Nachrichten 26.08.2018

Smartphone-basiertes Screening kommt Vorhofflimmern auf die Spur

Mit einem Zeitungsartikel und einer App, die den Herzrhythmus mit Hilfe der Smartphone-Kamera analysiert, haben belgische Kardiologen zahlreiche Patienten mit bis dato unerkanntem Vorhofflimmern identifiziert. Zumindest einige gingen daraufhin zum Arzt und ließen sich behandeln.

Das Smartphone-basierte Screening auf Vorhofflimmern ist mittlerweile Gegenstand zahlreicher klinischer Studienprojekte. Beim Europäischen Kardiologenkongress in München hat Prof. Dr. Pieter Vandervoort vom Krankenhaus Oost-Limburg in Genk, Belgien, über eine neue Studie berichtet, die einen explizit niedrigschwelligen Ansatz verfolgte.

Zum Einsatz kam dabei die App FibriCheck, ein Klasse IIa-Medizinprodukt das den Herzrhythmus anhand der mit der Smartphone-Kamera erfassten Pulswelle plethysmographisch analysiert. Was die Detailanalyse von Rhythmusstörungen angeht, hat die plethysmographische Methode – die durch die arterielle Druckkurve verursachte Volumenänderungen im Finger erfasst – Grenzen. Aber viele sind der Auffassung, dass sie gut genug ist, um mit ihr im Rahmen eines Vorhofflimmer-Screenings die erste Screening-Runde zu absolvieren.

Große Resonanz auf einen simplen Zeitungsartikel

In Belgien wurde das jetzt sehr pragmatisch angegangen. Die Ärzte veröffentlichten in Kooperation mit der lokalen Zeitung einen Artikel, in dem sie die Problematik Vorhofflimmern und ihr Screening-Projekt erläuterten und die Menschen aufriefen, die App herunterzuladen. In der Zeitung war ein QR-Code abgedruckt, den die Teilnehmer scannten und der sie auf eine Anmeldeseite führte. Sie wurden dann gebeten, eine Woche lang jeweils zwei Mal am Tag für 60 Sekunden die Smartphonekamera auf die Fingerbeere zu legen und das Plethysmogramm zu übermittelt.

Das Ganze war ein ziemlicher Erfolg. Innerhalb von 48 Stunden hatten sich über 12.000 Freiwillige registriert. Und die blieben auch am Ball: Insgesamt rund 120.000 Datensätze wurden in der einen Projektwoche übermittelt. Das mittlere Alter der Teilnehmer lag bei 49 Jahren. Immerhin 75 Prozent waren in der Kernzielgruppe der über 40-jährigen. Die eingehenden Datensätze wurden von den der App hinterlegten Algorithmen ausgewertet. Knapp 100.000 Datensätze wurden als normal klassifiziert, bei knapp 10000 reichte die Qualität nicht aus, und bei gut 12.000 diagnostizierte die künstliche Intelligenz „mögliche Arrythmien“.

Diese rund 12.000 Datensätze haben sich die Experten noch einmal eigenhändig angesehen. Am Ende blieben 615 Datensätze von 136 Patienten übrig, die klare Hinweise auf Vorhofflimmern zeigten. 38 Patienten mit permanentem Vorhofflimmern wurden gleich am ersten Messtag identifiziert. „Interessant war dann, dass wir an jedem der folgenden Messtage acht bis zehn Patienten mit paroxysmalem Vorhofflimmern neu identifizierten“, so Vandervoort. Es zahlte sich also aus, nicht nur einmal, sondern wiederholt zu messen.

Die meisten Patienten hatten keine Symptome

Am Schluss erhielt jeder Teilnehmer per Mail eine automatisch generierte Auswertung, und im Falle eines Verdachts auf Vorhofflimmern die Empfehlung, das ärztlich abklären zu lassen. Vier Monate später kontaktierten die Initiatoren der Studie die Teilnehmer mit Verdacht auf Vorhofflimmern dann noch einmal weil sie wissen wollten, ob sie etwas erreicht hatten. 100 von 136 Patienten antworteten. 60 gaben an, dass das Vorhofflimmern bei ihnen schon bekannt gewesen sei. Das waren also die, die die App auf die Probe stellen wollten. Bei den anderen 40 Patienten war dagegen kein Vorhofflimmern bekannt gewesen. Von diesen waren immerhin 21 im Gefolge des Projekts zum Arzt gegangen, und bei den meisten war eine Antikoagulation initiiert worden.

Vandervoort folgerte aus diesem Projekt, dass ein relativ unaufwändiges Massen-Screening per Smartphone auf Vorhofflimmern prinzipiell möglich sei. Hinsichtlich der derzeit noch nötigen manuellen Nachauswertung gab er sich ziemlich optimistisch, dass künftige Algorithmen die potenziellen Vorhofflimmern-Patienten noch stärker eingrenzen können. Vandevoort  betonte auch, dass das Vorhofflimmern bei der Mehrheit der neu entdeckten Patienten komplett asymptomatisch gewesen sei.

Literatur

Vandervoort P. ESC-Kongress  2018. Session “Late Breaking Science in Telemedicine”. 25. August 2018.

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