Nachrichten 28.08.2022

Smartphone-App steigert Vorhofflimmern-Detektion um das Doppelte

Eine in Deutschland durchgeführte, randomisierte Studie macht einmal mehr deutlich, dass ein Smartphone-basiertes Screening auf Vorhofflimmern funktionieren kann. Die Studie brachte noch eine weitere erfreuliche Erkenntnis.

Mit einem gewöhnlichen Smartphone lässt sich klinisch relevantes Vorhofflimmern im Alltag offenbar deutlich besser aufspüren als mit der in der Praxis gängigen Vorgehensweise. In der randomisierten eBRAVE-AF-Studie, die in Deutschland durchgeführt wurde, erhöhte sich die Detektionsrate durch ein Smartphone-basiertes Screening in der älteren Population um mehr als das Doppelte.

„Ein digitales Screening ist in Bezug auf die Vorhofflimmern-Detektion gegenüber der Standardversorgung überlegen“, resümierte der Studienautor Prof. Axel Bauer beim ESC-Kongress in Barcelona, wo er die Studienergebnisse in einer Hotline-Pressekonferenz vorstellte. Die digitale Strategie sei doppelt so effizient gewesen, berichtete der in Innsbruck tätige Kardiologe.

Digitale Studie in Deutschland

Damit reiht sich eBRAVE-AF in eine Reihe von Studien ein, die gezeigt haben, dass digitale Technologien wie Wearables und Smartphones als Screening-Instrumente zur Vorhofflimmern-Detektion taugen könnten; die bekannteste ist sicherlich die Apple Heart Study. Das Besondere an eBRAVE-AF ist, wie Bauer beim ESC ausführte, dass die Studie ausschließlich digital durchgeführt wurde. Zu keinem Zeitpunkt habe ein persönlicher Kontakt zu den Studienteilnehmern stattgefunden, führte der Kardiologe aus.

Kontaktiert wurden über 67.000 Versicherte einer großen deutschen Krankenversicherung. Voraussetzung für die Studienteilnahme war ein Alter zwischen 50 und 90 Jahren und ein CHA2DS2VASc-Score ≥ 1 (≥ 2 bei Frauen), zudem durfte kein Vorhofflimmern in der Vorgeschichte bekannt sein und keine Verordnung für eine orale Antikoagulation vorliegen.

Smartphone-App mit PPG-Funktion

Die angeschriebenen Personen wurden dazu aufgerufen, eine Rhythmus-App mit Photoplethysmografie (PPG)-Funktion auf ihrem Smartphone herunterzuladen. Letztlich willigten 5.551 Personen der über die App übermittelten Einverständniserklärung ein. Im Anschluss daran wurden die Probanden über die App randomisiert. Die zum digitalen Screening zugeteilten Personen wurden dazu aufgerufen, über sechs Monate hinweg die App regelmäßig anzuwenden. Zeigte die App auf Vorhofflimmern hinweisende Auffälligkeiten an, wurde den Teilnehmern ein von außen anbringbarer Loop-Rekorder zugesandt. Diesen sollten sie für 14 Tage lang tragen. Wichtig: Die App stellte somit bloß eine Verdachtsdiagnose, bestätigt oder widerlegt wurde diese über den Rhythmusrekorder. Die zur Usal Care randomisierten Teilnehmer bekamen die in Deutschland übliche Standardversorgung.

Detektionsrate war doppelt so hoch

Primärer Endpunkt der Studie war neu diagnostiziertes Vorhofflimmern, das eine Behandlung mit oralen Antikoagulanzien nach sich zog. Falls dieser Endpunkt bei einem Teilnehmer nach sechs Monaten nicht eintraf, war ein crossover zur jeweils anderen Strategie möglich (für weitere 6 Monate).

Während der ersten Studienphase (bis 6 Monate) steigerte das digitale Screening die Vorhofflimmern-Detektionsrate im Vergleich zur Standardversorgung um mehr als das Doppelte (38 vs. 17; Odds Ratio, OR: 2,12; p=0,01). In der zweiten Phase (7 bis 12 Monate) bestätigte sich die dahingehende Effizienz des Smartphone-basierten Screenings (33 vs. 12; OR: 2,75; p=0,003).

Wie lässt sich das Screening im Alltag implementieren?

Diese Ergebnisse verdeutlichen, wie Bauer beim Kongress ausführte, dass „jeder/jede sich selbst mit einem Smartphone auf die weltweit wichtigste Rhythmusstörung screenen kann.“ Dies könne riesige Implikationen für die Schlaganfallprävention haben, machte der Kardiologe deutlich.

Was also hält uns noch davon ab, ein solches Screening in den Praxisalltag zu implementieren? „Wir müssen erst noch zeigen, dass eine solche Strategie in einer Verbesserung des Outcomes resultiert“, erinnerte Bauer beim Kongress. Des Weiteren macht der Kardiologe deutlich, dass ein solches Screening kein Selbstläufer ist. Zum einen bestehe die Herausforderung, die digitalen Technologien zu den Patienten zu bringen. Zum anderen müsse man die Menschen motivieren, die Selbstmessungen auch vorzunehmen. Dafür brauche es eine aktive Bereitschaft der Patienten, so Bauer.

Der Fokus dabei sollte seiner Ansicht nach auf Patientinnen und Patienten liegen, die einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, wie Personen mit einem erhöhten CHA2DS2VASc-Score. Denn in dieser Population sei ein digitales Screening sehr effektiv und wichtig, argumentierte Bauer. Die unmittelbare Umsetzung eines solchen Screenings in die Praxis könnte dem Kardiologen zufolge durch eine Kooperation mit den Krankenkassen gelingen.

Ältere waren überraschend compliant

Was die Bereitschaft der Patienten betrifft, hat eBRAVE-AF eine eher überraschende Erkenntnis hervorgebracht. Denn wie Bauer berichtet, waren die älteren Teilnehmer in der Studie besonders compliant gewesen. Sie hätten sogar mehr Messungen vorgenommen als die jüngeren, führte er aus. Dass Ältere mit der Technik Schwierigkeiten haben, hätten sie nicht feststellen können, bemerkte der Studienautor.

Dieses Ergebnis ist insofern überraschend, weil ja immer wieder als Vorbehalt angebracht wird, dass ältere Menschen mit digitalen Anwendungen nicht umgehen können bzw. oder sich gegen deren Einsatz sträuben. Das sei aber nicht wahr, schloss Bauer aus den aktuellen Daten. Das mittlere Alter der eBRAVE-AF-Studienteilnehmer lag im Übrigen bei 66 Jahren.

Literatur

Bauer A: eBRAVE-AF - Smartphone-based AF screening. Hotline-Session 6, ESC-Congress 2022, 26. – 29. August, Barcelona. 

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