Nachrichten 28.08.2017

Typ-1-Diabetes und koronare Mehrgefäßerkrankung: Besser Bypass-OP statt PCI?

Patienten mit Typ-1-Diabetes und koronarer Mehrgefäßerkrankung scheinen auf längere Sicht von einer koronaren Bypass-Operation stärker zu profitieren als von einer perkutaner Koronarintervention.

Beim ESC-Kongress in Barcelona stellte Dr. Martin J. Holzmann vom Karolinska Institut in Stockholm eine retrospektive Kohortenanalyse zum relativen Nutzen von perkutaner Koronarintervention (PCI) und koronarer Bypass-Operation (CABG) bei Patienten mit koronarer Mehrgefäßerkrankung und Typ-1-Diabetes mellitus vor.

In bisherigen Studien zum Thema Diabetes und Mehrgefäßerkrankung (BARI, FREEDOM, SYNTAX-Subgruppenanalyse) war ein Überlebensvorteil zugunsten der CABG gefunden worden, aber keine dieser Studien unterschied zwischen Typ-1- und Typ-2-Diabetes. Bei Typ-1-Diabetes besteht ein höheres Mortalitätsrisiko nach CABG gegenüber Nichtdiabetikern, was bei Patienten mit Typ-2-Diabetes nicht zutrifft.

Ziel dieser Studie war es herauszufinden, ob Koronarpatienten mit Typ-1-Diabetes stärker von der CABG profitieren als von der PCI. Als Datenquellen dienten mehrere Register, unter anderem das SWEDEHEART-Register. Eingeschlossen wurden alle Patienten, die zwischen 1995 und 2013 wegen einer 2- oder 3-Gefäßerkrankung revaskularisiert worden waren.

Insgesamt fanden sich 683 Patienten mit Typ-1-Diabetes und CABG und 1.863 Patienten mit Typ-1-Diabetes und PCI. Primärer Endpunkt war die Gesamtmortalität, sekundäre Endpunkte umfassten kardiale Mortalität, Myokardinfarkt, rasche Revaskularisation, Herzinsuffizienz und Schlaganfall.

Erstaunlich war die Entwicklung der Methoden über die Zeit: Wurden im Zeitraum 1995 bis 2000 noch 58 % einer CABG und 42 % einer PCI unterzogen, waren es im Zeitraum 2013 gerade noch 5 %, die einer CABG und 95 %, die einer PCI unterzogen wurden. Auch gab es erhebliche regionale Unterschiede beim Einsatz der Methode.

Die beiden Gruppen unterschieden sich im Hinblick auf akuten Myokardinfarkt mit 14 % in der CABG Gruppe und 37 % in der PCI Gruppe, dafür hatten 84 % aller Patienten in der CABG Gruppe eine 3-Gefäßerkrankung, im Unterschied zu 58 % in der PCI-Gruppe. Um die Gruppen vergleichbar zu machen, wurden statistische Adjustierungen vorgenommen.

Bei der Gesamtmortalität gab es nach entsprechender Adjustierung keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Methoden der Revaskularisation (Hazard Ratio, HR 1,14). Erhöht war das adjustierte Risiko in der PCI-Gruppe allerdings mit Blick auf die koronare Mortalität (HR 1,45), Myokardinfarkte (HR 1,47), und erneute Revaskularisationen (HR 5,64).

In der 30-Tages-Auswertung war in der CABG Gruppe mit 1,9 % gegenüber 0,8 % eine höhere Schlaganfallrate zu verzeichnen, die sich auf lange Sicht ebenso wie die Herzinsuffizienz-Rate dann nicht mehr unterschied.

Aufgrund ihrer Auswertung sehen die Autoren die Bypassversorgung bei Typ-1-Diabetikern mit Mehrgefäßerkrankung als die zu bevorzugende Methode an.

Es gibt allerdings einige Limitationen, die beachtet werden müssen. So war es eine retrospektive Analyse mit Korrekturnotwendigkeit bei vielen Parametern, um eine annähernde Vergleichbarkeit der Gruppen zu ermöglichen. Die Auswahl der Patienten erfolgte nicht durch ein Herz-Team, sondern nach örtlichen Gegebenheiten.

Vor allem ist zu bedenken, dass die Qualität der Stents weiter verbessert worden ist. Auch wurden im letzten Beobachtungszeitraum der Studie 95 % mit PCI versorgt, dies könnte für eine kränkere Population in der PCI-Gruppe mit potenziell schlechterem Outcome sprechen. Somit kann abschließend zwar von Hinweisen bzgl. der zu bevorzugenden Methode, aber nicht von Beweisen gesprochen werden.

