Nachrichten 18.06.2019

New kid on the block in der Koronardiagnostik: OCT-basierte FFR-Messung

Die Suche nach der optimalen Technik zur funktionellen Bewertung einer Koronarstenose geht weiter. Eine chinesische Studie hat jetzt eine OCT-basierte Berechnung der fraktionellen Flussreserve retrospektiv analysiert.

Die Bestimmung der fraktionellen Flussreserve (FFR) bei Patienten mit Koronarstenosen ist in vielen Ländern ein häufig genutzter Standard. Schätzungen zufolge wird in den USA bei vier von zehn perkutanen Koronarinterventionen (PCI) eine FFR-Messung durchgeführt. In Deutschland sind es deutlich weniger.

Als Nachteil der invasiven Druckdrahtmessung gilt, dass sie einen gewissen zeitlichen und finanziellen Aufwand bedeutet und dass sie keine anatomischen Informationen liefert. Eine Alternative ist die CT-basierte FFR-Messung (FFRCT), die anatomische und funktionelle Information liefert. Allerdings ist es eine präinterventionelle Methode, und auf funktioneller Seite gibt es Lücken bei koronarer Flussreserve und mikrovaskulärem Widerstand.

Algorithmengestützte Berechnung der FFR aus OCT-Daten

In der Zeitschrift „EuroIntervention“ berichten chinesische Wissenschaftler um Wei Yu vom Med-X Research Institute in Shanghai und Dean Jia von der Kardiologie am Anzhen Krankenhaus in Peking über eine neue Methode der FFR-Messung. Sie hat den Charme hat, dass sie anatomische Bildgebung und funktionelle Messung intrainterventionell zusammenbringt, nämlich eine algorithmengestützte Berechnung der FFR aus den Daten einer optischen Kohärenztomographie (OCT).

Die OCT-basierte FFR oder „OFR“ ist vergleichsweise unaufwändig zu berechnen. Schon mit der derzeitigen, frühen Version der Algorithmen dauert es den Angaben der Chinesen zufolge, die auch bei der EuroPCR Konferenz in Paris über ihre Studie berichteten, weniger als eine Minute, bis der Rechner die FFR in dem per OCT gescannten Gefäßabschnitt ausspuckt.

Für ihre Studie, bei der sie retrospektiv 118 Patienten mit 125 Gefäßläsionen auswerteten, für die sowohl eine invasive FFR-Messung als auch eine OCT-Bildgebung vorlagen. Die Wissenschaftler nutzten die per Druckdraht invasiv gemessene FFR als Goldstandard. Gemessen daran erreichte die berechnete OFR für die Identifizierung von FFR-Werten kleiner oder gleich 0,80 eine diagnostische Genauigkeit von 90 Prozent, bei einer Sensitivität von 87%, einer Spezifität von 92% und einem positiv prädiktiven Wert von 92%.

Noch nicht perfekt, aber schon ganz gut

Das ist noch nicht perfekt, aber für eine erste Studie schon ganz gut. Dies gilt umso mehr, als es sich überwiegend um eher komplexe Läsionen handelte. Gut die Hälfte waren zum Beispiel Bifurkationsläsionen, und bei rund 46% der Läsionen lag die invasive FFR im Grenzbereich zwischen 0,75 und 0,85, einem Bereich also, wo kleine Unterschiede relativ schnell zu abweichenden Resultaten führen.

Trotzdem: Stand im Moment ist die OFR noch nicht besser als ein – ebenfalls noch nicht etabliertes – anderes Verfahren, das die Chinesen und andere Arbeitsgruppen derzeit evaluieren, nämlich die Echtzeitberechnung eines FFR-analogen Parameters, der quantitativen Flussratio oder QFR, aus den invasiven Angiografiedaten. Das ist eine Messung, die keinen zusätzlichen Katheter über den Angiografiekatheter hinaus erfordert.

Langfristig halten die chinesischen Forscher vor diesem Hintergrund ein Szenario für denkbar, bei dem eine QFR bei routinemäßigen PCI-Interventionen zum Einsatz kommt, während die OFR-Messung, die den zusätzlichen OCT-Katheter erfordert, bei komplexeren Läsionen genutzt wird, bei denen sich der Kardiologe außerdem für anatomische Faktoren wie etwa atherosklerotische Plaque-Eigenschaften interessiert. Ob und wenn ja welchen Stellenwert die Druckdrahtmessung dann noch hätte, ist unklar.

Das alles ist derzeit noch ziemlich hypothetisch. Unter anderem fehlt bisher eine prospektive, auf harte klinische Endpunkte gepowerte Evaluation des OCT-geführten Stentings, sodass letztlich der genaue Stellenwert der OCT (ohne OFR-Messung) noch gar nicht klar ist. Hier warten viele auf die Ergebnisse der ILUMIEN IV-Studie, die allerdings noch einige Jahre auf sich warten lassen dürften.

Literatur

Yu W et al. Diagnostic accuracy of intracoronary optical coherence tomography-derived fractional flow reserve for assessment of coronary stenosis severity. EuroIntervention 2019; doi: 10.4244/EIJ-D-19-00182

Vorgestellt bei EuroPCR-Kongress 2019,  21.- 24. Mai 2019, Paris