei Familienmitglieder früh an Aortenaneurysmen verstorben waren und ein drittes bei einem eher leichten Autounfall ums Leben kam. Es gab sechs weitere lebende Verwandte, die alle klinisch unauffällig waren.

Bei der genetischen Abklärung der Familie fanden die Experten eine ACTA2-Mutation als Ursache der gehäuften Aneurysmen. Sie wurde bei drei der sechs klinisch unauffälligen Familienmitglieder nachgewiesen. „Hier wird es jetzt regelmäßige Kontrollen der Aorta geben sowie die Empfehlung, den Lebensstil anzupassen und Spitzenbelastungen zu vermeiden“, so Schulze-Bahr.

Noch viel unmittelbarere therapeutische Konsequenzen hat eine seltene, noch nicht genau charakterisierte Mutation auf Chromosom 7, die zu idiopathischem Kammerflimmern führen kann. Sie wurde vor einigen Jahren in den Niederlanden beschrieben. Diese Mutation führt bei den Trägern dazu, dass frühzeitig einfallende ventrikuläre Extrasystolen Kammerflimmern triggern. Klinisch sei das hoch relevant, betonte Schulze-Bahr. In den Niederlanden werde deswegen bei Verwandten von Genträgern jetzt nach diesem Gendefekt gezielt gesucht. Gegebenenfalls kann dann eine prophylaktische ICD-Implantation empfohlen werden. 

Literatur