Nachrichten 02.12.2021

Traditionelles Heilverfahren brachte jungen Mann auf Intensivstation

Ein junger Mann kommt mit pleuritischen Thoraxschmerzen in die Notaufnahme. Die Ärzte stellen eine akute Perikarditis fest. Doch trotz Standardtherapie verschlechtert sich der Zustand des Patienten. Erst durch eine umfassende Bildgebung stoßen sie auf die ungewöhnliche Ursache.

Auch alternativmedizinische Behandlungsmethoden sind nicht ohne Komplikationsrisiken, wie der folgende von Dr. Wassim Bedrouni und Kollegen im JACC Case Reports veröffentlichte Fallbericht verdeutlicht.

Ein 24-jähriger Mann stellt sich mit pleuritischen Thoraxschmerzen in der Notaufnahme des Jewish General Hospital in Montreal vor. Die Schmerzen seien besonders schlimm im Liegen, berichtet der junge Patient. Die körperliche Untersuchung ist unauffällig. Im EKG weisen die kanadischen Ärzte einen inkompletten Rechtsschenkelblock nach. In der transthorakalen Echokardiografie (TTE) ist zudem ein gering ausgeprägter Perikarderguss zu sehen. Da zwei von vier diagnostische Kriterien für eine akute Perikarditis vorliegen, stellen die Mediziner die Diagnose und entlassen den Patienten mit hochdosierten Ibuprofen und Cholchicin.  

Übliche Perikarditis-Behandlung schlägt nicht an

Doch die Behandlung schlägt nicht an. Bereits 12 Stunden später kommt der Patient erneut ins Krankenhaus. Seine Brustschmerzen hätten sich verschlimmert, beklagt er. Zudem leide er an Erbrechen und Luftnot. Sein Blutdruck ist mit 101/75 mmHg recht niedrig, seine Herzfrequenz mit 122 Schlägen/Minute auffällig hoch. Er hat eine offensichtliche Jugularvenenstauung. Die Ärzte machen erneut eine EKG, in welchem diesmal diffuse ST-Strecken-Erhöhungen und Absenkungen des PQ-Intervalls zu sehen sind.

Der sich plötzlich verschlechternde Zustand des Patienten bewegt Bedrouni und sein Team dazu, die TTE-Untersuchung zu wiederholen. In dieser zeigt sich auf einmal ein deutlich größerer Perikarderguss als in der vorherigen Untersuchung. Das veranlasst die Mediziner dazu, eine notfallmäßige Perikardpunktion einzuberufen. Die am Ende aber nicht gemacht wird, denn in der Echokardiografie, die in Vorbereitung auf die Operation vorgenommen wird, ist der Erguss erstaunlicherweise wieder deutlich schmaler. Parallel dazu haben sich Blutdruck und Herzfrequenz des Mannes normalisiert. Die akute Verbesserung können sich die Ärzte nicht recht erklären.

Der Patient wird deshalb auf die kardiovaskuläre Intensivstation verlegt. Er wird von Ibuprofen auf Prednison 50 mg/Tag umgestellt, da er eine akute Nierenstörung entwickelt hat. Trotz dieser Behandlung bleiben die Beschwerden des jungen Patienten bestehen, auch wenn inflammatorische Marker und die Leukozytenzahl zurückgegangen sind.

Im CT sind seltsame Fragmente zu sehen

Da die Perkarditis auf die antiinflammatorische Behandlung offensichtlich nicht ausreichend angesprochen hat, forschen die kanadischen Ärzte weiter nach der Ursache für die Herzbeutelentzündung. Als nächstes wird ein MRT gemacht. Neben dem Erguss und einem Late Gadolinium Enhancement fällt den Medizinern ein unerklärbares, den rechten Ventrikel verdeckendes überbelichtetes Artefakt auf. Sie entscheiden sich deshalb für eine zusätzliche CT-Untersuchung. Darin machen sie eine ungewöhnliche Entdeckung: Zwei metallische Fragmente im rechten Ventrikelmyokard, die in die rechte Herzkammer hineinragen, sind zu sehen.

Akupunktur nicht 100% komplikationsfrei

Die Ärzte rätseln über den Ursprung der beiden nadelartigen Konstrukte im Herzen ihres Patienten. Sie haken mehrmals nach bei dem jungen Mann, ob er sich an Situationen in der Vergangenheit, die mit den Metallstücken in Verbindung stehen könnten, erinnern kann. Daraufhin räumt er ein, dass er sich vor drei Monaten in Südkorea einer Akupunktursitzung unterzogen hat, wegen Verdauungsproblemen, wie er berichtet. Bedrouni und Kollegen sind sich jetzt ziemlich sicher: Sie vermuten, dass im Zuge dieser Sitzung Bestandteile der Akupunktur-Nadeln im Körper des Mannes verblieben und dann in den rechten Ventrikel gewandert sind und dort ein Hämoperikard verursacht haben.

Obwohl selten, sei bereits über Fälle von kardialen Komplikationen nach Akupunktursitzungen berichtet worden, auch von Perikardergüssen und Herztamponaden, erläutern die kanadischen Ärzte ihren Verdacht. Manchmal könne es bis zu einem Jahrzehnt dauern, bis daraus resultierende Beschwerden auftreten, in ihrem Fall seien es drei Monate gewesen. Die Mediziner gehen davon aus, dass sich die Nadeln bei dem Mann im Laufe der Zeit woanders hinbewegt haben. Das erkläre auch, warum sich der Perikarderguss zurückgebildet habe, erläutern sie ihre Vermutung. Wahrscheinlich habe sich eine Fistel zwischen Perikardhöhle und dem linken Pleuraspalt gebildet, wodurch der Erguss abfließen konnte.  

Bedeutung der multimodalen Bildgebung

„Dieser Fall verdeutlicht, wie wichtig die Suche nach nicht-idiopathischen Ursachen bei Patienten mit einer Perikarditis ist, deren Zustand sich trotz Beginn einer üblichen Behandlung schnell verschlechtert“, folgern die Autoren aus ihrem Fall. Und er mache deutlich, welche Rolle eine multimodale Bildgebung für die Beurteilung solcher Situationen haben kann.

Dem 24-jährigen Mann werden daraufhin die beiden Nadelfragmente über die rechte Vena jugularis mithilfe eines endovaskulären Systems entfernt. Die Fragmente messen eine Länge von 9 und 7 mm lang. Seine Beschwerden halten zunächst an, weshalb eine Behandlung mit einem Interleukin 1-Rezeptorantagonist begonnen wird. Nach zehn Monaten hat sich der junge Patient vollständig erholt.


Fazit für die Praxis:

  • Wenn sich der Zustand von Patienten mit einer Perikarditis trotz Standardtherapie weiter verschlechtert, sollte weiter nach nicht-idiopathischen Ursachen gefahndet werden.
  • Eine wichtige Rolle dabei spielt die multimodale Bildgebung.
  • Auch wenn Akupunktur-Verfahren generell als sicher angesehen werden, können sie in seltenen Fällen kardiovaskuläre Komplikationen mit sich bringen.


Literatur

Bedrouni W et al. Pericarditis Secondary to an Acupuncture Needle Extracted Via a Transjugular Approach. J Am Coll Cardiol Case Rep. 2021,3(17):1836–41

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