Nachrichten 24.12.2021

iPhone 12 & Implantat-Träger – „Abstand von 15 cm nicht nötig“

Berichte über Interaktionen des iPhone 12 mit Schrittmacher- und ICD-Funktionen haben Bedenken ausgelöst. Apple rät Implantat-Trägern deshalb, zwischen sich und Handy einen Mindestabstand von 15 cm einzuhalten. Berliner Kardiologen halten diese Maßnahme angesichts neuester Daten für übertrieben.

Was sollte man Patienten mit einem implantierten ICD oder Schrittmacher im Umgang mit Smartphones oder anderen elektronischen Alltagsgeräten raten? Eine traditionelle Faustregel lautet: 15 cm Abstand halten. Dazu rät auch der iPhone-Hersteller Apple, wenn Implantatträger ein iPhone 12 benutzen. Kardiologen um Dr. Philipp Lacour halten diese Maßnahme allerdings für unnötig. Die Mediziner von der Berliner Charité haben in einer Studie die Störeinflüsse des iPhone 12 untersucht, und können Entwarnung geben.

„Die existierende Empfehlung, das Smartphone nicht in der Brusttasche direkt über dem CIED-Device zu tragen, ist sinnvoll“, schreiben die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Heart Rhythm. „Allerdings ist die Empfehlung, einen 15-cm Abstand zwischen iPhone 12 und dem CIED-Generator einzuhalten, nicht notwendig“, betonen sie. Denn diese könnte unberechtigte Sorgen bei den Patienten auslösen.

In iPhone 12 starker Magnet verbaut

Doch zurück zum Anfang: Dass ICD- und Schrittmacherfunktionen durch elektronische Alltagsgeräte gestört werden können, ist schon lange bekannt. Eine Ursache hierfür sind die in kardialen elektronischen Devices (CIED) enthaltenen Magnet-sensitiven Schalter (Hall-Sensor, Reed Switch). In elektronischen Alltagsgeräten wiederum sind häufig Magnete enthalten, die ein statisches Magnetfeld erzeugen, das die Schalter ab einer gewissen Stärke aktivieren kann.

Ein relativ starker Magnet ist im iPhone 12 verbaut, in Form von mehreren Kleinmagneten. Die Technik wird MagSafe genannt. Und diese kann Einzelfallberichten zufolge offenbar – wenn das Handy direkt über dem Implantat ausgerichtet wird – die antitachykarde Therapiefunktion von implantierten kardialen Devices vorrübergehend deaktivieren. Lacour und sein Team haben nun untersucht, wie groß das Risiko solcher Störeinflüsse tatsächlich ist.

In vivo- und ex vivo-Versuchsreihe

Insgesamt 164 Patienten, denen ein kardiales Device implantiert wurde, haben die Wissenschaftler für ihre Versuchsreihe rekrutiert. Dabei waren sämtliche CIED-Geräte vertreten, also alle Schrittmacher-Typen und ICDs. Für die in vivo-Untersuchung haben Lacour und Kollegen das iPhone 12 direkt auf die Haut der Patienten in Höhe des Device-Generators gelegt. Das Handy bewegten sie dabei langsam in Richtung Brustkorb, um die Abstände, ab welchen die Störeinflüsse auftreten, nachvollziehen zu können. Diesen Ablauf führten sie mit der Vorder- und Rückseite des iPhones durch. 

Bei der ex-vivo-Versuchsreihe wurde das Smartphone in unmittelbar Nähe verschiedener, nicht implantierter Devices von sämtlichen Herstellern in Kontakt gebracht. Zum Vergleich wiederholten Lacour und Kollegen die Versuche mit einem klinischen Donat-förmigen Magneten, der bei einem Abstand von 3,8 cm eine Feldstärke von 9 mT erzeugt.