Literatur

Präsentation beim ESC Kongress 2017, 26.–30. August 2017 in Barcelona

Simultane Publikation: Nyström T et al. PCI Versus CABG in Patients With Type 1 Diabetes and Multivessel Disease. J Am Coll Cardiol. 2017, https://doi.org/10.1016/j.jacc.2017.07.744

Neueste Kongressmeldungen

Herzinsuffizienz-Patienten scheinen erhöhtem Krebsrisiko ausgesetzt

Haben Herzinsuffizienzpatienten ein erhöhtes Risiko, an einem Tumor zu erkranken? Eine große Studie aus Deutschland lässt das vermuten. Ein deutscher Kardiologe hält einen kausalen Zusammenhang für möglich.

Herzinsuffizienz: Sind ältere Patienten untertherapiert?

Über 80-Jährige mit Herzinsuffizienz scheinen seltener die nötigen Therapien zu erhalten als jüngere Patienten. Welche Behandlungen sich besonders unterscheiden und woran das liegen könnte, zeigen neue Daten vom Heart Failure Kongress.

Herzschutz durch „Fischöl“: Neue Daten, anhaltende Kontroverse

Die Debatte über den kardioprotektiven Nutzen einer Supplementierung von Omega-3-Fettsäuren marinen Ursprungs (“Fischöl”) hat mit einer jüngst beim ACC-Kongress präsentierten sekundären Analyse der STRENGTH-Studie neuen Diskussionsstoff erhalten.

Neueste Kongresse

AHA-Kongress 2020

Ein virtueller Kongress ist mittlerweile schon fast nichts ungewöhnliches mehr. Von der diesjährigen Tagung der American Heart Association (AHA) gibt es aber trotz allem einiges Ungewöhnliches und Spannendes zu berichten. 

DGK Jahrestagung und Herztage 2020

Alle Vorträge der DGK Jahrestagung und Herztage 2020 sind weiterhin on demand für DGK-Mitglieder kostenfrei zugänglich. Auch mit Ihrem Online-Ticket können Sie weiterhin auf alle Vorträge unbeschränkt zugreifen. 
Und wir haben für Sie die wichtigsten Studien und Neuigkeiten redaktionell zusammengefasst. 

DGK-Jahrestagung 2021 on demand

Alle Vorträge der DGK-Jahrestagung 2021 sind weiterhin on demand für DGK-Mitglieder kostenfrei zugänglich. Auch mit Ihrem Online-Ticket können Sie weiterhin auf alle Vorträge unbeschränkt zugreifen. Die wichtigsten Studien und Neuigkeiten haben wir außerdem für Sie redaktionell zusammengefasst. 

Highlights

Corona, COVID-19 & Co.

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

CME-Highlights aus der eAcademy

Mit dem umfangreichen Kursangebot der DGK auf Kardiologie.org haben Sie permanenten Zugriff auf das Fachwissen von führenden Experten und sind immer auf dem neuesten Stand. Testen Sie Ihr Wissen und sammeln Sie CME-Punkte!

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Vorhofflimmern & TAVI – NOAKs doch bessere Wahl?

Einige Leitlinien favorisieren für Patienten nach einer TAVI eine Behandlung mit VKA, wenn eine Indikation zur Antikoagulation besteht. Registerdaten stellen diese Empfehlungen nun infrage.

Kardiologen fordern Maßnahmen für höhere Corona-Impfquote

Eine vierte Welle der Corona-Pandemie birgt vor allem für Menschen mit Herzerkrankungen eine große Gefahr. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) beobachtet daher den sich verlangsamenden Impffortschritt und die große Zahl Ungeimpfter mit wachsender Sorge.

Neues Herzinsuffizienz-Medikament in der EU zugelassen

In Europa steht nun ein weiteres Medikament zur Behandlung der Herzinsuffizienz zur Verfügung. Die Europäische Kommission hat die Marktzulassung für Vericiguat erteilt, wie der Hersteller mitteilt.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

3-D Rekonstruktion einer kardialen Computertomographie. Welche kardiale Fehlbildung ist zu sehen?

Patientin mit einem thorakalen Schmerzereignis – wie lautet Ihre Diagnose?

Lävokardiografie (RAO 30°-Projektion) einer 54-jährigen Patientin nach einem thorakalen Schmerzereignis. Was ist zu sehen?

Patientin mit passagerer Hemiparese – wie lautet Ihre Diagnose?

Transthorakale Echokardiographie mit Darstellung eines apikalen 4-Kammer Blicks einer Patientin mit passagerer Hemiparese.  Was ist zu sehen?

ESC Kongress 2017 Expertenblickpunkt
AHA-Kongress 2020 virtuell
Jahrestagung und Herztage (virtuell)/© DGK
DGK.Online 2021/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
eAcademy/© fotolia / Sergey Nivens
Computertomographie/© S. Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlanen-Nürnberg
Laevokardiographie (RAO 30° Projektion)/© M. Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Transthorakale Echokardiographie/© Daniel Bittner, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen