Skip to main content
main-content

31.08.2017 | ESC-Kongress 2017 | Nachrichten

ESC 2017: Im Vergleich zu Heparin

Koronarintervention: Bivalirudin reduziert Blutungsrisiko nicht

Autor:
Veronika Schlimpert

Bivalirudin konnte das Blutungsrisiko im Rahmen von perkutanen Koronarinterventionen im Vergleich zu Heparin nicht senken. Überraschenderweise führte dieses antithrombotische Regime in der VALIDATE-SWEDEHEART-Studie aber zu tendenziell weniger Stentthrombosen. Was bedeutet das nun für die Praxis?

Eine perkutane Koronarintervention (PCI) lässt sich unter Bivalirudin wohl nicht sicherer durchführen als unter Heparin. Die Hoffnung, mit dem direkten Thrombinhemmer weniger Blutungskomplikationen zu provozieren, hat sich in der VALIDATE-SWEDEHEART-Studie mit mehr als 6.000 Herzinfarktpatienten nicht erfüllt.

Damit scheint es in Zeiten der modernen PCI-Therapie keinen offensichtlichen Vorteil für Bivalirudin mehr zu geben. In früheren Studien hatte sich angedeutet, dass das Blutungsrisiko unter dem direkten Thrombinhemmer geringer ist als mit Heparin. In den USA wird Bivalirudin deshalb mittlerweile der Vorzug gegeben, die Europäer setzten dagegen weiterhin eher auf Heparin.

Vergleich unter den heutigen Bedingungen

In der multizentrischen randomisierten Studie VALIDATE-SWEDEHEART sollte die Effektivität und Sicherheit beider Regime nun unter den heutigen Rahmenbedingungen verglichen werden.

Konkret heißt das, dass in der Mehrzahl der Fälle (>90%) der radiale Zugang gewählt wurde und die potenteren P2Y12-Rezeptorantagonisten Ticagrelor und Prasugrel zum Einsatz kamen. Eine Gabe von Glykoprotein IIb/IIIa-Rezeptor-Antagonisten war nicht geplant und sollte nur in Bailout-Situationen, z. B. bei einem Gefäßverschluss, erfolgen.  

Die Ergebnisse wurde von dem Studienleiter Prof. David Erlinge aus Lund in einer Late Breaking Science-Session auf dem ESC-Kongress vorgestellt und simultan im „New England Journal of Medicine“ publiziert.

Vergleichbare Effektivität und Sicherheit

Insgesamt  3.005 STEMI- und 3.001 NSTEMI-Patienten konnten die Studienautoren aus schwedischen Registern rekrutieren. Die Patienten erhielten vor der geplanten PCI entweder Heparin allein (70–100 U/kg) oder Bivalirudin. Bei allen STEMI-Patienten war eine Injektion von unfraktioniertem Heparin 5.000 U vor dem Eintreffen in das Katheterlabor erlaubt. Falls diese nicht erfolgt, wurden 3.000 U direkt vor der Angiografie gegeben.

180 Tage nach dem Eingriff war die Rate an Todesfällen, Herzinfarkten und Blutungen – der primäre Endpunkt – mit beiden antithrombotischen Regimen nahezu dieselbe (12,3 vs. 12,8%).  Exakt identisch war die Häufigkeit schwerer Blutungen (je 8,6%). Ein geringer, wenn auch nicht signifikanter Vorteil ergab sich für Bivalirudin, was das Risiko für Herzinfarkte betraf (Hazard Ratio: 0,84; p=0,33).

Überraschend: Weniger Stentthrombosen nach 30 Tagen

Überraschend war, dass nach 30 Tagen weniger definitive Stentthrombosen in der Gruppe mit Bivalirudin aufgetreten waren (8 vs. 20 Ereignisse, p= 0,03). „Ich glaube, dass ist die erste Studie, die dies gezeigt hat“, kommentierte Erlinge das Ergebnis. In früheren Studien war das Risiko für Stentthrombosen unter Bivalirudin eher erhöht. Nach 180 Tagen war der Unterschied allerdings nicht mehr signifikant.

Die Ergebnisse unterschieden sich nicht für STEMI- und NSTEMI-Patienten und waren auch in weiteren Subgruppen konsistent. Nur die Frauen hätten etwas mehr von Bivalirudin profitiert, so Erlinge, vielleicht weil Frauen generell mehr zu Blutungen neigen.

Generell geringe Ereignisraten

Auffällig an den Ergebnissen sind die generell sehr niedrigen Ereignisraten. Die wenigen Blutungskomplikationen erklärt sich Erlinge damit, dass GP-IIb/IIIa-Inhibitoren selten gegeben (in 2,4 bzw. 2,8% der Fälle) und überwiegend der radiale Zugangsweg gewählt wurden. Beides könnte die Vorteile von Bivalirudin abgeschwächt haben.

Darüber hinaus hätten sich die behandelnden Interventiologen in 65,3% der Fälle für eine verlängerte Bivalirudin-Infusion entschieden, was zu der geringen Rate an thrombotischen Ereignissen beigetragen haben könnte.

Welches Antikoagulans ist nun besser?

Was heißt das nun für die Praxis?  Nach Ansicht von Prof. Gregg Stone reicht die VALIDATE-Studie nicht aus, um eine definitive Antwort zu geben, welches der beiden Antikoagulanzien im Rahmen einer PCI zu bevorzugen ist.

„Aus den niedrigen Ereignisraten resultieren große Konfidenzintervalle für den primären Endpunkt nach sechs Monaten“, führt der Kardiologe seine Einwände in einem Editorial aus.  Zudem sei die Studie nicht gepowert, um einen Unterschied in den einzelnen Sicherheits- und Wirksamkeits-Komponenten aufzuzeigen. Er hält es zudem für möglich, dass die bei den meisten Patienten erfolgte Heparin-Gabe vor der Angiografie dazu beigetragen hat, den potenziellen Unterschied zwischen beiden Regimen zu verschleiern.

Erlinge und Kollegen haben zugestimmt, ihre Daten für eine Metanalyse zur Verfügung zu stellen. Vielleicht wird diese Analyse mit mehr als 36.000 Patientendaten mehr Antworten auf die Frage nach dem optimalen antithrombotischen Regime im Rahmen einer PCI geben können.

Literatur

Weiterführende Themen

Neueste Kongressmeldungen

14.09.2018 | ESC-Kongress 2018 | Nachrichten

Koronare Bypass-OP: Vermeintlich bessere Operationstechnik langfristig ohne erhofften Vorteil

Die Erwartung, dass sich durch beidseitige Verwendung der A. mammaria interna als Bypassgraft  die klinischen Ergebnisse der koronaren Bypass-Operation auf längere Sicht verbessern lassen, ist in der bislang größten Studie zum Vergleich von herzchirurgischen Techniken  der Revaskularisation nicht bestätigt worden.

12.09.2018 | ESC-Kongress 2018 | Nachrichten

Shunt-Device bei Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion erweist sich als sicher

Bei Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion (HFpEF: Heart Failure with preserved Ejection Fraction) ist derzeit ein  erfolgversprechendes katheterbasiertes Therapiekonzept in der klinischen Erprobung. 1-Jahres-Ergebnisse einer Phase-II-Studie sind beim ESC-Kongress vorgestellt worden.

11.09.2018 | ESC-Kongress 2018 | Nachrichten

Sartan verlangsamt Aortendilatation bei Marfan-Syndrom

Patienten mit Marfan-Syndrom könnten von einer frühen Irbesartan-Gabe profitieren. In einer randomisierten Studie konnte das Sartan die progrediente Ausdehnung der Aortenwurzel hinauszögern, sowohl alleine als auch ergänzend zu einer Betablocker-Therapie.

Neueste Kongresse

TCT-Kongress 2018

Die Transcatheter Cardiovascular Therapeutics (TCT) Conference, die weltgrößte Fortbildungsveranstaltung für interventionelle Kardiologie, findet vom 21.–25.09. 2018 in San Diego statt. Die Highlights finden Sie hier.