Ergebnisse im Überblick

Dabei stellten die Wissenschaftler folgendes fest:

  • Eine magnetische Interferenz trat ex vivo in 84,6% der Fälle auf, in denen das iPhone 12 mit der Rückseite an das Device gelegt wurde, mit der Vorderseite war dies bei 46,2% der Fall.
  • In vivo waren solche Störeinflüsse deutlich seltener: Eine Aktivierung des Magnet-sensitiven Schalters passierte bei 30 Patienten, also bei 18,3% (21 Schrittmacher und 9 ICD).
  • Eine solche Interaktion fand aber nur statt, wenn das Smartphone mit seiner Rückseite direkt über der Haut des Patienten auf Höhe des implantierten Devices gelegt wurde.
  • In einer Regressionsanalyse stellte sich die Implantationstiefe als unabhängiger Prädiktor für eine magnetische Interferenz heraus.

Interaktionen selbst bei starken Magneten nur bei direktem Kontakt

„Das Hauptergebnis dieser Studie ist, dass selbst bei einem Smartphone mit einem starken statischen Magnetfeld wie bei dem iPhone 12 eine magnetische Reaktion bei allen CIED-Modellen nur dann passiert, wenn das Handy präzise und sehr nah an das Device ausgerichtet wird“, folgern die Autoren aus ihren Befunden. Da die Implantationstiefe eine Rolle zu spielen scheint, vermuten die Kardiologen, dass das Risiko für eine solcher Interaktion bei Patienten mit einem schlanken Körperbau größer ist. Interessanterweise sei es bei subkutanen ICDs und Geräten zur kardialen Kontraktilitätsmodulation (CCM) zu keiner Aktivierung des Magnet-sensitiven Schalters gekommen, berichten sie.

„Leben ist nicht in Gefahr“

Bei einer Aktivierung des Schalters befand sich das iPhone im Schnitt gerade mal 0,8 mm +/– 1,2 mm über der Hautoberfläche des Patienten; 4,0 mm war die weiteste Distanz, bei der eine magnetische Interaktion festgestellt wurde.

Bei einem Abstand von 1,7 cm zwischen Handyrückseite und Implantat lag die Feldstärke des erzeugten Magnetfeldes bei ≤ 1 mT, im Falle der Handyvorderseite lag die Grenze bei 1,05 cm. Ein Millitesla wird für eine CE-Zertifizierung als Grenze vorgeben, darunter dürfen die in den Implantaten enthaltenen Magnet-sensitiven Sensoren nicht auslösen. Mit zunehmendem Abstand zum Implantat sinkt die Feldstärke des Magnetfeldes exponentiell, d.h. auch das Risiko für eine magnetische Interferenz sollte dann immer stärker nachlassen. Diese Beobachtungen erklärten das niedrige Risiko solcher Störeinflüsse im klinischen Setting, so die Autoren. Dementsprechend sei im alltäglichen Leben auch noch über keinen solchen Vorfall mit dem iPhone 12 berichtet worden, fügen die Kardiologen hinzu.

Lacour und Kollegen raten deshalb zu einer umsichtigen Aufklärung der Patienten: „Den Patienten sollte nicht der falsche Eindruck übermittelt werden, dass sie ihr Leben in Gefahr bringen, wenn sie ein elektronisches Device verwenden“, betonten die Kardiologen. „Das ist besonders wichtig für Patienten mit einem ICD, die häufig psychologischem Stress ausgesetzt sind und Sorge um ihr Device haben, wodurch ihre Lebensqualität vermindert ist.“

Als Vorsichtsmaßnahme empfehlen die Experten, bei jedem Patienten, der ein implantiertes Devices trägt, eine individuelle Testung mit dem von dem Patienten verwendeten Smartphone vorzunehmen.

Literatur

Lacour P et al. Magnetic field–induced interactions between phones containing magnets and cardiovascular implantable electronic devices: Flip it to be safe? Heart Rhythm 2021; https://doi.org/10.1016/j.hrthm.2021.11.010

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