Skip to main content
main-content

23.05.2019 | EuroPCR 2019 | Nachrichten

Experten-Statement

Standarddefinition vorgeschlagen: Wie Sie ein hohes Blutungsrisiko bei PCI-Patienten erkennen

Autor:
Peter Overbeck

Unter den Patienten mit perkutaner Koronarintervention (PCI) diejenigen zu erkennen, die ein hohes Blutungsrisiko haben, ist von großer Bedeutung. Allerdings mangelt es noch an einer standardisierten  Definition dieser Risikogruppe. Eine internationale Expertengruppe hat sich jetzt auf eine solche Definition geeinigt.

Dass Blutungskomplikationen im Zusammenhang mit PCI-Prozeduren sich prognostisch ungünstig auswirken, ist in klinischen Studien wiederholt gezeigt worden. Bei rund 20% aller Patienten mit PCI ist nach konservativer Schätzung von einem hohen Blutungsrisiko auszugehen. Sie rechtzeitig zu erkennen könnte helfen, Blutungskomplikationen zu vermeiden.

Bisher keine einheitliche Definition

Doch wer sind diese Risikopatienten?  Darüber besteht trotz einer Vielzahl an kursierenden Risikoscores zu ihrer Identifizierung  kein allgemeiner Konsens. Das Academic Research Consortium for High Bleeding Risk (ARC-HBR), eine Gruppe aus 31 internationalen Experten aus verschiedenen Fachbereichen, hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, auf Grundlage der verfügbaren Evidenz eine Konsensus-basierte Definition von Patienten mit hohem Blutungsrisiko im Fall einer PCI zu entwickeln. Aus Deutschland waren Dr. Robert Byrne vom Deutschen Herzzentrum München und Prof. Michael Haude von den Städtischen Kliniken Neuss in diesem Gremium vertreten. 

Professor Philipp Urban vom Hôpital de la Tour in Genf hat die Ergebnisse  in Form eines „PCR-Statements“ beim EuroPCR-Kongress in Paris vorgestellt. Das volle Konsensus-Dokument ist  in den beiden kardiologischen  Fachjournalen „European Heart Journal“ und „Circulation“ publiziert worden.

Unterscheidung zwischen Major- und Minor-Kriterien

Ein hohes Blutungsrisiko besteht demnach dann, wenn das Risiko für Blutungen (Typ 3 oder 5 nach BARC-Definition)  4% oder mehr oder das Risiko für eine intrakranielle Blutung 1% oder mehr im ersten Jahr nach einer PCI beträgt. Risikofaktoren oder Parameter, die allein schon mit einer solchen Risikoerhöhung  einhergehen können, werden als Hauptkriterien (major criterion) klassifiziert. Reichen sie alleine noch nicht für eine entsprechende Risikozunahme aus, gelten sie als untergeordnete Kriterien (minor criterion).

Die ARC-HBR-Gruppe hat sich bei ihrer Definition auf insgesamt 14 Major-Kriterien und 6 Minor-Kriterien für ein hohes Blutungsrisiko festgelegt. Major-Kriterien, die allein schon ein hohes Blutungsrisiko signalisieren, sind demnach:

  • orale Antikoagulation,
  • schwere oder terminale Niereninsuffizienz (eGFR < 30 ml/min),
  • moderate bis schwere Anämie (Hb<110 g/l),
  • spontane Blutungen, die in den vorangegangenen sechs Monaten eine Klinikeinweisung oder Transfusion notwendig machten,
  • moderate bis schwere Thrombozytopenie,
  • chronische hämorrhagische Diathese,
  • Leberzirrhose mit portaler Hypertension,
  • aktive maligne Erkrankung  im vorangegangenen Jahr,
  • spontane intrakranielle Blutung in der Vorgeschichte,
  • traumatische intrakranielle Blutungen im vorangegangenen Jahr,
  • bekannte arteriovenöse Malformationen im Gehirn,
  • mittelschwerer bis schwerer Schlaganfall in den letzten sechs Monaten,
  • größere chirurgische Eingriffe oder Traumata in den zurückliegenden 30 Tagen und
  • geplante größere chirurgische Eingriffe unter dualer Plättchenhemmung (DAPT). 

Als Minor-Kriterien für ein hohes Blutungsrisiko definierte die ARC-HBR-Gruppe: 

  • Alter  ≥75 Jahre,
  • moderate chronische Nierenerkrankung (eGFR 30-59 ml/min),
  • milde Anämie  (Hb 110-129 g/l für Männer und 110-119 g/l für Frauen),
  • spontane Blutungen, die im Zeitraum von 6  bis 12 Monaten vor der PCI eine  Klinikeinweisung oder/oder Transfusion erforderten und
  • ein ischämischer Schlaganfall, der schon länger als  6 Monate vor der PCI zurückliegt,
  • Langzeittherapie mit NSAR oder Steroiden nach PCI.

Faktoren wie akutes Koronarsyndrom oder Gebrechlichkeit  sind nicht in den Kriterienkatalog aufgenommen worden. Ein hohes Blutungsrisiko liegt definitionsgemäß dann vor, wenn mindestens ein Major-Kriterium  oder zwei Minor-Kriterien erfüllt sind 

Ein erster Schritt

Die vorgeschlagene ARC-HBR-Definition sei ein erster Schritt in Richtung der dringend notwendigen Standardisierung dessen, was unter einem hohen Blutungsrisiko bei PCI-Patienten zu verstehen sei, betonte Urban. Diese Definition bedürfe sowohl einer Validierung als auch voraussichtlich einer Rekalibrierung  auf der Basis zu erwartender neuer Daten. Urban wies abschließend darauf hin, dass auch schon eine ARC-HBR-Smartphone-App verfügbar sei, die Ärzten als Hilfe bei der Beurteilung der Blutungsrisikos von Kandidaten für eine PCI dienen solle.

Literatur