ESC-Kongress 2018

Die Jahrestagung der European Society of Cardiology (ESC), der weltweit größte Herz-Kreislauf-Kongress, findet in diesem Jahr vom 25. bis 29. August in München statt. Ein Highlight sind die Hot-Line-Sessions. Die dort vorgestellten Studienergebnisse könnten die Praxis verändern. In unserem ESC-Kongressdossier können Sie diese und viele weitere spannende Themen nachlesen.

EuroPCR-Kongress 2018

Vom 22 bis 25. Mai 2018 findet in Paris der EuroPCR statt, einer der weltweit wichtigsten Kongresse zum Thema Interventiologie. Viele spannende Studien werden erwartet. Die Highlights haben wir für Sie in diesem Dossier zusammengefasst.

Zurzeit meistgelesene Artikel

Highlights

17.09.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Highlights | Video

Schlaganfall bei Katheterablation: Was ist zu tun? Ein Fallbeispiel

Schlaganfälle gehören zu den schlimmsten Komplikationen bei Katheterablationen. Anhand eines Fallbeispiels erläutert PD. Dr. Charlotte Eitel, wie man vorgehen sollte, von der Diagnostik, dem Notfallmanagement bis zur Wiederaufnahme der Antikoagulation.

10.09.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Expertenvorträge | Video

S3-Leitlinie infarktbedingter kardiogener Schock: Die beste Revaskularisations-Strategie

Mehrgefäß- oder Einfach-PCI beim infarktbedingten kardiogenen Schock, welcher Stent und welcher Zugangsweg sind optimal? Prof. Malte Kelm erläutert, was dazu in der S3-Leitlinie steht. 

Aus der Kardiothek

17.09.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Highlights | Video

Schlaganfall bei Katheterablation: Was ist zu tun? Ein Fallbeispiel

Schlaganfälle gehören zu den schlimmsten Komplikationen bei Katheterablationen. Anhand eines Fallbeispiels erläutert PD. Dr. Charlotte Eitel, wie man vorgehen sollte, von der Diagnostik, dem Notfallmanagement bis zur Wiederaufnahme der Antikoagulation.

14.09.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Expertenvorträge | Video

Komplikation Perikardtamponade – was ist zu tun?

Eine typische Komplikation von Katheterablationen  sind Perikardtamponanden. Wie Sie diese erkennen und behandeln, erklärt PD. Dr. Andreas Metzner

13.09.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Expertenvorträge | Video

Notfall kardiogener Schock – Komplikationen erkennen und richtig behandeln

Mechanische Infarktkomplikationen sind oft tödlich. Prof. Uwe Janssens erläutert, welche Maßnahmen Sie in solch schwierigen Situationen ergreifen sollten, alles zum Komplikationsmanagement und Intensivmedizin.

Spezielle Katheterablations-Strategie bei ausgeprägtem Narbengewebe

Vortrag Prof. Dr. Thomas Deneke - Jahrestagung DGK 2018

Die ventrikuläre Tachykardie eines 54-jährigen Patienten mit zurückliegendem Hinterwandinfarkt soll mit einer Katheterablation beseitigt werden. Prof. Thomas Deneke entscheidet sich für eine unkonventionelle Strategie und erläutert wie das CT  in solchen Fällen helfen kann. 

Komplizierte Mehrgefäß-KHK bei einem jungen Patienten

Vortrag Priv.-Doz. Dr. Hans-Jörg Hippe Jahrestagung DGK 2018

Mehrere komplexe Stenosen bei einem 46-jährigen Patienten erfordern ein strategisch sinnvolles Vorgehen. Wofür sich das Team um PD Dr. Hans-Jörg Hippe vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Klinik entschieden hat, erfahren Sie in diesem Livecase. 

Interventioneller Verschluss eines Atriumseptumdefekts

Vortrag Prof. Dr. Horst Sievert Jahrestagung DGK 2018

Bei einem 56-jährigen Patienten wird zufällig ein Atriumseptumdefekt festgestellt.  Prof. Horst Sievert und sein Team vom St. Katharinen-Krankenhaus in Frankfurt entscheiden sich für einen interventionellen Verschluss. Sie finden dabei ein weiteres Loch. Was ist zu tun? Für welches Device sich das Team entscheidet und wie sie genau vorgehen, erfahren Sie in diesem Video. 

Bildnachweise