Nachrichten 01.09.2020

Herzinfarktdiagnose per Smartwatch? Läuft.

Brustschmerzattacke im Wald und nur eine Smartwatch zur Hand? Bei der virtuellen ESC-Tagung zeigten italienische Kardiologen, wie die STEMI-Diagnose inklusive Infarktlokalisierung gelingen kann, wenn außer einer Uhr nichts zur Verfügung steht.

Dass die modernen Iterationen von Smartwatches wie der Apple Watch mit ihren elektrischen Sensoren ein 1-Kanal-EKG aufzeichnen können, das die Diagnose von Vorhofflimmern erlaubt, hat sich mittlerweile herumgesprochen. 

Mehrkanal-EKG via Smartwatch

Aber das ist nicht alles: Beim ESC Congress 2020 berichtete Prof. Ciro Indolfi von der Magna Graecia Universität in Catanzaro, Italien, von der SMARTAMI-Studie, in der sie Italiener zeigen können, dass sich mit der Smartwatch ohne weitere Hilfsmittel auch ein Mehrkanal-EKG ableiten lässt, bei dem sich die ST-Strecken-Veränderungen recht zuverlässig erkennen und für die Diagnose nutzen lassen.

Das Ganze ist relativ simpel. Möglich sind die Ableitung Einthoven I bis III sowie die Brustwandableitungen V1 bis V6. Die Uhr wird dazu unterschiedlich platziert, wie aus der Abbildung 1 ersichtlich wird. 

© Spaccarotella CA et al. JAMA  Cardiology 2020

Abb. 1: unterschiedliche Platzierungen der Smartwatch zur Aufnahme eines Mehrkanal-EKGs (Credit: Spaccarotella CA et al. JAMA Cardiology 2020).


Für die Ableitung I befindet sich die Uhr am linken Handgelenk, und der Zeigefinger der rechten Hand liegt auf der Krone. Für Einthoven II und III wird die Uhr ausgezogen und auf den linken Unterbauch gelegt. Bei Einthoven II wird der rechte, bei Einthoven III der linke Zeigefinger auf die Krone gelegt. V1 bis V6 werden bipolar abgeleitet, dazu wird wieder der rechte Zeigefinger genutzt, und die Uhr wird an unterschiedlichen Stellen auf der Brustwand platziert. Vernünftig funktionieren tut das Ganze natürlich nur, wenn eine zweite Person – ein Arzt oder Notfallhelfer – die Uhr platziert. Es ist nicht so gedacht, dass der Patient das selbst macht.

Bei STEMI und NSTEMI hat es funktioniert

In der SMARTAMI-Studie wurde bei 54 STEMI- und 27 NSTEMI-Patienten sowie 19 gesunden Kontrollprobanden das 9-Kanal-EKG der Uhr mit einem konventionellen 12-Kanal-EKG verglichen. Das habe hervorragend funktioniert, so Indolfi, und zwar sowohl bei der Beurteilung des STEMI, bei der es primär um die Erkennung von ST-Hebungen geht, als auch bei der Beurteilung des NSTEMI, bei der ST-Veränderungen erkannt werden müssen, die keine Hebungen sind.

„Große klinische Bedeutung"

Die genaue Performance haben die Italiener statistisch berechnet. Für ST-Hebungen beim STEMI kamen sie auf eine Sensitivität von 93% und eine Spezifität von 95%, für NSTEMI-typische ST-Veränderungen waren es 94% und 92%. Aussagekräftiger ist der Korrelationskoeffizienz Cohens Kappa. Er betrug für die Gesamtkohorte 0,65. Werte über 0,6 gelten als substanzielle Übereinstimmung, Werte über 0,8 als perfekte Übereinstimmung.

„Insgesamt könnte diese Methode eine große klinische Bedeutung für die Diagnostik bei akutem Koronarsyndrom in Situationen, in denen ein Standard-EKG nicht sofort verfügbar ist“, so Indolfi.


Literatur

Spaccarotella CA et al. Multichannel Electrocardiograms Obtained by a Smartwatch for the Diagnosis of ST-Segment Changes. JAMA Cardiology 2020;  DOI:10.1001/jamacardio.2020.3994

Indolfi C et al. Multichannel electrocardiograms obtained by a smartwatch for the diagnosis of acute coronary syndromes: the SMARTAMI TRIAL; vorgestellt bei der Session „Wearables and the ECG: What Progress Are We Making?” am 31.08.2020 beim ESC Congress 2020 - The Digital Experience 

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Bildnachweise
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Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
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